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Putin spekuliert auf eine zerfallende Ukraine

Moskau/Kiew. Kaum hatten sich die Außenminister Frankreichs, Russlands, der Ukraine und Deutschlands in Berlin auf den Abzug schweren Geräts aus der in der Minsker Vereinbarung festgelegten Pufferzone geeinigt, war die Übereinkunft schon überholt.

Von Klaus-Helge Donath, SZ-Korrespondent in Moskau

Moskau/Kiew. Kaum hatten sich die Außenminister Frankreichs, Russlands, der Ukraine und Deutschlands in Berlin auf den Abzug schweren Geräts aus der in der Minsker Vereinbarung festgelegten Pufferzone geeinigt, war die Übereinkunft schon überholt. Im umkämpften Donezk riss eine Rakete die Insassen eines Busses in den Tod, und am Flughafen flammten schwere Kämpfe wieder auf. Wenig später kündigte der selbst ernannte Rebellenchef der „Volksrepublik Donezk“, Alexander Sachartschenko, denn auch eine neue Offensive gegen die ukrainische Hafenstadt Mariupol an. Seiner Soldateska gab er mit auf den Weg, „keine Gefangenen zu machen“.

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Auch der ehemalige rechtsradikale „Volksgouverneur“ vom Donbass, Pawel Gubarew, bestätigte in russischsprachigen sozialen Medien eine flächendeckende Offensive. „An fast allen Fronten greifen wir an.“ In Mariupol starben nach einem Raketenangriff mindestens 29 Menschen, und mehr als 90 wurden verletzt. Laut Separatisten soll die ukrainische Armee dafür verantwortlich sein. Nach dem Blutbad teilte Sachartschenko mit, weder eine Offensive lanciert noch den Freischärlern befohlen zu haben, keine Gefangenen zu machen. Das Verlaufsmuster von Ankündigung und Dementi ist seit Monaten dasselbe. Vor allem in der westlichen Öffentlichkeit soll Verwirrung gestiftet werden. Offensichtlich ist der Kreml bereit, durch den Angriff auf Mariupol die Eskalation noch um eine Stufe zu verschärfen. Kremlchef Wladimir Putin soll sich sehr über die Absage eines Gipfels im kasachischen Astana auf Betreiben Berlins geärgert haben. Auch dass er nicht zu den Gedenkfeiern in Auschwitz eingeladen wurde, hat Putin erbost.

Russlands Präsident hat es grundsätzlich nicht auf Frieden abgesehen. Vielmehr scheint Putin überzeugt zu sein, dass die Ukraine in den nächsten Monaten an inneren Widersprüchen in Einzelteile zerfällt und der Westen gezwungen ist, sich mit Russland im Nachhinein zu verständigen. Dass im Vorfeld noch weitere Sanktionen verhängt werden könnten, beunruhigt Putin anscheinend nicht. Es sieht eher so aus, als kalkuliere er bewusst mit einer Mobilisierungsökonomie unter Kriegsbedingungen. Längerfristig ließe sich damit der Bevölkerung die dramatische Verschlechterung der wirtschaftlichen Lage erklären, und der Verteidiger der „russischen Welt“ könnte wohl auch noch auf einen patriotischen Bonus aus Nachsichtigkeit bauen.

Russische Beobachter vermuten, dass der Angriff auf Mariupol der Auftakt eines Versuchs sein könnte, zur annektierten Halbinsel Krim eine Landverbindung zu schlagen. Bislang kontrolliert die Ukraine noch das Gebiet.

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