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Quarantäne-Drama um junge Familie

Zwei Wochen lang glaubt eine Mutter, sie wäre positiv auf Corona getestet. Dann stellt sich raus: Fehler vom Amt.

Hilferuf per Bettlaken und Facebook-Post: Fanny Wienholz wusste sich nicht mehr anders zu helfen.
Hilferuf per Bettlaken und Facebook-Post: Fanny Wienholz wusste sich nicht mehr anders zu helfen. © Daniel Förster

Es beginnt am 20. März, einem Freitagabend. Da erfährt Fanny Wienholz, dass sie Kontakt zu jemandem hatte, der sich mit dem Coronavirus infiziert hat. Die junge Frau, die als Verkäuferin arbeitet und alleinerziehend mit ihren drei Kindern in Bad Schandau lebt, begibt sich in Quarantäne. Am darauffolgenden Montag wird auch sie getestet. So weit, so üblich. Drei Tage später der Anruf vom Landratsamt: Das Testergebnis sei positiv, habe ihr ein Mitarbeiter am Telefon gesagt, erinnert sich Fanny Wienholz. Sie hat sich demnach ebenfalls mit dem Virus infiziert.

Noch am gleichen Tag folgt eine E-Mail der Behörde. „Sehr geehrte Frau Wienholz, uns wurde mitgeteilt, dass Sie positiv auf Corona getestet sind“, schreibt das Rechercheteam des Landratsamts darin. Eine Kopie dieser Mail liegt der Sächsischen Zeitung vor. Fanny Wienholz wird aufgefordert, all ihre Kontaktpersonen der letzten 14 Tage in eine Excel-Tabelle einzutragen und diese dem Amt zu schicken.

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Fanny Wienholz richtet sich ein in der häuslichen Isolation, so gut das eben geht mit drei Kindern im Alter von drei, vier und elf Jahren. Leicht ist es nicht. Freunde gehen einkaufen, der örtliche Fleischer, ein Bäcker und ihre Mutter bringen das Essen vorbei. Symptome der Krankheit verspürt die 33-Jährige nicht.

Bis zum 2. April ist ihre Quarantäne angeordnet. So steht es in dem Bescheid, den Fanny Wienholz bekommen hat. An diesem Tag telefoniert sie mit dem Landratsamt. Plötzlich die überraschende Nachricht: Ihr Test sei negativ ausgefallen, erklärt ihr eine Mitarbeiterin.

„Da war ich platt“, sagt Fanny Wienholz. Zwei Wochen lang saß sie in dem Bewusstsein zu Hause, dass sie positiv getestet wäre. Auf einmal ist alles anders?

An dieser Stelle könnte die Geschichte zu Ende sein – die angeordnete Quarantäne war nach 14 Tagen abgesessen, eine Infektion lag niemals vor.

Doch das Drama geht erst richtig los. Fanny Wienholz telefoniert an diesem 2. April nach eigener Aussage zwanzigmal mit dem Landratsamt. Dabei wird der Ton wohl auch mal etwas unentspannter. Es geht um einen zweiten Test. Bisher hat sie nur die E-Mail, in der steht, dass sie positiv auf den Coronavirus getestet wurde. Sie möchte eine schriftliche Bestätigung, dass sie sich nicht infiziert hat. Sie hat Angst, sonst gegen die Auflagen ihres Quarantäne-Bescheids zu verstoßen und sich womöglich strafbar zu machen.

Fanny Wienholz telefoniert in den folgenden Tagen mit Krankenhäusern und dem Gesundheitsamt. Überall habe man ihr gesagt, dass ein zweiter, negativer Test nötig sei, um die Quarantäne legal verlassen zu können, erklärt sie. Schriftlich hat sie noch immer nur die Mail, in der von einem Positivtest die Rede ist.

Wegen der drei kleinen Kinder und weil sie gerade keinen Führerschein hat, möchte sie per Hausbesuch getestet werden. Das sei nicht möglich, erklärt man ihr. Nach unzähligen Telefonaten und E-Mails weiß sie sich nicht mehr anders zu helfen und macht ihre Lage öffentlich. Am Abend des 7. April hängt sie ein Bettlaken aus ihrem Fenster, auf dem steht, dass sie noch immer in Quarantäne ist und dass das Landratsamt und das Gesundheitsamt sie im Stich gelassen hätten. Ein Foto davon und eine Erklärung postet sie auf Facebook. Der Post wird über 1.500-mal geteilt.

Fakt ist: Fanny Wienholz und ihre Kinder hätten die Quarantäne schon am 3. April verlassen können – einfach so, ganz ohne zweiten Corona-Test. Das zumindest erklärt das Landratsamt auf Anfrage von Sächsische.de. „Da Frau Wienholz nie positiv war, war auch kein zweiter Test erforderlich“, heißt es am Gründonnerstag aus der Pressestelle.

Nur der Isolierten selbst hat das offenbar niemand gesagt. Noch am 3. April, also an dem Tag, an dem sie wieder rausgedurft hätte, erhält die Bad Schandauerin eine E-Mail vom Landratsamt. Darin wird angeordnet, dass sie sich am 4. April zur Nachbeprobung in Sebnitz einzufinden habe. Sie möge sich fahren lassen. „Öffentliche Verkehrsmittel sind verboten!“, heißt es in der Mail des Beprobungsteams, die  Sächsische.de ebenfalls vorliegt.

Fazit: Die ersten 14 Tage Quarantäne waren korrekt, da Fanny Wienholz als Kontaktperson eines Infizierten galt. Das steht in Amtsdeutsch auch so in ihrem Quarantäne-Bescheid. Parallel dazu wurde ihr aber per E-Mail ein positives Testergebnis mitgeteilt, das es so nie gab. Die dritte Woche hätte sie demnach nicht mehr in Isolation verbringen müssen.

Wie konnte das passieren? Auf eine erste Anfrage von Sächsische.de erklärt das Landratsamt noch, es habe keine Verwechslung gegeben. Vielmehr habe die Bad Schandauerin selbst die Formulierung „das Testergebnis ist negativ“ fälschlicherweise als Beweis für eine Infektion missinterpretiert. Fanny Wienholz weist das entschieden zurück: Sie weiß sehr wohl, was ein positiver und ein negativer Test bedeuten. Erst auf nochmalige Nachfrage räumt die Behörde ein, dass es die E-Mail gab, in der von einem positiven Test die Rede ist.

Fanny Wienholz ärgert sich vor allem über das Kommunikationsgebaren des Landratsamts. „Ich verstehe, dass die Leute gerade richtig viel zu tun haben“, sagt sie. Aber wer einen Fehler mache, der müsse den auch eingestehen.

Der Fehler zog unterdessen noch weitere Kreise. Als vermeintlich Infizierte musste Fanny Wienholz alle ihre Kontaktpersonen angegeben. Diese acht Personen wurden ebenfalls unter Quarantäne gestellt, darunter Mitarbeiter der Kirnitzschtal-Klinik und Kita-Erzieherinnen, die gerade in der Notbetreuung arbeiten.

Der zweite Corona-Test für Fanny Wienholz fand dann doch noch statt. Am Tag nach dem Facebook-Post kamen zwei Mitarbeiterinnen zum Abstrich auf Hausbesuch vorbei. Das Ergebnis hat Fanny Wienholz am Karfreitag gegen 17 Uhr per Telefon erfahren. Es ist negativ. Jetzt geht sie wieder vor die Tür.

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