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Bautzen

„Rachegefühle kenne ich nicht“

Thomas Hentschel war jahrelang Trainer bei Budissa. Jetzt sitzt er in Neugersdorf auf der Bank. Am Sonntag kommt es zum Derby der Fußball-Regionalliga.

Wie man mit einem Team aufsteigt, das hat Trainer Thomas Hentschel in der Vergangenheit mehrfach bewiesen. Unser Foto zeigt ihn im Dress der Bautzener. Er führte Budissa in die Regionalliga – und könnte am Sonntag mit Neugersdorf den Abstieg der Spreestäd
Wie man mit einem Team aufsteigt, das hat Trainer Thomas Hentschel in der Vergangenheit mehrfach bewiesen. Unser Foto zeigt ihn im Dress der Bautzener. Er führte Budissa in die Regionalliga – und könnte am Sonntag mit Neugersdorf den Abstieg der Spreestäd © Archivfoto: Torsten Zettl

In der Fußball-Regionalliga Nordost steht der vorletzte Spieltag an. Budissa Bautzen (26 Punkte), der FC Oberlausitz (31) und der Bischofswerdaer FV (33) sind abstiegsgefährdet. Stand jetzt, wären die Neugersdorfer und Schiebocker, die am Sonntag um 13.30 Uhr Germania Halbestadt (8.) erwarten, sportlich gerettet. Budissa helfen wohl nur zwei Siege weiter, um noch vom letzten Platz wegzukommen.

Am Sonntag steht das Derby beim FCO an – und dort ist seit Mitte Februar der langjährige Budissa-Coach Thomas Hentschel für die Neugersdorfer Viertliga-Kicker verantwortlich. Der 54-Jährige, im Hauptberuf Integrationsbeauftragter beim Sportbund in Bautzen, wird seine Trainer-Tätigkeit nach dieser Saison beenden und den Stab an Budissas Ex-Kapitän Stefan Fröhlich übergeben. Vor diesem Schicksalsspiel, das ebenfalls um 13.30 Uhr angepfiffen wird, sprach die SZ mit Thomas Hentschel.

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Thomas Hentschel, was hat Sie bewogen, das Amt des Cheftrainers – unabhängig in welcher Liga der FCO spielen wird – am 30. Juni abzugeben?

Der Zeitaufwand für diese Trainer-Tätigkeit, egal, ob in er Oberliga oder Regionalliga, ist mit meinem Hauptjob auf Dauer nicht zu vereinbaren. Ich könnte auch sagen, ich mache es richtig oder gar nicht.

Sie kamen 2018 zum FCO, übernahmen damals die zweite Mannschaft. Kehren Sie 2019/20 auf die Trainerbank bei der Reserve zurück oder brechen Sie Ihre Zelte in Neugersdorf ab?

Ich höre beim FCO zum 30. Juni auf. Was mich im Vorjahr bewogen hat, nach Neugersdorf zu gehen, hat sich im Dezember 2018 mit der Erkrankung von Ernst Lieb grundlegend verändert. Es ist ja bekannt, dass er nicht noch einmal als Präsident kandidieren wird. Ich gehe davon aus, dass die sportliche Ausrichtung beim FCO eine andere wird.

Wie viele Spieler stehen im Budissa-Kader, die Sie schon trainiert haben?

Martin Hoßmang, Pavel Patka und Denny Krahl. Weiter gibt es keinen Spieler, den ich schon einmal, auch nicht bei einem anderen Verein, trainiert habe.

Sie kehrten 2013 zu Budissa zurück, führten die Mannschaft ein Jahr später in die vierte Liga. Jetzt stehen die Bautzener vor dem Abstieg. Was geht Ihnen durch den Kopf?

Erst einmal hoffe ich, dass Budissa zumindest noch auf den vorletzten Platz klettert, ohne dafür bei uns gewinnen zu müssen. Dann gibt es bekanntlich die Chance, die Liga zu halten. Ich gehe davon aus, dass sich mindestens ein NOFV-Verein in der dritten Liga, also Jena oder Cottbus, noch retten wird. Natürlich geht die sportliche Entwicklung bei Budissa nicht spurlos an mir vorbei, schließlich habe ich dort rund zwölf Jahre auf der Trainerbank gesessen.

Hand aufs Herz: Gibt es in Ihrem Innersten Rachegefühle, nachdem man Sie im März 2016 beurlaubt hatte und Sie danach ein Jahr arbeitslos waren?

Nein, derartige Gefühle kenne ich nicht. Ich wusste, dass ich als Trainer entlassen werden kann. Bis heute bin ich Vereinsmitglied, das allein beantwortet eigentlich Ihre Frage. Damals wollten die Verantwortlichen einen anderen Weg gehen, als den, den ich favorisiert habe. Das muss ich als Angestellter akzeptieren, auch wenn ich natürlich sehr enttäuscht war. Und bevor Sie nachhaken, nein, ich empfinde auch keine Schadenfreude. Im Gegenteil, bei mir überwiegt der Stolz, was wir alles, angefangen vom Oberliga-Aufstieg, mit Budissa erreicht haben.

Können Sie sich vorstellen, noch ein drittes Mal als Trainer bei Budissa anzuheuern?

Ich werde mich jetzt nicht hinstellen und sagen, nein ich werde nie wieder als Trainer bei Budissa arbeiten. Die Philosophie, die ich befürworte, ist bekannt, alles andere findet sich.

Wo wird man Sie in der neuen Saison sehen?

Sie meinen sicher, auf welcher Trainerbank. Ich kann es ihnen noch nicht sagen. Im Moment gibt es nichts Konkretes. Es gab eine Anfrage aus der Landesliga, aber da hätte ich mehr Zeit im Auto zugebracht, als auf dem Trainingsplatz. Wir werden sehen, was sich in der Sommerpause tut. Einen guten Job habe ich ja.

Nach dem Aufstieg der Schiebocker gab es Stimmen, die kritisch anmerkten, dass drei Viertliga-Vereine in der Region wenig Sinn machen. Jetzt steht das Trio im Tabellenkeller. Was sagen Sie?

Erst einmal habe ich mich 2018 über den Aufstieg der Bischofswerdaer gefreut. Ohne Zweifel wäre es fantastisch, könnten drei ostsächsische Vereine in der vierten Liga bestehen. Aber ich sehe die wirtschaftlichen und damit finanziellen Möglichkeiten dafür in der Region nicht gegeben. Daher bleibe ich dabei, auf kurz oder lang wird sich nur ein Verein in der vierten Liga halten. Und das wird auch nur mit der Bündelung der Kräfte, Finanzen und einer klaren sportlichen Philosophie möglich sein.

Ihnen fehlten zuletzt vier Spieler aufgrund einer Gelbsperre. Haben Sie so etwas schon mal erlebt?

Nein. Ich muss aber auch sagen, dass die acht Gelben Karten, die wir beim 3:2-Heimsieg über Chemnitz bekommen haben, in fünf Fällen unberechtigt waren. Ich bin froh, dass wir im Derby keine Sperren haben und ein Spieler wie Ex-Budisse Karl Petrik zur Verfügung steht. Wir brauchen ihn, um die Punkte möglichst in Neugersdorf zu behalten.

Ihr Sohn Tom spielt in Crostwitz und erzielte zuletzt zwei Tore. Hat er Ambitionen, es noch einmal oberhalb der 7. Liga zu versuchen?

Ich denke, er hat das Potenzial, in der Landesliga zu spielen. Er ist jetzt 21 Jahre und studiert in Senftenberg. Das Studium hat natürlich Vorrang. Ich setze ihn nicht unter Druck, würde mich aber freuen, wenn er es sportlich noch einmal ein Stück weiter oben versucht.

Ihr Tipp für das Derby?

Erwischen wir einen optimalen Tag, gewinnen wir. Ich denke, wir brauchen noch drei Punkte, um Rang 16 zu halten.

Gespräch: Jürgen Schwarz