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Rad-Profi Martin: „Es wird mehr aufs Messer gefahren“

Der 35-Jährige aus Cottbus kritisiert vor dem Start der Tour de France an diesem Samstag den Weltverband wegen der Stürze – aber auch die Fahrer.

Tony Martin will die Tour gewinnen – allerdings nicht für sich, sondern als Edelhelfer.
Tony Martin will die Tour gewinnen – allerdings nicht für sich, sondern als Edelhelfer. © dpa/David Stockman

Als Tony Martin 2009 sein Debüt bei der Tour de France gab, hat er vom Triumph in Paris geträumt. Im Alter von 35 Jahren könnte dies wahr werden, wenn auch nicht für ihn selbst. Er könnte aber als Edelhelfer von Topfavorit Primoz Roglic entscheidend sein. Im Interview spricht der in Cottbus geborene Martin über Corona-Maßnahmen, die Sorgen vor dem Abbruch und die sportlichen Chancen.

Herr Martin, wie lebt es sich in der Radsport-Blase?

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Wir wurden viel präventiv getestet. Das hat alles sehr gut funktioniert. Ich würde sogar sagen, dass unser Leben vor Ort leichter war, weil wir weniger Aufgaben hatten, weniger Kontakt zu den Fans, was wir natürlich gern machen, was aber auch Stress bedeutet. Ich kann versichern, dass wir in einer Blase leben, sehr gut isoliert sind und die Risiken minimiert wurden.

Beim Team Bora-hansgrohe gab es einen Positivfall auf Corona, der zwei Tage später negativ war. Droht bei der Tour ein Test-Chaos?

Das ist zu befürchten. Die Tests scheinen nicht 100-prozentig zuverlässig zu sein. Das ist natürlich ein Ding, wenn wir unser ganzes Vertrauen auf diese Tests stützen, und dann stellen sie sich im Nachhinein als fehlerhaft raus. Es muss ja nicht nur so sein, dass ein gesunder Fahrer positiv getestet wird. Es könnte ja auch ein kranker Fahrer negativ getestet werden.

Ist es zu verantworten, dass Zuschauer bei der Tour am Straßenrand stehen?

Ich finde es kritisch. Ich bin kein Fachmann und kann nicht beurteilen, wie sich die 5.000 Leute im Start- und Zielbereich aufteilen können. Für mich ist das eine sehr hohe Zahl. Ich war ein Befürworter einer Tour ohne Zuschauer – lieber eine Tour ohne Zuschauer als gar keine Tour. Das wurde von den Organisatoren sehr früh abgelehnt, was ich nicht verstehe. Die Situation verschlechtert sich von Tag zu Tag.

Haben Sie die Sorge, dass die Tour nicht bis zum Ende gefahren werden kann?

Auf jeden Fall. Das schwebt wie ein Damoklesschwert über uns, dass jeder Tag der letzte sein kann. Das ist sehr schade.

Ist Ihr Teamkapitän Primoz Roglic aus Slowenien für Sie der Topfavorit?

Ja, ganz klar.

Was macht ihn so stark?

Seine Entwicklung ist verblüffend, aber auch erklärbar und nachvollziehbar. Wenn man ihn an Radsport-Jahren hochrechnet, dann wäre er jetzt ein U23-Fahrer oder Jungprofi. (Roglic war Skispringer, ist erst 2013 aufs Rad umgestiegen/Anm. d. Red.). Er hat viel Potenzial, was in den nächsten Jahren noch dazukommen wird. Vielleicht ist auch sein Vorteil, dass er nicht von Kindesbeinen an im Radsport war. Er bringt viel Erfahrung aus dem Skisprung mit, das ihn mental sehr stark macht. Sein größter Pluspunkt neben seinem begnadeten Körper ist seine Gelassenheit. Er baut sich äußerlich keinen Druck auf. Er hat Spaß am Radfahren, versucht, das Beste zu geben, und verkrampft dabei nicht.

Welche Rolle nehmen Sie bei der Tour ein?

Ich werde der Mann für das Grobe sein. Ich werde am Anfang die Kapitänsrolle mit übernehmen und schauen, dass das Feld unter Kontrolle ist, werde viel Arbeit im Wind verrichten. In der ersten Rennhälfte wird man mich oft vorn sehen.

Haben Sie eigene Ambitionen?

Nein. Ich hätte Ambitionen, aber ich kenne meine Rolle. Jedes Korn muss auf Primoz konzentriert sein. Man wird mich relativ sicher nicht in einer Spitzengruppe sehen. Ich bin voller Vorfreude und Kampfgeist.

Primoz Roglic aus Slowenien ist ein Siegertyp, Favorit bei der Tour de France und Chef von Tony Martin.
Primoz Roglic aus Slowenien ist ein Siegertyp, Favorit bei der Tour de France und Chef von Tony Martin. © dpa/Justin Setterfield

Drei Hintergründe zur Tour de France - hier klicken:

Mit zweimonatiger Verspätung beginnt am Samstag in Nizza die 107. Tour de France. Der ursprüngliche Termin der Frankreich-Rundfahrt war aufgrund der Corona-Pandemie nicht zu halten. Der Organisator Aso erarbeitete ein komplexes Sicherheitssystem, das die große Schleife bis zum Finale am 20. September in Paris begleitet.

Die Route: Bereits am Auftaktwochenende geht es in Höhen über 1.600 Meter. Von 21 Etappen über 3.484 Kilometer enden sechs mit einer Bergankunft, darunter auch das Zeitfahren am vorletzten Tag an der Planche des Belles Filles. Die ersten beiden Bergankünfte stehen ungewöhnlich früh auf dem vierten und sechsten Teilstück an. Nur auf der 17. Etappe, die auf dem 2.304 Meter hohen Col de la Loze endet, geht es über 2.000 Meter hinaus.

Die Favoriten: Experten erwarten ein Duell zwischen der britischen Ineos-Grenadiers-Mannschaft mit Titelverteidiger Egan Bernal aus Kolumbien und dem niederländischen Jumbo-Visma-Rennstall mit Vuelta-Gewinner Primoz Roglic aus Slowenien. Beide kämpfen mit Problemen. Bernal laborierte an Rückenbeschwerden. Roglic stürzte bei der Generalprobe schmerzhaft und muss auf seinen Co-Kapitän Steven Kruijswijk verzichten, der sich dabei die Schulter brach. In den Kampf um Gelb will Emanuel Buchmann eingreifen, doch auch der Ravensburger stürzte beim letzten Test.

Das Fernsehen: Die ARD steigt meist nachmittags in die Livesendungen ein. Außerdem überträgt das Erste die Rundfahrt auf One und sportschau.de von Anfang an. Eurosport zeigt alles mit Start des internationalen Signals im frei empfangbaren TV auf Eurosport 1 sowie im Livestream. (sid)

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Das kann sein. Ich hoffe nicht, dass es so schlimme Stürze gibt. Aber eine Tour wird immer extrem nervös gefahren, weil so viel Druck und Prestige dahinter ist.

Es sind Stürze wie dieser von Emanuel Buchmann bei der Generalprobe, die Tony Martin kritisiert.
Es sind Stürze wie dieser von Emanuel Buchmann bei der Generalprobe, die Tony Martin kritisiert. © dpa/Anne-Christine Poujoulat

Sind die Strecken gefährlicher?

Es wird mehr in Kauf genommen. Eine Abfahrt, auf der zuletzt Kruijswijk und Buchmann (bei der Dauphiné-Rundfahrt/Anm. d. Red.) gestürzt sind, habe ich so noch nie gesehen. Das war mutwillig, auf einer Straße mit solchen Schlaglöchern und Kies runterzufahren. Die Rennen werden aber auch aggressiver gefahren. Das Niveau der Fahrer nähert sich immer mehr an. Es entscheiden nur wenige Prozentpunkte. Es wird bis aufs Messer gefahren.

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Ja, ganz klar. Die UCI ist für unsere Gesundheit verantwortlich. Dazu gehört eine ordentliche Streckensicherung. Wenn die Straße grottenschlecht ist, kann man da nicht lang fahren. Da braucht es dann auch ein Bekenntnis zu uns Fahrern. Die UCI ist ein veralteter Verband, der mehr auf seine eigenen Interessen aus ist, dem Geld verdienen wichtiger ist als eine Streckensicherung. Wir bekommen mehr Sanktionen wegen zu späten Einschreibens oder Wegwerfens von Müll, was ich nicht schlechtreden will. Um solche Sachen wird sich aber mehr gekümmert als um die Sicherheit der Fahrer. Das kann nicht sein.

Das Gespräch führte Stefan Tabeling. (dpa)

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