merken
PLUS

Radeberg

Warum steigen die Preise in Pflegeheimen?

In mehreren Einrichtungen im Landkreis müssen Bewohner tiefer in die Tasche greifen. Auch in Radeberg wurde neu verhandelt.

Das Radeberger Pflegeheim in der Nähe des Krankenhauses an der Pulsnitzer Straße wurde im Oktober 1990 eröffnet. Laut Internetseite stehen auf sechs Etagen 200 Wohnplätze zur Verfügung.
Das Radeberger Pflegeheim in der Nähe des Krankenhauses an der Pulsnitzer Straße wurde im Oktober 1990 eröffnet. Laut Internetseite stehen auf sechs Etagen 200 Wohnplätze zur Verfügung. © Marion Doering

Bautzen/Radeberg. Als Marita Scholte vor dem Pflegeheim in der Bautzener Seidau steht, sprudelt es aus ihr heraus. Wenn sie etwas als ungerecht empfindet, sagt sie, dann könne sie nicht stillhalten. Und das, was sie beobachtet, das fällt ganz offensichtlich in diese Kategorie.Seit vielen Jahren lebt ihre Schwiegermutter in dem Pflegeheim, vor allem seit 2018 sind die Preise drastisch gestiegen. Scholte hat alles fein säuberlich in einer Tabelle aufgelistet. 2014 war die Summe noch im dreistelligen Bereich: Knapp unter 900 Euro kostete der Heimplatz der Schwiegermutter von Marita Scholte da. Damals waren die Kosten noch nach Pflegestufen gestaffelt.In der Zwischenzeit ist das System reformiert worden, die Bewohner einer Einrichtung zahlen jetzt alle gleich viel – unabhängig vom Pflegegrad. Dieser sogenannte Eigenanteil lag im Pflegeheim in der Seidau im September 2018 bei knapp über 1.200 Euro – dann gab es die erste große Erhöhung. Um mehr als 400 Euro stiegen die Preise.

Summe steigt um mehr als 100 Euro

 Zum März 2020 flatterte abermals ein Brief ins Hause Scholte: erneut eine Erhöhung. Vergleichsweise gering – knapp über 20 Euro mehr im Monat. Doch dabei blieb es nicht, der nächste Brief ließ nicht lange auf sich warten. Ab Juni muss die Frau noch einmal tiefer in die Tasche greifen. Um mehr als 100 Euro steigt die Summe, auf 1.753 Euro.Das Pflegeheim ist kein Einzelfall, viele Einrichtungen in der Region haben in den letzten Jahren die Preise erhöht. Und auch in diesem Jahr ziehen einige noch einmal an. Im Bautzener Paul-Gerhardt-Altenpflegeheim zum Beispiel sind die Preise zum April erhöht worden, um etwa 200 Euro. Dort müssen die Bewohner nun fast 2.000 Euro im Monat zahlen, berichtet Heimleiterin Christina Nitsche-Uchlier. Weitere Erhöhungen seien dort in diesem Jahr aber nicht geplant.

Anzeige
Die schöne Zeit des Jahres ist endlich da!
Die schöne Zeit des Jahres ist endlich da!

Die Sonne lacht und die Natur zeigt sich allmählich in ihrer vollen Pracht. Wer verbringt da nicht gern seine Freizeit im blühenden, duftenden Garten?

An vielen Stellen soll nachverhandelt werden

 Im Bautzener Malteserstift St. Hedwig sind die Preise zum 1. März gestiegen, um 261 Euro monatlich. Dennoch liegen dort die Kosten tiefer als im Paul-Gerhardt-Heim. Die Bewohner zahlen jetzt 1.694 Euro. Auch hier, sagt Hausleiter Matthias Wollmann, sind 2020 keine weiteren Erhöhungen geplant.Die Bewohner der Oberlausitz Pflegeheime in Bischofswerda, Großdubrau und Neukirch mussten in diesem Jahr noch nicht tiefer in die Tasche greifen, hier liegen die Preise bei 1.411 Euro, 1.789 Euro und 1.664 Euro. Nachverhandlungen sind aber für November geplant. Auch bei den Pflegeheimen der Westlausitz in Pulsnitz, Ohorn und Elstra soll Ende des Jahres nachverhandelt werden. Die Eigenanteile liegen jetzt zwischen 1.450 und knapp unter 1.700 Euro. "Die Preise sind sehr individuell", erklärt Sascha Bock, Geschäftsführer der Oberlausitz Pflegeheime. Das Heim in Bischofswerda beispielsweise sei bereits in den 1980er Jahren erbaut worden; das in Großdubrau ist neu. "Die Investitionskosten schlagen sich in den Preisen nieder", erklärt Bock. Und außerdem: Immer wieder würden bessere Löhne in der Pflege gefordert. Wenn die Heime Personal finden wollen, müssen sie mitziehen – auch das sorge für teurere Rechnungen. "Das ist ein sehr komplexes System", sagt Bock, er stehe quasi zwischen den Stühlen. Denn auf der Gegenseite wisse er ja, dass die Rente oft nicht reiche, um davon einen Heimplatz zu bezahlen.

Radeberg: moderate Anhebung der Sätze

Für das Städtische Alten- und Pflegeheim Radeberg haben ebenfalls vor einigen Wochen Verhandlungen zu den Pflegesätzen stattgefunden. Laut Stadtsprecher Jürgen Wähnert einigten sich Betreiber und Krankenkassen auf eine moderate Anhebung der Sätze. Die genauen Beträge nannte er nicht. "Die Anhebung wird ab Juni erfolgen. Alle Betroffenen werden natürlich vorher schriftlich informiert." Laut Internetseite des Radeberger Heims liegt der monatliche Eigenanteil für jeden Bewohner bei 1.472 Euro. 

Über das Coronavirus informieren wir Sie laufend aktuell in unserem Newsblog.

Während Marita Scholte früher selbst zur Geldbörse greifen musste, gibt es mittlerweile eine Regelung, die besagt, dass Angehörige nur dann für den Heimplatz ihrer pflegebedürftigen Eltern aufkommen müssen, wenn sie mehr als 100.000 Euro im Jahr verdienen. Wenn die Rente der Pflegebedürftigen dann nicht reicht, gibt es einen Zuschuss vom Sozialamt. Eine Summe, bei der Marita Scholte ein bitteres Lachen entfleucht. "Wir gehen seit 2018 zum Sozialamt", sagt sie. Vorher, vermutet sie, hätte die Familie vielleicht auch schon Anspruch auf einen Zuschuss gehabt – wollte sich aber vor dem Amt "nicht nackig machen". Bei der großen Erhöhung habe sie dann aber keine andere Wahl mehr gehabt. Scholte fordert deshalb, dass die Politik aktiv wird – und die Heime die steigenden Kosten anders umlegen, nicht über die Bewohner. Auch Sascha Bock setzt Hoffnung auf eine Neuerung, an der gerade das Bundesgesundheitsministerium arbeitet. Denn tatsächlich tut sich bald vielleicht etwas: Die Pflegeversicherung soll reformiert werden. Auf Anfrage von Sächsische.de erklärt ein Sprecher: "Bundesgesundheitsminister Jens Spahn hat angekündigt, in diesem Jahr einen Vorschlag für die künftige Finanzierung der Pflegeversicherung vorzulegen."

Mehr Nachrichten aus Radeberg und dem Rödertal lesen Sie hier.

Mehr Nachrichten aus Dresden lesen Sie hier.

Nachrichten und Hintergründe zum Coronavirus bekommen Sie von uns auch per Email. Hier können Sie sich für unseren Newsletter zum Coronavirus anmelden.