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Radeberg

An der Corona-Front in Radeberg

Im Altenheim Radeberg sind derzeit Bundeswehrsoldaten im Einsatz. Was sie dort zu tun haben und warum der Job so anstrengend ist.

Nur einer ist als Soldat zu erkennen: Oberst Rüdiger Beiser (vorn) erkundigt sich bei den Oberstabsgefreiten Marcus Lambert (hinten li.) und Paul Mallock. Sie sind im Pflegeheim Radeberg eingesetzt.
Nur einer ist als Soldat zu erkennen: Oberst Rüdiger Beiser (vorn) erkundigt sich bei den Oberstabsgefreiten Marcus Lambert (hinten li.) und Paul Mallock. Sie sind im Pflegeheim Radeberg eingesetzt. © Christian Juppe

Radeberg. Wenn nicht gerade Oberst Rüdiger Beiser in Uniform vorbeischauen würde und sich von der ungewöhnlichen Arbeit berichten ließe, nichts sähe am Alten- und Pflegeheim in Radeberg nach Bundeswehr aus. Keine Tarnkleidung, keine schweren Stiefel. Es fallen nur einige junge Männer auf, die mit Wischeimern, Desinfektionsspray und Tüchern hantieren, gerade so, als würden sie den Job noch nicht allzu lange machen. Es sind wohl auch die nagelneuen Pflegerjacken und -hosen oder die kurz geschnittenen Haare, die stutzig machen. 

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Sie gehören zu den sechs Bundeswehrsoldaten, die an die Corona-Front in das am schwersten betroffene Pflegeheim im Landkreis Bautzen abkommandiert wurden. Sie kommen aus der 37. Panzergrenadierbrigade in Frankenberg. 14 Tage arbeiten sie in Radeberg. In zwei Schichten, auch am Wochenende. 

Untergebracht sind sie in der Offiziershochschule in Dresden. Wer seine Familie in der Nähe hat, kann auch dort übernachten. Die zivile Dienstkleidung ist durchaus gewollt. "Die Heimbewohner gehören der Kriegsgeneration an. Die Uniformen könnten womöglich Ängste hervorrufen", sagt Heimleiterin Carolin Proske. 

Die Arbeit ist anstrengend, sagen die Soldaten. "Wenn wir das Treppenhaus vom Keller bis zur sechsten Etage gesäubert haben, dann weiß man, was man gemacht hat", sagt Ronny Frank. Er ist Oberstabsgefreiter und im richtigen Leben "Kraftfahrer Beweglicher Gefechtsstand", wie er sagt. 

Säubern ist aber nicht gleichzusetzen mit putzen. "Wir desinfizieren alles, vom Fußboden über die Handläufe, Türen, Klinken, Lichtschalter. Alles, was angefasst worden sein könnte. Wenn wir mit dem Haus dann durch sind, fangen wir wieder von vorn an", sagt Oberstabsgefreiter Christopher Werner. 

Mental ist die Arbeit im Heim weniger eine Herausforderung. "Wir haben ja mit den Bewohnern kaum zu tun, deshalb kommen wir auch nicht mit Erkrankten in Kontakt. Pflegerische Arbeiten übernehmen wir ja keine. Dafür fehlt uns die Ausbildung", sagt er. Weshalb sie sich überhaupt für den Einsatz im Pflegeheim gemeldet haben? "Wir helfen, wo wir gebraucht werden, dafür sind wir eingeteilt worden." 

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Heimleiterin Carolin Proske kann nur Positives über die Soldaten berichten. "Sie haben schnell ihre neuen Tätigkeiten gelernt, sie sind engagiert und sehen, wo sie anpacken müssen." Vom Hilferuf des Radeberger Oberbürgermeisters bis zum Einsatz der Soldaten ging es erstaunlich schnell. "Binnen 24 Stunden war das entschieden", sagt OB Gerhard Lemm (SPD). 

Seit dem vergangenen Wochenende arbeiten die sechs in Radeberg. "Wir hatten uns natürlich auf Anfragen wie diese vorbereitet und Soldaten dafür eingeteilt", sagt Rüdiger Beiser. Nach seinen Worten ist die Panzergrenadierbrigade in Frankenberg für derartige Hilfseinsätze in Thüringen und Sachsen zuständig. "Wobei der Einsatz in Radeberg momentan der einzige in einem Pflegeheim ist." 

Seine Soldaten haben jedoch bereits beim Mega-Stau vor einigen Wochen an der polnischen Grenze Lkw-Fahrer mit Mahlzeiten versorgt. Bis 3. Mai werden die Soldaten in Radeberg bleiben, sollte danach ihre Hilfe noch gebraucht werden, wollen sich Stadt und Bundeswehr über eine Verlängerung abstimmen. 

Trotz der großen Hilfe ist die Situation im Heim angespannt, sagt Carolin Proske. "Die Bewohner halten sich ja fast ausschließlich in ihren Zimmern auf, auch zu den Mahlzeiten. Das heißt, dass wir, anders als früher, das Essen zu ihnen bringen. Wir mussten die Prozesse im Heim komplett umstellen." Ihre Mitarbeiter ziehen alle mit, wie sie sagt. "Es gibt aber viele Ausfälle, das müssen wir kompensieren." 

Die Arbeitsbelastung ist hoch und angesichts der Erkrankten auch die mentale Belastung. Im Heim sind bisher acht Bewohner im Zusammenhang mit der Corona-Pandemie gestorben. "Einige im Krankenhaus, einige aber auch im Heim, wenn sie nicht so starke Symptome hatten. Das entscheidet jeweils der Hausarzt." Um den Bewohnern wenigstens einen kurzen Kontakt mit den Angehörigen zu ermöglichen, sind zwei Skype-Plätze eingerichtet worden. Dort können sie per Live-Schaltung miteinander sprechen. 

Am Dienstag wurde damit begonnen, alle Bewohner und alle Mitarbeiter erneut auf das Coronavirus zu testen. Erste Ergebnisse lassen nichts Gutes erahnen. Laut Gerhard Lemm sind insgesamt neun neue Infektionen festgestellt worden, sieben bei den Bewohnern und zwei beim Personal. "Neben den bereits laufenden Hilfen durch Bundeswehr, Mitarbeiter des Epilepsiezentrums Kleinwachau und Mitgliedern des Vereins 'Radeberg hilft' erhalten wir weiter Unterstützung. Die Volkssolidarität unterstützt uns mit einer Mitarbeiterin, die Uniklinik hat uns drei Medizinstudenten vorgestellt. Die genauen Abstimmungen laufen", teilt der OB mit. Vielleicht müssen sich auch die Soldaten der Panzergrenadierbrigade auf einen längeren Einsatz in Radeberg einstellen.

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