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Radfahrt ins Autoland

Drriiiiingg, drriiiingg. Schrill dröhnt das Warnsignal der Straßenbahn in den Ohren. Reflexartig zucken die Köpfe der Radfahrer nach links. In ihr Blickfeld gerät – überraschend nah – ein knallgelbes Ungetüm.

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Von Holger Ansorge

Drriiiiingg, drriiiingg. Schrill dröhnt das Warnsignal der Straßenbahn in den Ohren. Reflexartig zucken die Köpfe der Radfahrer nach links. In ihr Blickfeld gerät – überraschend nah – ein knallgelbes Ungetüm. Ratternd setzt eine Tram zum Überholen an. Automatisch drückt sie die Radfahrer an den Straßenrand. Just in diesem Moment rauscht von hinten ein Auto heran und zwängt sich zwischen den Radlern und der Straßenbahn hindurch. Der Pkw fährt schnell, weil er zwei Hindernisse bei einer Gelegenheit aus dem Weg räumen kann: Denn nur hundert Meter weiter wird die Straßenbahn an einer Haltestelle halten. Dann hätte auch der Autofahrer stoppen und warten müssen. Die Radfahrer halten in dieser ungemütlichen Lage verzweifelt Ausschau nach einem rettenen Ufer: Doch am Rand nur ein holpriger Gehweg, von Fahrradstreifen weit und breit keine Spur. Freitagmorgen, 9 Uhr: Willkommen auf Dresdens neuer Veloroute vom Postplatz nach Gorbitz. „Radfahrer profitieren von mehr Sicherheit und einer durchgängigen Wegführung.“ Stolz ließ die Stadt jetzt verkünden, welche Vorteile eine frisch errichtete und 65 000 Euro teure Radweg-Verbindung zwischen Gorbitz und Postplatz den Dresdner Pedaltretern in Zukunft bringen wird. Seit 1995 hämmerten, bohrten und asphaltierten Bauarbeiter auf der Freiberger und der Kesselsdorfer Straße, um Radfahrern aus dem westlichen Stadtteil die problemlose Anreise und Rückfahrt in die City zu ermöglichen. Ausgeschildert, durchgängig und gut befahrbar soll die Veloroute sein. Doch die Radfahrer, die sich gerade auf der Freiberger Straße befinden, merken davon nichts.

Zwar ist die Freiberger Straße frisch geteert und eben befahrbar, doch der sie anfänglich begleitende Radweg löst sich kurz nach der Kreuzung Bauhofstraße auf: Weiß gestrichelte Linien tauchen auf und zeigen nach wenigen Metern einen Linksbogen an: Die Radler werden auf die Straße gezwungen. Dann verschwindet die Markierung. Von der Sicherheit, die Radfahrer auf der neuen Veloroute laut Stadt erfahren sollen, ist auf der Freiberger Straße ab diesem Punkt nichts mehr zu spüren. Nach rund 1,5 Kilometern taucht rechts auf dem Bürgersteig, kurz vor Einmündung der Freiberger in die Kesselsdorfer Straße, wieder Rosa auf. Ein gut ausgebautes Teilstück des Radweges leitet die Radlergruppe jetzt unter der Löbtauer Brücke hindurch und kreuzt die stark befahrene Löbtauer Straße. Kleine Radfahrerampeln in Augenhöhe machen den Übergang an diesem Knotenpunkt bequem. Grün: Mit Schwung treten die Radfahrer – jetzt auf der Kesselsdorfer Straße – in die Pedalen. Doch nur wenige Meter hinter der Kreuzung bewahrt sie eine Vollbremsung vor ungewolltem Autokontakt: Plötzlich endet der Radweg auf Höhe der Gröbelstraße erneut. Der Bordstein senkt sich, wieder sollen die Radfahrer auf die Straße abbiegen. Doch die ist eng an dieser Stelle und stark befahren. Viele Autos passieren, bevor die Radfahrer auf die Straße fahren können. Als sie den übervollen Bürgersteig umkurven wollen, ist auch auf der Straße kein Fortkommen mehr: Menschentrauben verstopfen an der Doppelhaltestelle Kesselsdorfer/Gröbelstraße den Fahrtweg, als sie in eine Straßenbahn einsteigen. Gut 100 Meter weiter beginnt der Radweg Richtung Gorbitz erneut. Er ist knapp einen Meter breit, links brausen Lkw und Pkw dicht vorbei, ab und zu blockiert ein geparkter Lieferwagen die Strecke. Umso näher Gorbitz rückt, desto schlechter wird die Qualität. Neu gepflastertes Rosa ist längst einer grauen, brüchigen Radwegdecke gewichen. Aufgerissene Stellen behindern den Fahrtfluss.