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Hier plant Sachsen die Fahrrad-Highways

2.000 Fahrradfahrer pro Tag will die Regierung auf jede Strecke locken. Doch bislang hat Deutschland kaum Erfahrungen mit Radschnellwegen.

Schnell, aber sicher zum Ziel: Von Radschnellwegen träumt die deutsche Politik schon länger. Doch die Umsetzung ist beschwerlich und teuer.
Schnell, aber sicher zum Ziel: Von Radschnellwegen träumt die deutsche Politik schon länger. Doch die Umsetzung ist beschwerlich und teuer. © Symbolfoto: dpa

Seit über 10 Jahren wird in Sachsen über die Errichtung von Radschnellwegen diskutiert. Bereits im Koalitionsvertrag von 2014 hatten SPD und CDU sich darauf geeinigt, „ein landesweit einheitliches Radverkehrsnetz für den Alltagsradverkehr“ zu errichten.

Passiert war seit damals nicht genug, kritisierten Opposition und Radler-Lobby immer wieder. Besonders in den Großstädten seien die Radwege viel zu unsicher. So belegte etwa Dresden in einem „Fahrrad-Praxistest“ des ADAC 2019 den letzten Platz im deutschen Städteranking.

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In keinem anderen Bundesland ist das Handwerk so stark wie in Sachsen. Jedes vierte Unternehmen gehört hier zur Wirtschaftsmacht von nebenan.

Gleichzeitig sind in diesen Regionen immer mehr Pedaltreter unterwegs. Besonders in den Ballungszentren steigen zunehmend Pendler aufs Fahrrad um. Bundesweit fuhren bereits 2016 vier Millionen Deutsche mit dem Rad zur Arbeit, in Leipzig und Dresden werden rund 13 Prozent aller Alltagswege auf dem Sattel zurückgelegt.

Im Rahmen des Kenia-Koalitionsvertrags 2019 haben es sich die Parteien zum Ziel gesetzt, diesen Anteil bis 2025 zu verdoppeln. Ein ehrgeiziger Plan, der auch durch den Bau von Radschnellwegen erreicht werden soll. 

Doch vor dem Bau muss jede Strecke in aufwendigen bürokratischen Verfahren geprüft werden. Mitten in den Sommerferien hat das Verkehrsministerium jetzt eine detaillierte Potenzialanalyse vorgelegt – mit spannenden Details für alle Radpendler. Wir stellen das Papier vor und beantworten die wichtigsten Fragen.

Was ist ein Radschnellweg?

Radschnellwege sind Radwege, auf denen durchwegs schnell und sicher gefahren werden kann, ohne sich mit Autos, Bahnen oder Bussen in die Quere zu kommen. Auf Radschnellwegen darf laut Forschungsgesellschaft für Straßen- und Verkehrswesen (FGSV) überholt werden, es gibt eine getrennte Linienführung und Abtrennung zu anderen Verkehrsarten. Auf mindestens 80 Prozent aller Strecken soll dies der Fall sein. Radschnellwege seien auch nötig, so das Ministerium, weil sich immer mehr Sachsen ein Elektro-Rad zulegen. 

Wer profitiert von Radschnellwegen?

Laut Bundesverkehrsministerium profitieren alle Verkehrsteilnehmer. Staus werden vermieden, Lärmbelästigung und Schadstoffe in der Luft reduziert. Radschnellwege sollen Sicherheit bieten und so – besonders für Pendler – einen Anreiz zum Umstieg aufs Rad bieten.

Wo gibt es in Deutschland bereits Radschnellwege?

Bisher gibt es in allen Bundesländern große Pläne, aber kaum Umsetzung. Zwischen Böblingen und Stuttgart wurde im Frühjahr 2019 ein erster Abschnitt mit acht Kilometern Länge freigegeben, weitere Teilabschnitte existieren in Darmstadt, Göttingen und im Ruhrgebiet. 

Hierzulande liegen wirkliche Erfahrungswerte „nur in geringem Umfang vor“, heißt es in der Potenzialstudie. Man bediene sich deshalb vor allem Erkenntnissen aus den Niederlanden, wo bereits ein 300 Kilometer umfangreiches Rad-Autobahnnetz existiert. 

Wie wurden die Strecken in Sachsen ermittelt?

Vertreter der Städte Chemnitz, Leipzig und Dresden haben zusammen mit dem ADFC Sachsen, dem Sächsischen Landkreistag und dem Verkehrsministerium zunächst Korridore ermittelt, die möglichst viele Schulen, Universitätsstandorte, Unternehmen etc. miteinander verbinden. 

Die Entfernungen sollten im nächsten Schritt 15 Kilometer nicht übersteigen, die Radwege selbst mindestens fünf Kilometer lang sein. Dabei wurden auch die meistgenutzten Pendlerwege im Freistaat berücksichtigt. Zielmarke sind 2.000 Radfahrer pro Tag und Strecke.

Wo könnten demnächst Radschnellwege entstehen?

Der Beirat hat elf vielversprechende Verbindungen identifiziert: Vier davon verbinden Dresden mit Nachbarstädten im Süden, Osten und Westen, fünf Leipzig mit dem Umland, eine Strecke verläuft zwischen Chemnitz und Limbach-Oberfrohna, die letzte zwischen Zwickau und Werdau.

Im Vergleich der Korridore hat der Beirat Punkte vergeben. Berücksichtigt wurde unter anderem die Bevölkerungszahl, erreichbare Arbeitsplätze, bereits vorhandene Radwege und der Ausbaustand des ÖPNV. Zudem spielt eine große Rolle, wieviel CO2 in den Korridoren eingespart werden kann, und ob Landschaftsschutzgebiete vom Bau betroffen wären.

Welche Strecken werden am wahrscheinlichsten umgesetzt?

Die besten Bewertungen erhielten die Strecken zwischen Dresden und Pirna sowie zwischen Dresden und Coswig. Zwischen Limbach-Oberfrohna und Chemnitz hingegen arbeiten deutlich weniger Menschen in den Innenstädten, ebenso sind die Regionalzugverbindungen dort verhältnismäßig schlecht. Die Chancen für die übrigen Verbindungen scheinen aber gut zu stehen. Der Beirat stufte sie in die zweitbeste von vier Qualitätskategorien ein. 

Was kostet der Bau und wann könnte dieser beginnen?

Radschnellwege sind kostspielig: Jeder Kilometer wird vom Ministerium mit zwei Millionen Euro veranschlagt. Zum Vergleich: Einen normalen Radweg zu bauen kostet nach Informationen des Prüfinstituts für Baustoffe rund ein Zehntel. Bis die Bagger rollen, kann es allerdings noch dauern. 

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Denn eine Potenzialanalyse ist nur der Anfang. Es folgen langwierige Routenplanungen, Genehmigungsverfahren und Fördergeldbeschaffungen beim Bund. Aber: CDU, SPD und Grüne haben hierfür im Koalitionsvertrag Personalaufstockungen vereinbart. Außerdem soll die Verwaltung beim Thema Rad in Zukunft schneller arbeiten. 

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