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Rätsel um abgeknickten Windrad-Flügel wird gelöst

Spezialisten demontieren das gebrochene Rotorblatt im Windpark Heynitz. Dann machen sich Gutachter ans Werk.

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© hübschmann

Von Dieter Hanke

Das amputierte Windrad ist schon seit gut vier Wochen auf der A 4 am Nossener Autobahndreieck in Richtung Chemnitz zu sehen. Tausende Autofahrer fahren hier täglich vorbei und rätseln, wie das passieren konnte: Ein Flügel einer Windkraftanlage ist in etwa 80 Meter Höhe gebrochen. An die zwei Drittel des über 40 Meter langen Rotorblattes hängen herab. „Es sieht alles erbärmlich aus“, sagt der Schmiedewalder Günther Maier. Auch er mutmaßt wie viele andere zu den Ursachen des Unglücks: War es heftiger Wind, ein Blitzschlag, sind es Materialfehler? Oder gab es sogar einen Zusammenstoß mit einem Flugkörper?

Ob nun Befürworter von Windkraftanlagen oder Gegner – das gerupfte Windrad auf Mahlitzscher Flur ist keine Werbung für alternative Energiegewinnung. In der Woche nach Ostern soll nun begonnen werden, genauen Aufschluss über das Unglück zu erhalten. Fachleute von Vestas Deutschland, dem Hersteller dieser über zehn Jahre alten Anlage im Windpark Heynitz an der B 101, rücken mit Spezialkränen an, um den gebrochenen Flügel zu demontieren. Gutachter wollen dann herausfinden, warum vor Wochen das Rotorblatt mit einem großen Krach auseinanderbrach. Auch Experten vom Betreiber dieses Windparks mit seinen über zehn Anlagen, die Breeze Four Energy GmbH  & Co KG aus Leer (Ostfriesland) wird bei dieser Aktion mit dabei sein, ebenso die ITEC International GmbH aus Leer, die als Dienstleister mit der technischen und kaufmännischen Betriebsführung des Windparks in Heynitz beauftragt wurde. Dieses Unternehmen betreut insgesamt 360 Windkraftanlagen an verschiedenen Standorten in Deutschland und in Frankreich.

„Wir wollen auf jeden Fall Klarheit, warum das passiert ist. An Spekulationen zum Unglück beteiligen wir uns aber nicht“, sagt ITEC-Geschäftsführer Helmut Classen. Eine Störmeldung der Anlage in Mahlitzsch habe damals den Vorfall signalisiert. Ein Wachdienst schirmte in der Folgezeit das Gelände ab, um weitere Gefahren abzuwenden. Die Spezialisten wollen nicht nur den defekten Flügel demontieren, sondern anschließend auch ein neues Rotorblatt installieren, das von Vestas in den vergangenen Wochen hergestellt wurde. „Gleichzeitig werden auch die anderen zwei Flügel des Windrads kontrolliert, ob diese eventuell Schäden aufweisen“, sagt Classen. Gegen Ende April soll sich dann das Windrad wieder drehen und Strom produzieren.

Bei dem Sturm der vergangenen Tage haben sich auch in der Nossener Region die Anlagen im Heynitzer Windpark automatisch abgeschaltet. „Das ist bei Windgeschwindigkeiten von 25 Metern pro Sekunde der Fall“, so Classen.

Das Unglück in Mahlitzsch ist eine teure Angelegenheit. Da sind die Schäden an der Anlage, enorme Stromertrags-Ausfälle sowie Kosten für Gutachter, Transporte, neue Bauteile und andere Dinge. Ein sechsstelliger Betrag werde da wohl zusammenkommen, wie Eingeweihte verlauten ließen. Für die Eigentümer-Gemeinschaft des Windparks Heynitz ist das sicher Anlass, die Frage nach der Schuldzuweisung zu stellen.

Auch bei der Vestas Deutschland GmbH, die zum dänischen Weltmarktführer im Windturbinenbau Vestas A/S gehört, wird das Unglück genau ausgewertet, wie Classen sagt. Das Unternehmen registrierte bisher selten Brüche bei Rotorblättern, die aus eigener Herstellung stammen. Zum Beispiel brach 2009 ein Rotorblatt einer Windkraftanlage bei Brieske ab und wurde vom Sturm 150 Meter weit über das Land geschleudert. Experten sind sich einig, dass das Unglück in Mahlitzsch Überlegungen nach sich ziehen wird, wie mit weiteren technischen Neuerungen an Anlagen Risiken minimiert werden können.

Auch Nossens Bürgermeister Uwe Anke (parteilos) fordert Aufklärung des Unglücks. Der Windpark Heynitz liegt auf dem Territorium der Stadt Nossen. „Bürger sind verunsichert. Die Ursachen müssen auf den Tisch.“ Da spielt auch mit eine Rolle, dass im nahen Nossen-Augustusberg fünf Windkraftanlagen stehen, die ebenfalls vom Typ Vestas sind.

Mit Heynitz hat die Vestas Deutschland GmbH auch in anderer Hinsicht kein Glück. Das Unternehmen wollte sich 2001 im noch weitgehend leeren Gewerbegebiet ansiedeln und plante eine Fabrik für Rotorblätter. Doch die ablehnende Haltung vom damaligen sächsischen Ministerpräsidenten Kurt Biedenkopf, der Windkraftanlagen als ökonomischen und ökologischen Unsinn und als bloße Gelddruckmaschinen bezeichnet hatte, veranlasste damals Vestas mit diesem Vorhaben ins brandenburgische Lauchhammer abzuwandern. Heynitz verlor so 450 geplante Arbeitskräfte und eine Investition von 100 Millionen Mark.