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Rätsel ums gestohlene Kalb

Zwei Wochen nach dem Diebstahl von 22 Kälbern in Berthelsdorf sind die Landwirte ratlos. Die Polizei hält sich bedeckt.

Von Anja Beutler

Ein kurzes Klacken, das Kälbchen zappelt und wehrt sich – doch die Ohrmarke ist drin. Die Prozedur noch einmal am anderen Ohr und schon ist das Kälbchen der Agrargenossenschaft Berthelsdorf markiert. „Wir müssen die Tiere spätestens zwei Tage nach der Geburt anmelden“, sagt Joachim Hänsch, der Vorsitzende der Berthelsdorfer Agrargenossenschaft. Dass all dieser Papierkram ihm die vor rund zwei Wochen gestohlenen 22 Kälber nicht wiederbringen wird, ist Hänsch allerdings auch bewusst. „Die Marken kann man leicht entfernen“, sagt er. Allerdings ist es auch nahezu unmöglich, in Deutschland oder der EU gestohlene Kälber in einen normalen Bestand einzuschmuggeln. Denn die Tiere sind quasi gläsern: In einer EU-weiten Datenbank werden sie mit Nummer, mit Besamungsdatum, Elterntieren und jedem Verkauf bis zur Schlachtung oder zum Tod registriert. „Die Tiere haben auch einen richtigen Pass, mit Foto“, sagt Hänsch. Das müsse jeder Tierhalter machen.

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Genau diese lückenlose Nachweispflicht ist es, die Hänsch und seine Kollegen darüber rätseln lässt, wo die Tiere wohl hingekommen sind und wozu man diesen aufwendigen und gut geplanten Diebstahl überhaupt durchgezogen hat. „Aktuell sind die Kälberpreise sogar eher tief“, sagt Matthias Döcke, Vorstandsvorsitzender der Agrofarm Herwigsdorf, kopfschüttelnd. Schnelles Geld könne man mit den Diebestieren also nicht machen. „Allerdings spricht ja auch einiges dafür, dass die Diebe die Tiere weiter aufziehen wollten, denn sie haben ja auch die Fütterungsautomaten mitgenommen“, sagt Gotthard Hoffmann, der Vorstandsvorsitzende der Agrargenossenschaft Eibau. Allerdings, so betont er, seien diese Kälber, die später mal Milchkühe werden sollten, sicher nicht als optimales Schlachtvieh geeignet.

Generell sind den Landwirten der großen Betriebe in der Region die Beweggründe für diesen Diebstahl schleierhaft. Die meisten vermuten, dass die Tiere aus der EU herausgebracht wurden – und das alles bandenmäßig organisiert worden ist. Schließlich ist Berthelsdorf längst kein Einzelfall mehr – vergangenen Herbst kam es zu einem ähnlichen Vorfall in der Nähe von Rothenburg. In Brandenburg gab es ebenfalls mehrere Kälberdiebstähle (siehe Kasten). „Wir sind schon besorgt, jetzt sind es nicht nur die Landmaschinen, um die wir bangen müssen“, bringt Joachim Hänsch die Stimmung der Bauern auf den Punkt. Hänsch, der auch Vorsitzender des Oberlausitzer Bauernverbandes ist, hat in den vergangenen Tagen mit vielen Kollegen gesprochen. Viele sind aufgebracht, fordern von Politik und Polizei, dass endlich mehr gegen die Diebstähle – egal ob Traktor oder Kalb – getan wird, die der Wirtschaft und der Motivation der Menschen viel Schaden zufügen. Ehrenfried Zücker von der Miku Agrarprodukte GmbH in Oberseifersdorf ist deshalb auch regelrecht erbost, wie gleichgültig oftmals mit Hinweisen umgegangen werde.

Auch sein Eibauer Kollege Hoffmann findet es bedenklich, dass es inzwischen nicht mehr um den Schutz vor Diebstahl, sondern um Methoden zum leichteren Wiederfinden danach geht. Bei den Kälbern funktioniert aber auch das nicht: „Einen Chip unter die Haut verpflanzen, das macht man nur bei hochwertigen Pferden oder Hunden – oder sehr wertvollen Zuchttieren“, sagt Hänsch. Das komme hier nicht infrage. Und einen Brandstempel dürfen die Bauern längst nicht mehr verwenden. So bleibt die Hoffnung aller Landwirte, dass ihre Kälberställe für die Diebe zu nah an den Wohnhäusern liegen. Oder, dass sie der Polizei ins Netz gehen.

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