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Rätselraten um Nazi-Porzellan

Experten bezweifeln, dass es sich bei den Scherben in einem argentinischen Nazi-Versteck um echtes Meissener handelt.

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Von Peter Anderson

Ein angeblicher Fund von historischem Meissener Porzellan sorgt gegenwärtig für Schlagzeilen auf den Panoramaseiten der internationalen Presse. Die Scherben seien von Archäologen der Universität Buenos Aires in den Überresten eines „Schlupflochs“ für geflüchtete Nazis in Argentinien ausgegraben worden. So ist es bei der britischen Tageszeitung Daily Mail zu lesen. Ähnlich berichten die italienische La Republica und die US-amerikanische Online-Zeitung The Huffington Post. Als Beleg dienen die Reste eines zerschlagenen Zwiebelmuster-Tellers, auf dessen Unterseite der aufgestempelte Hinweis „Made in Germany“ zu erkennen ist.

Spezialisten für die Geschichte der Porzellan-Manufaktur Meissen haben gestern gegenüber der Sächsischen Zeitung starke Zweifel an der Richtigkeit der Angaben in der internationalen Presse angemeldet. „Auf den ersten Blick bin ich davon überzeugt, dass es sich nicht um Meissener Porzellan handelt“, sagt der vereidigte Porzellan-Sachverständige Hans Benemann aus der Nähe von Hamburg. Die Konturen des Zwiebelmusters würden aussehen wie gedruckt, und nicht wie handgemalt. Auch die Anordnung des Hinweises „Made in Germany“ passe nicht zur Arbeitsweise der Manufaktur. Der Begriff sei niemals getrennt und auf zwei Zeilen untereinander geschrieben worden. Wenn der Hinweis – in sehr seltenen Fällen – benutzt wurde, dann seines Wissens nach immer auf einer durchgehenden Zeile. Benemann zufolge haben rund 100 Hersteller Produkte mit Zwiebelmuster angeboten.

Noch deutlicher wird der Direktor der Porzellansammlung im Dresdner Zwinger Prof. Dr. Ulrich Pietsch. Um Meissener Porzellan handele es sich bei dem abgebildeten Bruchstück definitiv nicht. Die Manufaktur habe ihre Stücke – so weit ihm bekannt sei – nie mit „Made in Germany“ gekennzeichnet. Auf eine Besonderheit des Dekors der Scherben aus Argentinien verweist das Archiv der Manufaktur. Demnach ist auf dem Tellerrest der sogenannte Bambusstab aus dem Zwiebelmuster zu sehen. An dieser Stelle werde seit 1888 eine weitere Schwertermarke angebracht, welche hier fehle. Dr. Hans Sonntag, der frühere Leiter der Manufaktur-Schauhalle, könnte sich vorstellen, dass der Teller statt in der Manufaktur möglicherweise in den Meißner Teichertwerken gefertigt wurde. Bei dem privaten Porzellan-Hersteller hätten auch viele frühere Porzelliner gearbeitet. Teichert habe mit dem Zwiebelmuster, dem Weinlaub oder den Streublümchen oft Dekore verwendet, die heute stark mit der Manufaktur assoziiert würden.

Unklar ist unterdessen, von welcher Seite die im argentinischen Dschungel entdeckten Scherben der Meissener Manufaktur zugeordnet wurden. In der größten Zeitung Argentiniens Clarin, welche offenbar als erste von dem vermutlichen Nazi-Versteck berichtete, ist von „porcelana alemana“, also deutschem Porzellan die Rede. Erst in der internationalen Presse wird von „Meissen porcelain“ geschrieben.

Der argentinischen Zeitung Clarin zufolge liegt der Fundort der Scherben in der Nähe der Stadt San Ignacio im Nordosten Argentiniens. Die von den Archäologen untersuchten Ruinen wiesen eine ungewöhnliche Bauart für die Gegend auf. Entstanden seien sie in den Jahren des Zweiten Weltkrieges. Dies lege den Schluss nahe, dass sie eventuell von Deutsch-Argentiniern als Verstecke für hochrangige Nazis nach einer möglichen Niederlage des Dritten Reichs errichtet wurden. Als diese tatsächlich eintrat, hätten die geflohenen Nazis jedoch unbehelligt in argentinischen Städten leben können. Das Versteck blieb ungenutzt, so Clarin. Nach Angaben der staatlichen Kommission zur Aufklärung von Nazi-Aktivitäten flüchteten mindestens 180 Kriegsverbrecher nach Argentinien.