merken
PLUS

Freital

Ralf bleibt rebellisch

Weil er sein Knöllchen nicht zahlte, ging Ralf Hantke ins Gefängnis – und durch die Schlagzeilen. Was macht der Bannewitzer heute ?

Ralf Hantke vor seinem Wohnhaus in Bannewitz. 2018 wurde er als Knöllchen-Rebell bekannt, weil er seine Strafzettel wegen Falschparkens nicht zahlte.
Ralf Hantke vor seinem Wohnhaus in Bannewitz. 2018 wurde er als Knöllchen-Rebell bekannt, weil er seine Strafzettel wegen Falschparkens nicht zahlte. © Andreas Weihs

Wer unter der Dusche steht, der kann nicht telefonieren. Bei Ralf Hantke ist das anders. Seine Duschkabine ist digital. Ein Tastendruck, und er könnte von der Nasszelle aus mit aller Welt reden, theoretisch. Praktisch muss man das Wasser abstellen, sonst versteht man nichts. Außerdem duscht Ralf Hantke öfters fremd, bei seiner Mutter oder bei seiner Freundin, vor allem im Winter. Sein Badezimmer hat nämlich keine Heizung. „Duschen bei zwei Grad ist kein Vergnügen“, sagt er.

Der Radio- und Fernsehtechnikermeister Ralf Hantke, 51, wohnt in Bannewitz, direkt an der B 170, in einem grauen Haus aus dem vorvorigen Jahrhundert. Der Komfort passt irgendwie zum Baujahr. Strom und Licht gibt es nur in einigen Räumen. Wärme auch. Die drei Kamine feuert Hantke mit Holz. Der Brennstoff türmt sich in den Schuppen bis unter die Dächer. Viele Zimmerwände sind ohne Putz, auch die im Bad. Die Hightech-Dusche nimmt sich vor den rohen Ziegeln aus wie ein eben gelandetes Ufo. „Eigentlich unbewohnbar“, nennt Herr Hantke seine Unterkunft. Doch einmal wird er richtig loslegen. Da wird er die Hütte flott kriegen. Davon ist er überzeugt, das lässt er sich nicht ausreden.

Begeistere deinen Verstand!
Begeistere deinen Verstand!

Wissensdurst? Wir stillen ihn - im deutschen Hygienemuseum.

Sein Sturkopf war es, der Ralf Hantke vor einem guten Jahr in die Schlagzeilen brachte. Weil er seine Knöllchen wegen Falschparkens unfair fand, ging er lieber ins Gefängnis, als sie zu bezahlen. An einem Freitagnachmittag im April 2018 fuhr er direkt von seiner Arbeitsstelle in die Justizvollzugsanstalt am Dresdner Hammerweg, wo er den angeordneten Tag Erzwingungshaft absaß. Erzwungen haben die Behörden nichts. Das Bußgeld blieb unbeglichen. Ralf Hantke hingegen wurde für kurze Zeit populär, als Knöllchen-Rebell.

Bastler Hantke in seinem Hobbyzimmer, wo er Telefontechnik aus den 1990ern repariert.
Bastler Hantke in seinem Hobbyzimmer, wo er Telefontechnik aus den 1990ern repariert. © Andreas Weihs

Rebellisch wirkt der Hausherr mit dem gemütlichen Bäuchlein und den glatt rasierten Wangen keineswegs. Am allerwenigsten, wenn er im Hobbyzimmer zwischen Bergen elektronischer Geräte, Gehäusen, Kabeln und Platinen hockt, und stoisch an Telefonanlagen aus den 1990ern herumbastelt. Damals glaubte man noch an ISDN. Heute telefoniert fast jeder übers Internet. Aber die, die es nicht tun, sind froh, wenn es einen wie Hantke gibt, der ihre vertraute Technik billig repariert.

Hauptberuflich arbeitet Hantke als Servicetechniker. Er fährt viel rum. Da kriegt er auch hin und wieder ein Knöllchen. Er gibt offen zu, dass er versucht, sich möglichst herauszureden. Im Fall des Tickets, für das er in den Knast ging, steht er zu seinem Tun. Damals habe er nicht anders gekonnt, als auf dem Fußweg zu parken, sagt er, weil er seinen greisen Vater auf kürzestem Weg übers vereiste Terrain zur Haustüre habe führen wollen. Sonst hätte der sich wohl alle Knochen gebrochen. Die Gesundheit des Vaters sei ihm in diesem Moment wichtiger gewesen, als das Gesetz.

Beim Dresdner Ordnungsamt kam er mit dieser Ansicht nicht durch: Fußwege sind für Fußgänger da, nicht für Autos, zumal das Halten am Straßenrand erlaubt ist. Stimmt, sagt Hantke, aber dann hätte er andere Fahrer behindert, zumal er etwa eine halbe Stunde zum Versorgen des Vaters brauchte – viel länger, als man halten darf. Und das Parken ist in dieser Straße nur mit Anwohnerausweis legal.

Ralf Hantke sah sein Gerechtigkeitsempfinden verletzt: Er hat was Gutes getan und wird dafür bestraft. Dass er die Sache bis zur Erzwingungshaft trieb, hat ihm zumeist positive Kommentare eingebracht, berichtet er, sogar von Wildfremden. Aber es gab auch kritische Stimmen, nach dem Motto: Recht muss Recht bleiben – basta. Er hat das nicht gelten lassen. „Wer die Hintergründe nicht kennt, der kann sich kein Urteil erlauben.“

So schrieb die Morgenpost im April 2018 über Ralf Hantkes Tag im Knast. Die Erzwingungshaft blieb wirkungslos. Der Knöllchenrebell zahlte bis heute nicht. 
So schrieb die Morgenpost im April 2018 über Ralf Hantkes Tag im Knast. Die Erzwingungshaft blieb wirkungslos. Der Knöllchenrebell zahlte bis heute nicht.  © Repro: SZ

Als Ralf Hantke das Gefängnis verließ, hatten die Wärter gemeint, ihn schon bald wiederzusehen. Für das Fußwegparken vor dem Wohnblock seines Vaters hatte er kurz nach dem ersten Ticket ein zweites gefangen. Die neuerliche Erzwingungshaft war bereits beschlossen, und Hantke wäre wieder eingerückt. Doch die Aufforderung, zum Vollzug anzutreten, kam nicht. Stattdessen versuchte die Stadtkasse, ihre Außenstände, insgesamt wohl 120 Euro, von Hantkes Arbeitslohn einzuziehen. Doch weil Hantke noch Unterhalt für eins seiner vier Kinder zahlt, bleibt nicht genug übrig zum Pfänden. „Bei mir ist nichts zu holen“, erklärt der Knöllchen-Rebell.

Seither hat Ralf Hantke keine Nachricht mehr in dieser Sache erhalten. Er wartet einfach ab. Sein Vater, um dessen Willen er den Parkverstoß beging, kam im Herbst letzten Jahres ins Heim, weil es zu Hause nicht mehr ging. Schwer dement und ans Bett gefesselt starb er 88-jährig vor einigen Wochen. Eine Erlösung sei es für ihn gewesen, sagt Sohn Ralf. Tags zuvor hatte er seinen Vater ein letztes Mal besucht. Merkwürdig anhänglich sei er da gewesen, ganz gegen seine Gewohnheit. „Er spürte wohl, dass es zu Ende geht.“

Ralf Hantke lebt sein Leben weiter, in dem alten Haus an der B 170. Investiert hat er zuletzt vor allem in seinen Wohnwagen, ein gut dreißig Jahre altes Modell, mit dem er schon durch England und durch Schweden rollte. Zurzeit montiert er Solarmodule auf dem Dach, um autark in der Landschaft stehen zu können. Ein Bio-Klo hat er auch eingebaut, mit einem Ventilator, der früher mal einen Computer kühlte. Er freut sich schon auf die nächste Reise. Nur muss er dafür ordentlich E 85, also Bioethanol, bunkern, in Tschechien oder Frankreich. Denn ohne diesen Treibstoff, der in Deutschland praktisch ausgestorben ist, bewegt sich sein Volvo keinen Meter weit.

Mehr zum Thema Freital