merken
PLUS

Politik

Wer singt die Nationalhymne mit?

Thüringens Ministerpräsident Ramelow wiederbelebt die Debatte um das "Lied der Deutschen".  Sachsens Regierungschef findet das vollkommen überflüssig. 

Auf Helgoland steht die Büste von Hoffmann von Fallersleben, der das "Lied der Deutschen" verfasste.
Auf Helgoland steht die Büste von Hoffmann von Fallersleben, der das "Lied der Deutschen" verfasste. © Christian Charisius/dpa

Dresden /Erfurt. Rico Gebhardt singt prinzipiell nicht mit, wenn die deutsche Nationalhymne erklingt. "Ich respektiere es, dass Menschen die 3. Strophe des Liedes bei offiziellen Anlässen mitsingen, aber ich selbst tue es nicht und werde es nicht tun", sagt der Fraktionschef der Linken im Sächsischen Landtag. Das „Lied der Deutschen“ sei nun mal unwiderruflich in der Nazi-Zeit missbraucht worden, und die Hilfskonstruktion, sich auf die dritte Strophe zu beschränken, sei nur Ausdruck von Hilflosigkeit und mangelndem Mut, gemeinsam etwas Neues zu wagen. 

Gebhardt springt damit auf eine Debatte auf, die sein Parteifreund, Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow, nun wiederbelebt hat. Ramelow selbst, der in Niedersachsen geboren wurde und seit fast 30 Jahren in Thüringen lebt, singt die dritte Strophe mit, wenn das "Lied der Deutschen" erklingt.  Er gesteht sogar: "Ich singe sie mit tiefer Überzeugung. Und ich möchte, dass die Menschen um mich auch mitsingen." Andererseits könne er das Bild der Naziaufmärsche von 1933 bis 1945 nicht ausblenden, sagte er der "Rheinischen Post" . Er erlebe es immer wieder bei Veranstaltungen in Ostdeutschland, dass nur ein Teil der Anwesenden mitsinge - auch 30 Jahre nach dem Mauerfall. "Ich würde mir wünschen, dass wir eine wirklich gemeinsame Nationalhymne hätten. Bisher hat dieser Wunsch leider immer nur für empörte Aufregung gesorgt." Er plädierte für einen neuen Text, "der so eingängig ist, dass sich alle damit identifizieren können und sagen: Das ist meins".

Gesicherte Nahversorgung in der Elbgalerie

Die Apotheke, Drogerie und der Lebensmittelhandel haben in der Elbgalerie weiterhin für Sie geöffnet und freuen sich auf Ihren Besuch.

Bei der Nationalhymne handelt es sich um die dritte Strophe des "Lieds der Deutschen" von August Heinrich Hoffmann von Fallersleben ("Einigkeit und Recht und Freiheit"). Die Nazis ließen nur die erste Strophe singen ("Deutschland, Deutschland über alles").

Ramelows Amtskollegen in Sachsen, Sachsen-Anhalt, Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern - Michael Kretschmer, Reiner Haseloff (beide CDU), Dietmar Woidke und Manuela Schwesig (beide SPD) - widersprechen unisono. Die Debatte über eine neue Hymne sei überflüssig und ein falsches Signal. «Wir sollten uns den Themen zuwenden, bei denen dringender Handlungsbedarf besteht, wie zum ‎Beispiel der Energiewende oder der Mietpreisentwicklung», erklärte Haseloff. «Ich finde unsere Hymne gut», sagte Schwesig. Sachsens Ministerpräsident Kretschmer findet es interessant, wie unterschiedlich die Emotionen bei unserer Nationalhymne sind. "Ich singe sie sehr gern und verbinde damit genau diesen großartigen Teil unserer Geschichte - die friedliche Revolution, Helmut Kohl und die Deutsche Einheit." Gerade für die Ostdeutschen habe die Hymne eine besondere Bedeutung. "Das "Lied der Deutschen" spiegelt die wechselvolle Geschichte unseres Landes - gerade deshalb soll die 3. Strophe unserer Nationalhymne bleiben."

Thüringens CDU-Chef Mike Mohring wirft dem Linke-Politiker eine unerträgliche "politische Bilderstürmerei gegen ein Symbol der Bundesrepublik Deutschland" vor. Saarlands Ministerpräsident Tobias Hans (CDU) befindet: "Er schwächt mit seinem Vorschlag die Identifikation der Bürgerinnen und Bürger mit unserem Staat, statt sie zu stärken." Unterstützung kam von einigen DDR-Bürgerrechtlern, darunter dem Theologen Friedrich Schorlemmer. 

Singt selber voller Inbrunst mit, wenn die Hymne gespielt wird: Bodo Ramelow
Singt selber voller Inbrunst mit, wenn die Hymne gespielt wird: Bodo Ramelow ©  dpa

Die Reaktionen, die seine Äußerung hervorgerufen habe, zeigten, "dass es in diesem Punkt offenbar ein emotionales Problem gibt", sagt Ramelow. "Warum tun wir uns so schwer mit einer von Ost und West getragenen Nationalhymne, die alle mit Freude mitsingen?" Der Runde Tisch hatte in der Wendezeit die Kinderhymne von Bertolt Brecht als Nationalhymne für das wiedervereinigte Deutschland vorgeschlagen. Es muss doch erlaubt sein, 30 Jahre nach dem Mauerfall einen Vorschlag des Runden Tisches aus der Wendezeit in Erinnerung zu rufen», sagte Ramelow. Auch der letzte DDR-Ministerpräsident Lothar de Maizière (CDU) habe 1990 vor der Wiedervereinigung für eine neue, gemeinsame Hymne geworben.

Ganz neu ist die Forderung von Ramelow nicht. Bereits als PDS-Landtagsfraktionschef in Thüringen hatte er 2005 eine neue Nationalhymne vorgeschlagen. "Wir brauchen eine Hymne in Deutschland, auf die sich alle Menschen positiv berufen können und die nicht missbraucht werden kann", hatte er damals gesagt. Sein Vorschlag vor 14 Jahren: die Kinderhymne Bertolt Brechts.

Darin ist er sich wiederum einig mit Sachsens Linke-Fraktionschef. "Ich persönlich bin für die Kinderhymne von Bertolt Brecht. Der Text ist von schlichter Schönheit und entspricht einem aufgeklärten Heimatverständnis, das keinen Platz für Nationalismus und übersteigerten Patriotismus lässt", sagt Rico Gebhardt. In dem Text von 1950 heißt es in der ersten Strophe: "Anmut sparet nicht noch Mühe / Leidenschaft nicht noch Verstand / Daß ein gutes Deutschland blühe / Wie ein andres gutes Land."

Der Vorschlag, sie als neue Hymne eines vereinigten Deutschland zu nehmen, sei leider wie so viele gute Ideen aus dem Osten in jener Zeit vom Tisch gewischt worden. Der Vorschlag gehört wieder auf den Tisch. Ramelows Anstoß komme zur rechten Zeit. "30 Jahre nach dem Mauerfall holt uns die unaufgearbeitete Vergangenheit der Folgen eines Beitritts ein, der eben keine Vereinigung auf Augenhöhe gewesen ist. Stichwort Treuhand-Unrecht, aber auch die Missachtung gegenüber eigenen sozialen und kulturellen Perspektiven der Menschen in Ostdeutschland, die zur Entfremdung bis heute führt", so Gebhardt.

Weiterführende Artikel

Symbolbild verwandter Artikel

Die Hymne als Gedächtnis der Nation

Die deutsche Nationalhymne ist keineswegs unantastbar. Aber brauchen wir deshalb eine neue? Anmerkungen zur Debatte um das „Lied der Deutschen“. 

Symbolbild verwandter Artikel

Sing mei Sachse, sing!

Manchen Politikern fehlt es am Geld, anderen an Musikalität. Eine Kolumne von SZ-Redakteur Gunnar Saft.

Im vergangenen Jahr gab es zudem eine Diskussion um den Wortlaut der Nationalhymne. Damals hatte die Gleichstellungsbeauftragte im Bundesfamilienministerium, Kristin Rose-Möhring, vorgeschlagen, künftig statt "Vaterland" besser "Heimatland" und statt "brüderlich mit Herz und Hand" in Zukunft "couragiert mit Herz und Hand" zu singen. Auch Österreich und Kanada hatten ihre Hymnen in den vergangenen Jahren aus Gleichstellungsgründen geändert. (dpa)