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Rammstein spaltet das Publikum

Wie die Neue Lausitzer Philharmonie Musik nach der umstrittenen Kultband spielt, berührt, begeistert. Und irritiert.

© dpa

Von Ines Eifler

War es 2011 die Inszenierung der Operette „Candide“, die im Görlitzer Theater für Aufregung sorgte, weil das Stück in einer Fleischfabrik spielte, spaltet jetzt das Konzert der Neuen Lausitzer Philharmonie „Mein Herz brennt“ das Publikum.

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Denn die Komposition, die das Orchester seit einer Woche aufführt, adaptiert Musik der Band Rammstein mit ihren düsteren, ergreifenden, provozierenden, von manchen aber auch als gewaltverherrlichend und rechts interpretierten Liedern. Schon als Heino im Winter Rammstein-Lieder in der Kreuzkirche singen wollte, stieß er auf Widerstand und musste sein Programm zusammenstreichen. So einen Grundsatzkonflikt, Musik der Band überhaupt zu spielen, gab es im Theater nicht. Die von Torsten Rasch komponierte Orchesterversion und die von Bassbariton Hans Gröning gesungenen poetischen Lieder verstören keinen, der gern Schubert, Debussy oder Strawinsky hört. Aber die Parts der Zittauer Schauspielerin Katinka Maché, die Provokation und Aggression fast auf die Spitze treibt, sorgen für Irritationen. Erika Lüders zum Beispiel, die am Dienstag in Görlitz im Theater war, sagt, insgesamt habe das Konzert sie sehr überzeugt. „Aber die Sprecherin mit ihrer dekadenten Stimme – nein, da wollte man nicht mehr hinhören.“ So empfanden es wohl auch die 20 Zuhörer, die bei der Premiere in Bautzen den Saal verließen, und alle, die sich die Ohren zuhielten. Viele andere aber waren extrem begeistert und spendeten Zwischenapplaus. Anett Böttger zum Beispiel sagt, das Lied, das andere zum Gehen brachte, sei für sie das allerbeste gewesen.

Der Dramaturg Ronny Scholz, der angeregt hatte, das 2004 in Dresden uraufgeführte Konzert auch in der Lausitz zu spielen, sah in Bautzen gemeinsam mit Torsten Rasch zu, wie die Leute rausgingen. Während der Komponist solche Reaktionen schon gewöhnt ist, dachte Scholz: „Na guck mal an, was da passiert.“ Und es bestätigte ihn darin, das Richtige ausgewählt zu haben. „Wir wollten ja, dass im Theater mal wieder etwas passiert, worüber die Leute reden“, sagt er. „Wir wollen ja, dass ein Theatererlebnis einen Abend überdauert und anhält.“ Immer nur im Kanon zu verharren, verhindere es, weiter zu wachsen. „Doch wir wollen nicht stehenbleiben.“

Das heißt aber nicht, dass in Zukunft jedes zweite Konzert provozieren soll. „Aber hin und wieder“, sagt Ronny Scholz, „muss etwas Experiment schon sein.“