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Randale in den Stadien

Das Bild vom bösen Fan ist falsch. Doch es sind rund um den Fußball Welten entstanden, die nicht zusammenpassen. Verbände und Politik reagieren hilflos.

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Von Bernd-Georg Spies

Was derzeit über den Fußball in Deutschland zu hören ist, klingt nicht gut. „Randale“, „Gewaltexzesse“, „gefährliches Spiel mit der Pyrotechnik“ – diese Begriffe ziehen sich durch die Berichte. Die Fans in den Stadien wiederum gehen mit Bannern und Sprechchören den Deutschen Fußballbund an. Politiker fordern neue Strafen, Kontrollen, Stadionverbote, das Ende der Stehplätze. Die Deutsche Fußball-Liga erarbeitet ein Sicherheitskonzept, das auf heftigen Widerstand stößt. Was ist da passiert?

Eines ist klar: Es gibt Gewalt beim Fußball. Nur: In der vergangenen Saison gab es bei den Erst- und Zweitligaspielen 17,5 Million Zuschauer – und ungefähr 850 „Vorfälle“. Das sind zu viele, eindeutig. Aber: Beim Münchner Oktoberfest gibt es im Verhältnis deutlich mehr Gewalt. Das Fußballstadion ist ein durchaus sicherer Ort.

Was überhaupt ist das – Gewalt im Stadion? Schlägereien sind Gewalt, klar. Aber die Pyrotechnik? Hier zeigt sich das Doppelgesichtige vieler Berichte: Bilder von rot beleuchteten Fan-Kurven gelten als Beleg für die stimmungsvolle Atmosphäre – und im nächsten Beitrag sind bengalische Feuer Symbole der Gewalt. Die Fans erleben das Wechselhafte der Wahrnehmung: Mal sind sie großartig, mal ein Problem. Das macht die Diskussion so schwer.

In den deutschen Stadien hat sich eine spezielle Kultur entwickelt, mit ihren eigenen Symbolen, Gesängen, Riten und Choreografien, die auch die Faszination des Stadionbesuches ausmachen. Aktive Fans, insbesondere die Ultras, lieben und leben für ihren Verein. Es sind vor allem junge Leute. Jugendliche Subkulturen sind zunehmend sportbezogen wie die Ultrabewegung. Wir haben es nicht mit Monstern zu tun, sondern mit jungen Menschen, die sich über ein gemeinsames Erlebnis ausdrücken wollen, die im Stadion ihre eigene Welt finden. Das ist nicht verwerflich.

Im Fußball haben sich unterschiedliche Welten entwickelt. Da ist die Welt der Offiziellen, der VIPs und Sponsoren, der Zuschauer auf den Business Seats. Auch hier gibt es leidenschaftliche Fußballanhänger, kein Zweifel. Es gibt die Welt der „normalen“ Stadionbesucher, schließlich die der Ultras. Alle sehen sie dasselbe Spiel, jedoch unter anderen Vorzeichen: Die Ultras feiern durchgängig, die Fans kaufen sich eine Bratwurst und ein Bier und schauen sich das Spiel an. Die erste Welt parkt auf gesonderten Flächen, sitzt auf gepolsterten Stühlen, teilweise hinter Glas. Es sind Parallelwelten auf engstem Raum.

Dass es diese Welten gibt, liegt an der wachsenden wirtschaftlichen Bedeutung des Fußballs. Profi-Vereine brauchen viel Geld, um sportlich mithalten zu können. Und da ist, neben der Vermarktung der Fernsehrechte, der Verkauf von teuren Plätzen im Stadion, von Logen und Business Seats, eine wichtige Einnahmequelle geworden. Das Fernsehen und die Business Seats haben aber auch ein neues Publikum in die Stadien gebracht: Menschen, die vor allem der Showcharakter eines Fußballspiels fasziniert.

Es scheint, als ob zwischen den Welten sich ein tiefer Graben aufgetan hat. Da ist der Zorn der Ultras und der traditionellen Fans auf die neuen Reichen, ist die Fremdheit zwischen Ultras und Normalos, sind VIP-Besucher unangenehm berührt, wenn die anderen laut und roh sind. Dies ist ein Zustand, den wir alle, die wir den offiziellen Fußball repräsentieren, selbstkritisch reflektieren müssen.

Diese Diskrepanz zeigt sich im Diskurs zum Thema Gewalt in den Stadien. Die Themen setzen die Gewerkschaft der Polizei und die Innenpolitik; sie bauen Druck auf den DFB und die DFL auf. Die meisten Medien übernehmen kritiklos deren Stellungnahmen. Die Sichtweisen der Fans bleiben weitgehend ausgeschlossen. So ist ein einseitiges Bild von der Gewalt in den deutschen Stadien entstanden.

Dies zeigt aber auch das Dilemma, in dem wir stecken. Fast alle handelnden Personen im Umfeld des Fußballs (ich also auch) haben zu wenig Qualifikation, zu geringe Kenntnisse und fast gar keine Erfahrungen, wie sie mit einer solchen Entwicklung umgehen sollen. Wir sind hilflos und überfordert und fällen deshalb manchmal falsche Entscheidungen. Ein Verband wie der DFB sieht sich, getrieben von der Politik, gezwungen, Strafen auszusprechen, obwohl es gar nicht um den Sport geht, sondern um das, was rund um Sportveranstaltungen herum geschieht. Wir brauchen ein neues Bewusstsein im Fußball. Wir können nicht das Gut Fußball für viel Geld vermarkten, ohne die gesellschaftlichen Konsequenzen zu berücksichtigen.

Was ist also zu tun? Um die Situation zu entspannen, brauchen wir eine neutrale Instanz, die in einer Mediation alle beteiligten Parteien gleichberechtigt anhört. An allen Diskussionen müssen die Fans teilnehmen. Die neutrale Instanz sollte eine von allen Seiten akzeptierte Persönlichkeit oder Institution sein, ein Kirchenvertreter vielleicht oder eine wissenschaftliche Einrichtung. Dann müssen die Zahlen, Daten und Fakten auf den Tisch. Alle reden von der Zunahme von Gewalt, belegt ist diese These jedoch nicht. Wir brauchen also eine Studie, die für mehr Klarheit sorgt. Sie sollte von einem unabhängigen sozialwissenschaftlichen Institut erstellt werden und quantitative wie qualitative Untersuchen zum Thema Gewalt und Gewaltwahrnehmung im Umfeld von Fußballspielen erstellen.

Auch brauchen die Fanprojekte mehr Geld. Die finanzielle Unterstützung der Kommunen, der Verbände und der Vereine reicht nicht aus. Denkbar wäre, eine verbindliche Mindestsumme zugunsten der Fanprojekte festzusetzen. Die DFL-Klubs haben ihre Bereitschaft erklärt, ihren Kostenanteil zu erhöhen. Die Fanarbeit muss zudem innerhalb der Verbände verstärkt werden. Abteilungen mit entsprechend ausgebildetem Personal sind eine Brücke zwischen Vereinen, Fans und Verbänden. Dass manche Vereinsoffizielle ihre Fanbeauftragten nicht kennen, ist ein Unding.

Natürlich ist es notwendig, Fehlverhalten von Fußballfans zu bestrafen, gerade, wenn es um Gewalttaten geht. Nur müssen die Strafen rechtsstaatlichen Prinzipien entsprechen, nachvollziehbar sein und möglichst präventiv wirken. Beschuldigte müssen angehört werden; Kollektivstrafen verbieten sich. Zu überlegen wäre, ob man ein Gremium einführt, das Fehlverhalten von Fans nach einem nachvollziehbaren und von allen Seiten akzeptierten Strafenkatalog ahndet. Das Gremium könnte aus Mitgliedern des DFB und der DFL bestehen, aus Sozialpädagogen, der Polizei, Fanvertretern und Juristen. Es ist an der Zeit, dass wir die verfahrene Situation aufbrechen. Wir brauchen den Dialog mit allen, die den Fußball lieben und ihn ausmachen. Und dazu gehören auch die Fans!

© Süddeutsche Zeitung