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Randale, Razzia und kein Ende

2016 stieg Dynamo begleitet von Ausschreitungen in die 2. Liga auf, 2017 marschierte die "Football Army". Warum sind die Vorfälle bis heute nicht geklärt?

Als Fußball-Armee verkleideten sich Dynamo-Fans im Mai 2017.
Als Fußball-Armee verkleideten sich Dynamo-Fans im Mai 2017. © Mike Worbs

Eigentlich gibt es genügend Grund zum Feiern. Nach zwei Jahren in der Drittklassigkeit steigt Dynamo am 16. April 2016 durch ein 2:2 beim 1. FC Magdeburg auf. Der Jubel im Gästeblock hält sich jedoch in Grenzen, er ist halb leer. Der Zug mit den Fans war verspätet angekommen, die Einlasskontrollen weit vor den Stadiontoren zogen sich in die Länge, die Stimmung wurde immer aggressiver, schließlich eskalierte sie. Viele Anhänger sahen keine einzige Minute des Aufstiegsspiels.

Drei Jahre danach beschäftigt sich die Justiz noch immer mit den Vorfällen. Die Polizeiinspektion Magdeburg listet die Vorwürfe auf SZ-Anfrage im Einzelnen auf: öffentliche Aufforderung zu Straftaten, Landfriedensbruch, schwerer Landfriedensbruch, Beleidigung, Körperverletzung, gefährliche Körperverletzung, Diebstahl, Unterschlagung, Verstoß gegen das Betäubungsmittelgesetz. Die ganze Bandbreite.

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„Die Staatsanwaltschaft Dresden hat gegen insgesamt 37 Dynamo-Fans Anklage erhoben“, teilt Oberstaatsanwalt Jürgen Schmidt mit. Die Eröffnung eines Hauptverfahrens wurde bisher nicht abgelehnt. In 17 Fällen wurde bereits verhandelt: Sieben Fans erhielten eine Freiheitsstrafe auf Bewährung, neun wurden zu Geldstrafen verurteilt, ein Angeklagter freigesprochen. Nicht immer sind die Urteile bereits rechtskräftig. Die restlichen 20 Beschuldigten warten noch auf ihren Prozess. Gegen 40 Beschuldigte stellte die Staatsanwaltschaft die Verfahren – zum Teil gegen Auflagen – ein.

Die Verhandlungen ziehen sich mitunter in die Länge. Als Beweismittel dienen neben Zeugenaussagen meist Polizeivideos. Manche Verteidiger argumentieren, dass die vor Gericht gezeigten Sequenzen von der Polizei so zusammengeschnitten wurden, dass nur Belastendes zu sehen ist, aber nicht Entlastendes. Einige Anwälte verlangen deshalb die Sichtung des gesamten Videomaterials. Das Problem dabei: Das ist 36 Stunden lang.

Im Fall des des freigesprochenen Angeklagten hatte am Amtsgericht Dresden ein Polizist einen Dynamo-Fan beschuldigt, ihn in Magdeburg getreten zu haben. Ein Videoschnipsel bestätigte das offensichtlich. Eine von seiner Anwältin besorgte Sequenz aus einer anderen Perspektive zeigte jedoch, dass es so nicht gewesen sein kann.

50 Beschuldigte von Karlsruhe

In der Causa Karlsruhe stand dagegen noch kein einziger Angeklagter vor Gericht. Die Vorfälle dort liegen ein gutes Jahr nach denen von Magdeburg. Am 14. Mai 2017 waren 1 500 Fans im einheitlichen Military-Look zum Stadion marschiert. Als „Football-Army Dynamo Dresden“ erklärten sie dem DFB den Krieg – mit viel Pyrotechnik und einem Panzer auf einem Plakat.

Ein halbes Jahr später durchsuchten dann 400 Beamte 34 Wohn- und Geschäftsräume von 28 Beschuldigten. Es wurden Speichermedien, also vor allem Handys und Laptops, und rund 300 Pyrotechnik-Artikel sichergestellt. Seitdem wertet die Ermittlungsgruppe „Dynamo“ das Gefundene aus. „Die polizeilichen Ermittlungen wurden vor Kurzem abgeschlossen“, erklärt nun Staatsanwalt Tobias Wagner aus Karlsruhe auf SZ-Anfrage. Anderthalb Jahre nach der Razzia also und zwei Jahre nach dem Fanmarsch.

Wagner begründet das mit dem Umfang des Verfahrens, das weit über das Normalmaß hinausginge. Das Auswerten der Speichermedien sei „wahnsinnig zeitaufwendig“ gewesen. Doch nun liegen offenbar verwertbare Beweise vor. „Es gibt vier laufende Verfahren gegen insgesamt 50 Beschuldigte“, so Wagner. Denen werden Verstöße gegen das Versammlungs- und das Sprengstoffgesetz vorgeworfen.

Der zweite Punkt ist neu, im Dezember 2017 noch hatte der Ermittlungsführer Gerhard Heck erklärt, dass die Pyrotechnik-Werfer nicht identifiziert werden konnten, da sie mit Tarnfarben bemalt waren. Womöglich reichen nun die bei der Razzia gefundenen Knallkörper für eine Anklage, oder es konnten durch die Speicherkarten Täter überführt werden. Allen anderen Beschuldigten wird die Organisation und Vorbereitung des Marsches vorgeworfen, da bei öffentlichen Veranstaltungen, bei denen „man eine gemeinsame Gesinnung zum Ausdruck bringen möchte“ ein Uniformverbot bestehe, so Wagner.

Die Beteiligung am Demonstrationszug allein werde nicht verhandelt. „Deshalb gibt es auch zwei Verfahren, bei denen die Beschuldigten am Tag selber nicht in Karlsruhe waren“, erklärt der Staatsanwalt. „Das ist also kein Widerspruch.“ Wann nun Anklage erhoben wird und es zu ersten Verhandlungen kommt, könne er nicht sagen. Unmittelbar nach der Razzia hatten Dynamo-Sympathisanten ein Solidaritätskommando gegründet, um anfallende Anwalts- und mögliche Prozesskosten zu übernehmen. Auch Spieler der Zweitliga-Mannschaft hatten zu Spenden aufgerufen.

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Im Visier der Behörden waren aber noch weit mehr Personen: 90 Verfahren gegen Unbekannt wurden eingestellt, weil die Identifizierung unmöglich war. „Ändert sich das, etwa durch Zeugenaussagen, kann das aber wieder aufgerollt werden“, so Wagner. Ein Ende der juristischen Aufarbeitung ist also noch lange nicht in Sicht.

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