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Rasanter Neustart in der alten Heimat

Nach 14 Jahren in Bayern kehrt eine Familie nach Kamenz zurück. Die Hilfe hier ist groß.

Beatrix Koreng-Tschierswitz und ihr Mann Frank Tschierswitz zogen mit ihren Kindern Theo (5) und Marie (2) aus Bayern wieder in die alte Heimat. Hier in Lückersdorf wurden sie mit offenen Armen empfangen. „Wir leben ruhiger hier“, sagen sie.
Beatrix Koreng-Tschierswitz und ihr Mann Frank Tschierswitz zogen mit ihren Kindern Theo (5) und Marie (2) aus Bayern wieder in die alte Heimat. Hier in Lückersdorf wurden sie mit offenen Armen empfangen. „Wir leben ruhiger hier“, sagen sie. © Matthias Schumann

Kamenz. Wir sind ja von hier!“ Wenn Beatrix Koreng-Tschierswitz das sagt, klingt es ganz selbstverständlich. Dabei war die 35-Jährige ganze 18 Jahre weg von zu Hause. Familienfeiern, Oster-, Weihnachts-, und Forstfeste verbrachte sie trotzdem regelmäßig in der Heimat. „Das Herz zog einen immer her“, gibt sie zu. Und es tat auch immer ein bisschen weh, wenn man wieder weg musste.

Nun erlebt sie gemeinsam mit ihrem Mann Frank und den beiden Kindern Theo und Marie das erste Forstfest seit Langem aus einer ganz anderen Perspektive mit. Denn vor ein paar Monaten zog die kleine Familie vom schönen Regensburg wieder zurück in die Heimat. Aktuell ist das Haus eine einzige Baustelle. Die jungen Leute wuppen den Alltag noch mit Doppelhaushalt, denn Mama Bettina werkelt wiederum an ihrer neuen Bleibe ein paar Meter weiter. „Dass wir irgendwann zurückkehren, stand eigentlich von Anfang an fest. Aber wenn man in seiner Komfortzone glücklich ist, dann wird das Jahr für Jahr verschoben“, weiß Beatrix Koreng-Tschierswitz heute.

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Kennengelernt im "Herbert"

Rückblick: Beatrix und Frank lernen sich ganz altmodisch im „Herbert“ in Jesau kennen. „Wie wahrscheinlich 50 Prozent aller Pärchen damals“, lacht sie. Aus der Disco-Liebelei wird Liebe. Und man bleibt zusammen. Auch, als eine Lehre in Köln lockt. 2001 sieht es daheim nicht so rosig aus damit. „Und man wollte auch einfach raus. Am besten weit weg, um eigene Erfahrungen zu machen“, sagt sie. Der Westen verspricht einiges. Mit 17 Jahren geht es für sie allein nach Nordrhein-Westfalen, sie lernt Groß- und Außenhandelskauffrau. Frank wird Fachkraft für Lagerlogistik daheim. Fernbeziehung ist angesagt. Ein paar Jahre später ziehen sie gemeinsam nach München um. Und noch später nach Regensburg. Dort fühlen sie sich wohl, bauen sich etwas auf, finden neue Freunde, heiraten 2015. Ein Jahr zuvor wird der heute fünfjährige Theo geboren. Schwester Marie kommt 2017 zur Welt. Alles ist perfekt. Und doch auch irgendwie nicht.

Denn gesundheitlich hat Frank Tschierswitz immer öfter zu kämpfen. Ein angeborener Herzfehler macht sich mit aller Wucht bemerkbar. „Früher habe ich Fußball bei Einheit gespielt, war sportlich. Und plötzlich bekommst du so eine Diagnose. Herz-OP. Erst eine, dann 2017 die Zweite“, erzählt der 34-Jährige. Die Folge ist eine Berufsunfähigkeit in seinem gelernten Beruf. „Da fängt man an zu überlegen, wie es weiter gehen soll.“ Die Alternative wäre eine Umschulung in einen anderen Beruf. Mit Anfang 30 ist das nicht das große Problem. Doch zum Verwaltungsfachangestellter wird man in Bayern ausschließlich in Nürnberg umgeschult. Das würde eine räumliche Trennung von seiner Familie über zwei Jahre bedeuten. Oder einen Umzug.

Für Beatrix, die gerade zum zweiten Mal Mutter geworden ist, kommt das nicht infrage. Außerdem muss sie bald wieder im Handel arbeiten. Und allein mit zwei kleinen Kindern ist das kaum zu stemmen. „Wir standen im Frühjahr von heute auf morgen vor einer schweren Entscheidung. Jahrelang hatten wir die Rückkehrmöglichkeit verdrängt. Nun stand sie als einzige Option im Raum“, erzählt Beatrix Koreng-Tschierswitz leise. Für und Wider werden in die Waagschale geworfen. Die positiven Fakten überwiegen: Frank könnte seine Umschulung in Ruhe in Dresden angehen. Die Großeltern wären für die Enkel da. Das bedeutet Zeit. Auch für sie als Paar wieder. Das Elternhaus in Lückersdorf wartete auch irgendwie auf eine neue Bestimmung. Doch innerhalb von drei Wochen alles neu planen – geht das überhaupt? „Wir haben es gewagt und es hat fast perfekt gepasst“, erzählt die junge Mutter. Bewerbungsgespräch bei der Ewag, zwei Kindergartenplätze organisieren, Handwerker für den Hausumbau finden mitten im Sommer.

Kita-Plätze sind Glücksfall

Die To-do-Liste ist lang. Doch die Familie wendet sich in ihrer Zeitnot an die Stadtverwaltung. „Alles ging prima unkonventionell vonstatten. Sämtliche Behördengänge waren geschmeidig, wurden uns zum Teil abgenommen. Es wurden Vorschläge unterbreitet, herum telefoniert, Tipps für die Stellenbewerbung gegeben. Auch die Kita-Plätze im Käferland Lückersdorf waren ein Glücksfall für uns“, schwärmt Beatrix. Sie findet, dass das alles einmal gesagt werden muss.

Nun sind sie seit Mai daheim. Ihre Familien freuen sich und mit den Freunden ist es so, als wäre man nie weggewesen. „Wir sind in der Bibo angemeldet, haben tolle Feste wie Fête de la Musique miterlebt. Wir nutzen alle Angebote. Vor allem die Spielplätze gefallen uns. Man merkt, dass sich etwas tut in der Region“, sagen sie. Und auch wenn man manchmal das schöne Regensburg mit seinen Cafés und dem Flair vermisst – Zuhause ist nicht nur ein Ort, sondern eben auch ein Gefühl. „Ich würde allen empfehlen, wegzugehen und sich die Welt anzuschauen. Aber ich würde nie wieder so lange wegbleiben“, sagt Beatrix.

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