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Sport

Rasierte Männerbeine und eine Miss Germany

Beim Velorace radeln 1.320 Teilnehmer durch Dresden, die Ansprüche sind dabei sehr verschieden – ein Erlebnisbericht mit den schönsten Fotos.

Das Radrennen Velorace für Jedermann lockte mehr als 1.300  Fahrradfans in die Dresdner Innenstadt.
Das Radrennen Velorace für Jedermann lockte mehr als 1.300 Fahrradfans in die Dresdner Innenstadt. © Ronald Bonß

Es ist die beste Entscheidung des Tages. Die knapp fünf Kilometer bis zum Büro fahre ich am Sonntag ausnahmsweise mit meinem klapprigen Rad. Es ist verstaubt, braucht vorn und hinten Luft und irgendwo auch eine Schraube. Aber es rollt. Im Gegensatz zu den meisten Autos in der Landeshauptstadt. Wenn sie vorankommen wollen, geht das nur über Umwege. Die Innenstadt ist am Sonntag, darüber wurde vorab informiert, von 8 bis 17 Uhr weiträumig zu umfahren. 

Das 7. Skoda Velorace für Jedermann blockiert viele Hauptstraßen in der Stadtmitte. War bekannt. Dennoch gibt es jedes Jahr Autofahrer, die sich darüber echauffieren. Kann ich verstehen. Lesen hilft mitunter.

Schritt für Schritt

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Mein Rad ist eine Provokation

Der kleine Anstieg zur Marienbrücke in Richtung Yenidze bringt mich ins Schwitzen. Eine Bratwurst weniger am Vorabend vom Grill wäre cleverer gewesen. Meine Anstrengung bemerkt niemand, 8.15 Uhr sind kaum Autos unterwegs. Eines hat es doch bis zur Devrientstraße geschafft, der Fahrer guckt verdutzt, als ihn zwei Polizisten abfangen. Keine Durchfahrt – Radrennen! Die eifrigsten Pedaleure der Stadt, knapp 1 320 sind es, haben sich bereits versammelt – am Neumarkt vor der Frauenkirche. Mein Rad ist unter unzähligen Rennrädern eine Provokation, aber ich finde einen Platz, es anzuschließen.

Die anderen wollen schließlich fahren, haben Großes vor. Ihre Startnummer holen sie sich im kurzfristig umfunktionierten Erdgeschoss des Verkehrsmuseums. Sie wollen bei 30 Grad Hitze zwischen 21 und 103 Kilometer zurücklegen – im Herzen der Stadt. Da ist für jeden Geschmack, jede Beinmuskulatur und jeden Körperbau etwas dabei. Doch Alltags-Fahrräder sieht man kaum, Frauen auch selten im Sattel, obwohl die sonst das Stadtbild als radelnde Dresdner durchaus prägen.

Die schönsten Fotos vom Rennen:

Doch hier ist „Jedermann“ eine griffige Bezeichnung. Hobbyradler trifft es nicht. Hier finden zum Großteil ambitionierte, gut trainierte Rad-Abenteurer, Ex-Profis und ehrgeizige Junggebliebene zum Formcheck zusammen. Nach einem gemütlichen Ausflug sieht das bei den Wenigsten aus. Die Outfits wirken professionell, mindestens sportlich. Wie bei David. Ein schlanker junger Mann mit Vollbart. Der 34-jährige Berliner startet in diesem Jahr bei allen Rennen des German Cycling Cups – zehn sind das, Dresden ist die siebente Station. „Ich bin ein Radreisender, das ist meine Passion. Die ganz Ehrgeizigen“, sagt er schmunzelnd, „erkennt man an den rasierten Männerbeinen.“ Seine sind trainiert und behaart. Dass Absperrungen für solche Rennen immer auch genervte Ausbrüche bei Autofahrern hervorrufen, sei nicht ungewöhnlich, meint er. „Das ist oft eine Frage der Kommunikation. Wer nichts wissen will, erfährt es auch nicht.“

Einige Hengste und Gockel im Feld

Sandra Wöhning wollte es wissen, aus Unterfranken ist die 44-jährige angereist. Bei ihrer Mama in Görlitz verbrachte sie das Wochenende und nimmt die 103-Kilometer-Strecke erstmals in Angriff. Sie ist eine der wenigen Frauen im Feld. Das Verhältnis liegt zwischen 1:10 und 1:15. „Radsport ist ein sehr harter Sport. Ich weiß nicht, ob Frauen sich das unbedingt antun wollen.“ Ihr war jedenfalls egal, wo sie sich im Peloton einreiht. „Da gibt es schon einige Hengste und Gockel, die wollen es den Frauen so richtig zeigen“, erklärte die 44-jährige, die früher Bundesliga-Rennen fuhr.

Auch die amtierende Miss Germany, Nadine Berneis aus Dresden, schafft die 62-km-Schleife und meidet danach die Nähe zu neugierigen Fragestellern wie Fotografen. „Rennrad fahren gehört zu meinen Hobbys. Auch wenn ich am Wochenende privat hier bin, hat sich das Rennen perfekt angeboten“, erklärt die Wahl-Stuttgarterin in einer Pressemitteilung.

Olaf Ludwig meint, der Frauenanteil steige stetig. „Ich denke, seit der Premiere des Veloraces hat er sich verdreifacht“, betont der Olympiasieger von 1988. Der 59-jährige Ex-Profi lebt von seinem nach wie vor exzellenten Namen und ist hier der Publikumsliebling. Selfies mit dem zweifachen Friedensfahrtsieger sind gefragt. Für das Velorace in Dresden werden traditionell fünf Menschen per Gewinnspiel auserkoren, mit Ludwig in einem Team zu fahren. Diesmal haben Alexander, Matthias, Heiko, Stefan, Hartmut das Glück; Ludwigs Lebensgefährtin Olga fährt auch mit. „Wir waren ein sehr homogenes Team, die Strecke war schön, das Wetter gut.“ Den Straßenstaub spült er mit einem Bier runter.

Ich sollte es häufiger benutzen

Was zurück zum Start- und Zielort am Neumarkt führt. Dort hat Organisatorin Silke Friedemann mit 150 Helfern ein kleines, aber kurzlebiges Paradies für Rennradler geschaffen. Sie schaut zufrieden in glückliche Gesichter der Finisher. Keine Störungen oder verbale Entgleisungen in den Netzwerken, lediglich ein paar der üblichen Sturzverletzungen gibt es. Es riecht nach Bratwurst, Bier und neuen Rennrädern. Die kosten zwischen 700 und 3.000 Euro. Ich schnappe mir mein olles Rad. Ich müsste es besser pflegen, Velorace-Tauglichkeit wird es dennoch nie erreichen. Aber ich sollte es häufiger benutzen.