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Raten Sie mal, was an der Elbe alles wächst

Extrembotaniker Jürgen Feder liebt Unkraut. Auf seinen Pflanzen-Safaris entdeckt er in Sachsen Essbares und Giftiges.

Leckere Kletten. Botaniker Jürgen Feder lobt an der Elbe in Meißen ihre harntreibende und blutreinigende Wirkung.
Leckere Kletten. Botaniker Jürgen Feder lobt an der Elbe in Meißen ihre harntreibende und blutreinigende Wirkung. © Caudia Hübschmann

Jürgen Feder ist zwar schon 59, aber Kletten wecken bei ihm immer noch den Spieltrieb. Eins, zwei, drei – und der Pullover ist mit den stacheligen Früchten gespickt. Feder gehört zu den bekanntesten Experten für Botanik in Deutschland. Er kennt mehr als 4.000 Pflanzen, ganz genau weiß er es nicht. Diesmal hat er an die Elbe bei Meißen zur Entdeckungstour geladen. „Ach, hier wächst ja mein Japanisches Liebesgras“, sagt er und bückt sich zu einem Büschel, das von den meisten unbemerkt an einem Stein sprießt. 

„Raten Sie mal, wer das hier 1993 in Deutschland entdeckt hat? Na klar, Jürgen Feder“, sagt er und lacht. Über die niederländische Grenze eingewandert, seien die schieferfarbenen bis ölig-oliv glänzenden Ährchen sehr robust. Feder nennt die Pflanze deshalb Stadtguerillero. Sie würde jedem Fußtritt, jedem Autoreifen und jeder Kehrmaschine standhalten. Überhaupt sind für den Diplom-Ingenieur für Landespflege, Flora und Vegetationskunde wildwachsende Pflanzen nicht irgendein Unkraut am Wegesrand. Er betitelt sie alle – die Kleinen, Größeren, die hoch und flach Wachsenden.

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Unkraut willkommen

Das Japanische Liebesgras zum Beispiel gehört zur Kategorie der Neubürger. Nicht nur die Gattung Mensch, auch diese Gattungen an Straßen-, Ufer- und Häuserrand hätten Charakter, begründet Feder seine besondere Beziehung zum Wildwuchs. So kennt er darunter auch Diven, fleißige Lieschen, Zwangsneurotiker, Hysteriker oder Drängler. Wie die Armenische Brombeere, von der er am Elbufer nascht. Es sind die größten und saftigsten Früchte überhaupt, die eine Brombeere trägt. Auch wenn die Trockenheit den Büschen zugesetzt hat, so finden sich noch genug reife Beeren. Ausreichend für eine Picknickpause. Denn unter vier, fünf Stunden gehen die Botanik-Safaris, die Feder in ganz Deutschland anbietet, nicht ab. Er zwängt sich durch das Dickicht, um die dicksten Beeren zu erwischen. Auch an Bahnlinien, Wegrändern, Steinbrüchen und in Sandgruben nehme die Armenische Brombeere ungeahnte Größe an. Ursprünglich sei sie in Kleingärten zu Hause gewesen, von dort aber ab 1955 ausgebüxt – mit ausufernden Folgen.

Gewöhnlicher Natternkopf: Wächst an Wegen und Böschungen; Sammelzeit Mai bis Oktober; Kraut für Tee gegen Erkältung und Kopfschmerzen; gepresster Saft bei Hautreizung; Breiumschlag gegen Abszesse; Wurzeln bei Verletzungen; junge Blätter für Salat; gekocht
Gewöhnlicher Natternkopf: Wächst an Wegen und Böschungen; Sammelzeit Mai bis Oktober; Kraut für Tee gegen Erkältung und Kopfschmerzen; gepresster Saft bei Hautreizung; Breiumschlag gegen Abszesse; Wurzeln bei Verletzungen; junge Blätter für Salat; gekocht © Caudia Hübschmann

Was andere als Unkraut beschimpfen, ist für den gebürtigen Flensburger gelebte Natur und einfach schön. Der Extrembotaniker, wie er oft genannt wird, schwärmt vom Wildwuchs im urbanen Gelände. Gerade im Osten Deutschlands würde man damit noch sehr sorgsam umgehen. „Viele der um uns herum wuchernden Pflanzen, die wir leider sehr oft mit Füßen treten oder mit allen Mitteln vernichten wollen, sind aus Ost- und Südeuropa hierher eingewandert und bereichern unsere Städte. Vom Winde verweht, mit Samen, Erde oder mit Reisenden nach Deutschland gekommen und heimisch geworden“, sagt Feder. Viele Pflanzen seien essbar – egal, ob sie an der Straße, an Autobahnen, in Ufernähe oder zwischen Pflastersteinen in Wohngebieten wachsen. Naserümpfenden Zuhörern erklärt er: „Obst aus dem Supermarkt waschen Sie doch auch vor dem Essen ab. Warum nicht wilde Kräuter?“

Wiesen-Alant: Wächst auf Feuchtwiesen und an Ufern; Sammelzeit Juli bis September; Blüten für Tee gegen Verdauungsprobleme und schleimlösend; Umschläge mit Tee helfen bei Hautentzündungen und Hautirritationen; Kraut mit Blüten ernten, gebündelt trocknen,
Wiesen-Alant: Wächst auf Feuchtwiesen und an Ufern; Sammelzeit Juli bis September; Blüten für Tee gegen Verdauungsprobleme und schleimlösend; Umschläge mit Tee helfen bei Hautentzündungen und Hautirritationen; Kraut mit Blüten ernten, gebündelt trocknen, © Caudia Hübschmann

Nach einem Meter hat er schon wieder etwas entdeckt. „Schauen Sie hier, haben Sie sich den gehörnten Sauerklee mal angeschaut, was der für schöne Blüten hat?“ Die oberen Blätter würden zudem wie Hörner aussehen. „Hübsch!“ Hobbygärtner verfluchen den roten Klee, der sich rasant im Kies und auf Beeten ausbreitet. Für Feder ist er ein Schmuckstück, das zwischen dem Grau der Pflastersteine und dem Grün des Rasens hervorschimmert. „Und Sie bekommen es gratis, müssen nichts dafür ausgeben“, schwärmt er und steckt sich ein Blättchen in den Mund. Schmeckt säuerlich, wie der Name sagt, fruchtig und würzig. Nur sollte man wegen der enthaltenen Oxalsäure nicht zu viel davon essen, sondern in Maßen in Suppen, Salaten, für Tee und Smoothies.

Schöllkraut: Wächst an Wegrändern und Gewässerufern; blüht Mai bis Oktober; orangener Milchsaft der Pflanze ist eines der besten Heilmittel gegen Warzen; wirkt schmerzlindernd, entzündungshemmend, antibakteriell, beruhigend, wundheilungsfördernd; auf Verz
Schöllkraut: Wächst an Wegrändern und Gewässerufern; blüht Mai bis Oktober; orangener Milchsaft der Pflanze ist eines der besten Heilmittel gegen Warzen; wirkt schmerzlindernd, entzündungshemmend, antibakteriell, beruhigend, wundheilungsfördernd; auf Verz © Caudia Hübschmann

Überhaupt ist Smoothie das Zauberwort für Feder. Denn so gut wie alles, was er in Elbnähe findet, lasse sich zu Smoothies verarbeiten – selbst Kletten. Nur giftige Pflanzen nicht, die es auch in Sachsen gibt. Feder führt zu einer großen Fläche weiß blühender Büsche und gibt vor der Kulisse der Albrechtsburg dazu eine Geschichtslektion. Es handle sich um den Gefleckten Schierling. Der griechische Philosoph Sokrates war zum Tod durch Einnahme von Saft dieser Pflanze verurteilt worden. Sein Schüler Platon veröffentlichte später eine Beschreibung der Giftwirkung: „Von den Beinen ausgehend, breitete sich eine Muskellähmung aus, die die Atemmuskulatur erreichte, woraufhin der Tod eintrat.“

Feld-Beifuß: Wächst auf Schuttplätzen; Brachen und am Bahngelände, Blütezeit August bis Oktober; Pflanze gilt als antiseptisch, gallefördernd und wird äußerlich gegen Ekzeme, bei Prellungen und Gelenkrheuma angewendet; in der Küche auch anstelle des norma
Feld-Beifuß: Wächst auf Schuttplätzen; Brachen und am Bahngelände, Blütezeit August bis Oktober; Pflanze gilt als antiseptisch, gallefördernd und wird äußerlich gegen Ekzeme, bei Prellungen und Gelenkrheuma angewendet; in der Küche auch anstelle des norma © Caudia Hübschmann

Um das betretene Schweigen der Zuhörer zu brechen, weist Feder auf eine Kletterpflanze mit kleinen weißen Blüten und eine Mini-Stachelgurke. Bis zu acht Meter lang könne diese Gelappte Stachelgurke werden. Sind die Früchte Ende August reif, verfärben sie sich orange. Giftig sind die Früchte nicht, aber sie schmecken bitter und können zu Verdauungsproblemen führen. „Man kann sie essen, muss es aber nicht“, ist Feders Leitspruch. Er schlendert hinein in die Elbwiesen, steckt sich ein Blatt des Straußblütigen Sauerampfers in den Mund und zeigt auf Wilde Möhren, Schafgabe, Elb-Spitzklette, Blut-Weiderich und Sand-Grasnelke. Selbst Exkursionsteilnehmer ohne eigenen grünen Daumen fesselt der Extrembotaniker im Handumdrehen. Selbstverständlich steht Jürgen Feder am Ende für Erinnerungsfotos zur Verfügung. Denn mit seinen flotten Sprüchen und schrägen Anekdoten hat er es längst zum beliebten TV-Gast geschafft.

Gefleckter Schierling: Wächst auf Schuttplätzen, Brachen, an Straßenrändern, Äckern; wird bisweilen bis zwei Meter hoch; bevorzugt nährstoffreichen Lehmboden; Hauptblütezeit ist Juni bis September; riecht beim Zerreiben nach Mäuseharn; gehört zu den gifti
Gefleckter Schierling: Wächst auf Schuttplätzen, Brachen, an Straßenrändern, Äckern; wird bisweilen bis zwei Meter hoch; bevorzugt nährstoffreichen Lehmboden; Hauptblütezeit ist Juni bis September; riecht beim Zerreiben nach Mäuseharn; gehört zu den gifti © Claudia Hübschmann

Die nächsten Exkursionen mit Jürgen Feder in der Region sind jeweils ab 11 Uhr am 21. September in Radebeul, Treff Uferstraße/Ecke An der Festwiese und am 22. September in Grimma, Treff Rathaus am Marktplatz; Kosten: 25 Euro. Anmeldung unter: www.juergen-feder.de

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