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Rathausspitze kriegt ihr Fett weg

Beim karnevalistischen Frühschoppen in Kamenz machen sich die Narren über die eigene Stadt lustig. Sie haben aber auch eine Alternative zu Pegida parat.

© René Plaul

Von Constanze Knappe

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Die Mitarbeiter des Straßenbauamts haben eine durchschnittliche Schuhgröße von einundvierzigeinhalb. Das weiß man seit gestern dank Stadtbüttel Lorenzo. Es sei der Grund dafür, weshalb die sanierte Saarstraße in Kamenz mit ihrer schönen neuen Decke einen schmalen Fußweg hat. So schmal, dass jemand mit Größe 46, der sich im rechten Winkel zur Fahrbahn stellt, nach einem vorbeifahrenden Auto nur noch die 44 hat. Über 600 Gäste im Saal des Hotels „Stadt Dresden“ in Kamenz fühlten sich gestern wunderbar unterhalten beim fünfstündigen „Karnevalistisch-politischen Frühschoppen“ des Kamenzer Karnevalsklubs (KKC). In gewohnter Manier wurden dabei wieder Ungereimtheiten aufs Korn genommen.

Auch eine Truppe Wikinger schickte der Kamenzer Karnevalsklub beim Frühschoppen zur Freude des Publikums ins Rennen.
Auch eine Truppe Wikinger schickte der Kamenzer Karnevalsklub beim Frühschoppen zur Freude des Publikums ins Rennen. © René Plaul

Papierschlangen statt Klopapier

Und das schon zum zehnten Mal. Weshalb Oberbürgermeister Roland Dantz mit einer Torte samt Kerzen aufmarschierte. Irgendwie fühle er sich in den Geburtstag einbezogen. Schließlich sei er schon zehn Jahre lang Gegenstand des Spotts, sagte er. Davor konnte ihn aber selbst die süße Torte nicht bewahren. Die Stadt bekam ihr Fett weg. Trotz eines mit Lorenzo im Duett singenden OBs. Man habe einen ausgeglichen Haushalt, aber trotzdem kein Geld, lästerte der Stadtbüttel (Steffen Lorenz). Er empfahl, Klopapier im Rathaus durch Papierschlangen zu ersetzen, was eine Papiereinsparung von 80 Prozent bringen würde. Zudem könne ja die Verwaltung mit einem Nacktkalender zusätzliches Geld einnehmen. Ebenso wurde die große und ganz große Politik durch den Kakao gezogen. Von KKC-Ehrenpräsident Heino Müller als Flaschensammler vom Hutberg zum Beispiel. ADAC, Steuerhinterziehung und -verschwendung boten dafür reichlich Angriffsfläche. Auch die Diätenerhöhung. Erfunden wurde die schon vor 2500 Jahren - von einem Griechen. Wie könnte es wohl anders sein. Die satirischen Seitenhiebe in alle Richtungen kamen nicht an Pegida vorbei. In der KKC eigenen Variante Blegda: Beleidigte Leberwurst gegen die Salamisierung des Abendbrots. Unter dem Motto „Sächsisch. Griddisch. Unpolliddisch“ wurde die Stimmung dann aber doch eine Spur ernster als Lorenzo erklärte, dass nichts dagegen einzuwenden sei, wenn Leute auf die Straße gehen, um gegen Missstände wie etwa den Mangel an Lehrern und Pflegekräfte zu demonstrieren. Nicht zu akzeptieren sei, wenn sie dabei „der braunen Brühe“ hinterherlaufen. Eine für eine Veranstaltung dieser Art typische Pointe folgte auf dem Fuße. Wo ist das Elbe-Hochwasser, wenn man es braucht?

Saal bebt

Seichter und amüsanter ging es im Rest des Tages zu. Nach dem Motto: Mitsingen und Schunkeln, sonst werden Rentenpunkte gekürzt. Im Saal war man sich einig, man lasse sich das Trinken und die Fröhlichkeit nicht verbieten. Die bekam jedoch einen herben Dämpfer. Nachdem es schon länger die Kamenzer Brauerei nicht mehr gibt, geht nun der letzte Kamenzer und inzwischen Liesker Braumeister Ekkehard Göbel in Vorruhe. Dem fiel immerhin die Ehre zu, ein Fass anzustechen für den Elferrat samt Prinzenpaar Gerd I. und Manuela III. „Dass nun der Braumeister geht, macht uns betroffen. Doch man wird auch von fremdem Bier besoffen“, hieß es daraufhin. Und abermals bebte der Saal. Wie die Leute begeistert mitgehen, darüber freute sich Aloysius Mikwauschk (CDU), der bei keinem dieser zehn Frühschoppen bisher fehlte. Er lobte die Veranstalter und nahm es locker, dass er selber auch diesmal wieder nicht ungeschoren davon kam. „Wer da beleidigt ist, der sollte zu Hause bleiben“, sagte der Landtagsabgeordnete.

Lorenzo in Hochform, das zog Susan Bloch (38) aus Kamenz und ihre Freundin Antje Löchel (44) aus Cunnersdorf wieder zum Frühschoppen des KKC, zum achten Mal schon. Ihr persönliches Highlight war erneut der Auftritt des Stadtbüttels mit Charlotte de Cognac (Ina Förster) und deren kunterbunten Einblicken ins Eheleben. Eine sichere Bank für den Frühschoppen und den KKC. Für Akzente sorgten Funken, Minifunken und eine Männertruppe mit Wikingertanz. 2016 wollen die beiden Frauen wieder dabei sein. Es werde allerdings immer schwerer, Karten zu bekommen. Die waren diesmal nach anderthalb Tagen restlos ausverkauft.