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Sachsen

Raubkunst macht kleinen Museen Sorgen

Die Herkunft vieler Ausstellungsstücke aus der Kolonial- und Nazi-Zeit in Sachsen ist bislang weitgehend unerforscht.

Hat auf diesem Klavier Mozart gespielt? Stefan Hindtsche vom Musikinstrumenten-Museum in
Markneukirchen konnte die Antwort mit seinem Team herausfinden.
Hat auf diesem Klavier Mozart gespielt? Stefan Hindtsche vom Musikinstrumenten-Museum in Markneukirchen konnte die Antwort mit seinem Team herausfinden. © dpa/Katrin Mädler

Von Katrin Mädler

Die Geschichte des Klaviers ließ die Museumsleute in Markneukirchen stutzig werden. Aus Wien sollte es stammen und Mozart darauf gespielt haben. Vor 60 Jahren kam es als Nachlass eines örtlichen Instrumentenbauers in das Musikinstrumenten-Museum. Der Besitzer habe es 1942 für viel Geld im nahe gelegenen Plauen erstanden, erzählt Museumsleiter Stefan Hindtsche. Das Museumsteam forschte nach und widerlegte die Mozart-Geschichte. „Aber die Umstände des Ankaufs ließen uns aufhorchen“, sagt Hindtsche. Ein unrechtmäßiger Entzug in der Nazi-Zeit konnte nicht ausgeschlossen werden. Und so wurde das Instrument zum Fall für die Provenienzforschung, bei der die genaue Herkunft von Objekten untersucht wird.

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Diese Forschung sei an kleineren sächsischen Museen besonders schwierig, sagt die Direktorin der Landesstelle für Museumswesen, Katja Margarethe Mieth. „Die Bereitschaft ist da. Aber der Aufwand ist enorm und die Forschungslage über die Objekte nicht gut.“ Es fehlt an Kapazitäten – im Gegensatz zu größeren Museen, an denen mittlerweile oft mehrere Wissenschaftler oder eine eigene Abteilung mit der Herkunftsforschung beschäftigt sind. Erschwerend kommt laut Mieth hinzu, dass sich die Forschung bisher auf Kunstsammlungen beschränkt hat. „Hier geht es einfach um höhere Geldwerte. Darüber hinaus hat in Sachsen eine tiefergehende Provenienzforschung nie stattgefunden“, sagt sie. Ab 2021 sei eine Koordinierungsstelle für Provenienzforschung geplant, die bei den Staatlichen Kunstsammlungen Dresden (SKD) angesiedelt werden soll.

Zweifelhafte Herkunftsangaben

Im Naturalienkabinett Waldenburg im Landkreis Zwickau ist es eine Mönchsskulptur aus China, die Museumsleiterin Fanny Stoye „ein mulmiges Gefühl“ bereitet. Bisher war die 20 Zentimeter große Figur Teil der barocken Wunderkammersammlung des Museums. Dann stieß Kunsthistorikerin Stoye, seit mehr als einem Jahr für die Provenienzforschung des Hauses verantwortlich, auf alte Unterlagen. „Demnach stammt die Skulptur von einem deutschen Matrosen“, berichtet sie. Dieser habe sich um 1900 an Plünderungen in China beteiligt, die im Zusammenhang mit der gewaltsamen Niederschlagung des Boxeraufstandes standen. Chinesische Freiheitskämpfer wehrten sich dabei gegen Kolonialmächte wie das Deutsche Reich. „Zu solchen Nachforschungen komme ich nur in den Abend- und Nachtstunden“, erzählt Stoye. Schon bei stichprobenartigen Recherchen kamen ihr Problemfälle im Bestand unter. Vor allem die Kolonialzeit falle in der Naturaliensammlung mit zweifelhaften Herkunftsangaben auf. „Neben der NS-Zeit und den DDR-Jahren reden wir zusammengefasst von rund zweihundert Jahren fragwürdiger Vergangenheit bei Museumsobjekten.“ Direkte Ansprechpartner in ehemaligen Kolonialländern wie China oder Namibia sowie hiesige Fachkräfte für die unterschiedlichen Kulturen fehlten.

Diese Probleme gibt es auch in dem Markneukirchener Haus mit seinen rund 4.000 Exponaten, dem Hindtsche erst seit diesem Jahr vorsteht. Geschätzt 320 Objekte stammen aus Ex-Kolonienund sollen vor 1908 in das seit 1883 existierende Museum gekommen sein. „Unter welchen Umständen der Ankauf stattfand, wissen wir bisher kaum. Wir haben noch nicht einmal genaue Bestandszahlen, weil uns die Zeit fehlt, alles zu inventarisieren“, sagt er. Dreieinhalb Mitarbeiterstellen gibt es am Museum, bei rund 18.000 Besuchern im Jahr. „Eine schwierige Situation, um sich angemessen um eine Sammlung von Musikinstrumenten dieser Größenordnung zu kümmern.“ Das geheimnisvolle Klavier sei nur ein Beispiel für die Suche nach unrechtmäßig erworbenen Stücken. Ohne Forschung von externen Wissenschaftlern komme man nicht weiter.

Mögliche Ansprüche aus verschiedenen Ländern sieht Fanny Stoye in den nächsten Jahren auf das Naturalienkabinett Waldenburg zukommen. „In unserer Sammlung befinden sich einige Sachen, die zurückgefordert werden könnten“, sagt sie.

Das Schlesische Museum in Görlitz habe schon viele zum Kauf angebotene Kunstgegenstände abgelehnt, weil deren Herkunft zweifelhaft gewesen sei, erklärt der dortige Direktor Markus Bauer. „Beim Thema Provenienzforschung ist unsere junge Sammlung von Vorteil“, sagt er über das erst 2006 eröffnete kulturgeschichtliche Haus. „Von vornherein lassen wir uns auf keine Angebote aus trüben Quellen ein.“ Trotzdem gab es auch bereits Irritationen. „Eines unserer Bilder sah einem vermissten Werk ähnlich. Wir mussten näher nachforschen, konnten aber den rechtmäßigen Ankauf bestätigen“, sagt der Museumsdirektor. Durch die Verfolgung durch die Nationalsozialisten ging die Kunstsammlung der ehemaligen Besitzer, der jüdischen Familie Littmann aus dem polnischen Breslau, in den 1930er-Jahren verloren. Ihre Nachfahren suchen bis heute nach einzelnen Werken. (dpa)