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Raubritter ziehen am Neißeufer entlang

Personen. Hans-Jürgen Noack aus Sagar erzählt gern aus der Geschichte des Ortes. In der wimmelt es von finsteren Gestalten.

Von Katrin Schröder

Die von Briesens waren keine schrecklich nette Familie. Das Wort „schrecklich“ beschreibt die Sippe besser: Hans von Briesen wurde geächtet und hingerichtet, weil die Oberlausitzer Städte seine Raubzüge leid waren. Bruder Heinz fiel ebenfalls in Acht und Bann. Hans’ Sohn Nickel brachte einen Muskauer Tuchhändler um das letzte Hemd, bevor er in Sagar vor den Scharfrichter trat. Auch Bruder Christoph hat in der familieneigenen Räuberbande mitgemischt, die Kaufleute auf der Durchreise bedrohte.

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Keine Räuberpistole, sondern historisch belegt: Die Herren auf der Burg Zibelle (heute polnisch Niwica) galten im 15. Jahrhundert als die schlimmsten Raubritter weit und breit. Hans-Jürgen Noack ist ebenfalls in Zibelle geboren, doch mit den Raubrittern verbindet ihn nicht Blutsverwandtschaft, sondern historisches Interesse. Der Sagarer Dorfchronist erforscht die Geschichte der Neißedörfer und ist schon auf viel Interessantes gestoßen.

Die Geschichten über die Raubritter an der Neiße, hat er festgestellt, kommen bei Touristen gut an. In der Radlerklause, die seine Schwiegertochter Inge in Sagar betreibt, erzählt er gern abends am Kaminfeuer von den wilden Zeiten, als die von Briesens und die von Penzigs, damals Standesherren auf Muskau, mit den Banditen gemeinsame Sache machten. „Die von Penzigs wirkten im Hintergrund, haben Hinweise gegeben und dann mussten die Strauchdiebe mit ihnen teilen“, erklärt der 72-Jährige.

Sogar der Gablenzer Pfarrer gewährte Gaunern Unterkunft und Verpflegung und machte die Beute zu Geld. Nachschub kam immer wieder, denn am Neißeübergang kreuzten sich die Niedere Handels-Straße von Leipzig nach Breslau und die Nord-Süd-Straße von Frankfurt/Oder nach Görlitz. Von den Gefahren zeugen die Namen einiger Dörfer bei Przewoz (Priebus) wie Wärstebesser, Traumernicht und Sichdichfür, sagt Noack.

Dorf hinter dem Berge

35 Jahre lang war er Lehrer an der Schule in Sagar und schon zu DDR-Zeiten Ortschronist. „Doch ich hatte wenig Zeit, deshalb habe ich wenig geschafft.“ Das änderte sich nach 1989: Hans-Jürgen Noack durchforstete im Landesarchiv Bautzen Unterlagen der Standesherrschaft Muskau und widmete sich den Rätseln der sorbischen Flurbezeichnungen. „Sie wissen ja, dass sie ’hinter dem Berge’ sind“, so beginnt er gern. Denn der Ortsname Sagar, sorbisch: Zagor, kommt von za (hinter) und gora (Berg) und beschreibt die alte Lage des Dorfes auf der anderen Neißeseite. Der Chronist möchte sich den Gästen nicht aufdrängen: „Nicht jeder möchte unterhalten werden. Doch wenn ich auf Interesse stoße, erzähle ich.“ Gerade viele junge Leute, aus Westdeutschland, Schweden, Holland oder der Schweiz, hörten schon gebannt zu. Ein junges Paar bedankte sich gar bei Noack: Er habe ihnen den schönsten Abend ihrer Radtour beschert.

E-Mail aus Amerika

Für die Raubritter von Zibelle interessiert man sich auch jenseits des Atlantiks. Ein Briesen-Nachfahre aus dem US-Bundesstaat New Jersey bat Noack per E-Mail um Auskunft: Bereits Mitte der 90er-Jahre habe er in Niwica nach Familienburg nebst Gedenkstein gesucht – vergeblich. Auch Noack suchte, fand Reste der Burg und schickte ein Foto. In den 30er-Jahren zog übrigens ein waschechter Nobelpreisträger auf das Rittergut Ober-Zibelle: Walther Hermann Nernst, der 1920 den Chemienobelpreis bekam, widmete sich dort einem eher ruhigen Hobby: der Karpfenzucht.

www.sagar.de