SZ +
Merken

„Raucher sterben leise“

Gesundheitsschäden sind nicht der einzige Grund, warum man mit Rauchen aufhören sollte, sagt Experte Matthias Horwath.

Teilen
Folgen

Herr Horwath, ist Rauchen nur eine schlechte Angewohnheit?

Nein, es ist eine Sucht. Rauchen zieht Veränderungen nach sich. Das Leben wird ans Rauchen angepasst und erzeugt Abhängigkeit. So wollen es die Zigarettenhersteller.

Gelegenheitsrauchen oder Sucht – wo liegt die Grenze?

Ohne Weiteres kann ich das nicht sagen. Sicher ist, wenn ich eine bestimmte Wirkung vom Rauchen erwarte, einen inneren Zwang, einen Druck verspüre, rauchen zu müssen, mit dem Ziel der Beruhigung, der Dazugehörigkeit, der Entspannung, dann ist das Sucht. Das gilt für alle Suchtarten.

Wie schädlich ist regelmäßiges Rauchen?

Die Auswirkungen sind wesentlich größer, als es die es Gesellschaft wahrhaben will. Nach neuesten neurobiologischen Forschungen ist das Suchtpotential der Zigarette größer als das vom Heroin. Die Folgen der Nikotinsucht werden unterschätzt oder verdrängt.

Zum Beispiel?

Lungenkrebs, schwere Durchblutungsstörungen mit der Folge von Amputationen, Herzversagen und weitere Organschäden. Mit dem Rauchen verweigert man seinem Gehirn die Sauerstoffzufuhr, das Denken wird eingeengt. Nikotinsucht ist die tödlichste Suchtform, die es gibt. Nur, es wird leise gestorben. Es gibt keine Todesursache „zu viel geraucht“. Die wahre Ursache gelangt selten an die Öffentlichkeit. Bescheinigt wird nur das Organversagen. Außerdem werden sämtliche Interessen auf die nächste Rauchgelegenheit ausgerichtet. Es entstehen Familienkrisen und Konflikte unter Ehepartnern, unter Freunden. Das Gesamtverhalten des Süchtigen beginnt sich nach und nach einzuengen. Die Sucht übernimmt die Lebensplanung.

Hat nicht das Rauchen eine Art soziale Funktion übernommen?

Mit Sicherheit. Das gemeinsame Rauchen gehört zum Alltag. Und meist ist es die Einstiegskarte für Cliquen. Jugendliche möchten cooler, erwachsener und älter sein. Sich über die Fluppe vom Kindsein und vom Elternhaus abgrenzen und zur Gruppe dazugehören. Das ist häufig der Anfang zur Nikotinsucht.

Sie sagten zu Beginn, dass die Tabakindustrie das Ziel hat, Kunden zu binden.

Genau das ist der wirtschaftliche Aspekt. Gerade in Dresden hat die Tabakindustrie bis heute einen wichtigen gesellschaftlichen Nutzen: Arbeitsplätze schaffen und erhalten.

Welche Möglichkeiten gibt es, wenn ich mit dem täglichen Nikotinkonsum aufhören will?

Nikotinpflaster und Kaugummis sind nur unterstützende Maßnahmen. Ohne aktive Bereitschaft erreicht man das Ziel nicht. Die Einstellung zum Rauchen muss sich grundlegend ändern. Die erste Frage ist dabei: Wie und nicht warum habe ich angefangen zu rauchen? Als Zweites: Welchen positiven Effekt löst Nikotin bei mir aus? Und wodurch kann ich dieses Gefühl ersetzen. Es bleibt am Ende immer ein Stück unbefriedigend. Damit muss man leben, dessen muss man sich bewusst sein.

Ist es in einer Gruppe einfacher, die Sucht zu bekämpfen?

Ja, würde ich sagen. Der Therapeut hat Erfahrungen, kann aber nur von außen weiterhelfen. Mitbetroffene wissen dagegen, was beim Entzug im Körper vor sich geht. Diese innere Sichtweise kann andere unterstützen, motivieren und bringt viel mehr als eine Einzeltherapie. Gruppentherapie ist in Deutschland nach wie vor die beste Suchtbekämpfungsmethode. Mittlerweile fördern die Krankenkassen die Nichtraucherkurse gelegentlich bis zu 80 und sogar 100 Prozent, wenn die Diagnose Nikotinabhängigkeit vom Arzt oder einer Beratungsstelle gestellt wurde. Insbesondere bei Schwangerschaften, um das ungeborene Kind zu schützen.

Wie sind Ihre Erfahrungen in der Freitaler Beratungsstelle mit Nichtraucherkursen?

Die sind sehr durchwachsen. In Freital hatten wir lange Zeit keine Gruppe. Oft sind die Betroffenen während der Kurse wieder abgesprungen. Wie so oft fehlte letzten Endes die innere Entscheidung zu einem konsequenten Nein. Wenige halten durch.

Das Gespräch führte Katja Fischer.