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„Wir wollen uns viel gönnen“

Baukosten, die zuletzt regelmäßig in die Höhe schnellten – damit will Großenhains Oberbürgermeister jetzt Schluss machen.

Oberbürgermeister Dr. Sven Mißbach spricht im SZ-Sommerinterview darüber, wie die Stadt Kosten künftig besser im Blick behalten will und über „massiv neue Themen“ für Großenhain.
Oberbürgermeister Dr. Sven Mißbach spricht im SZ-Sommerinterview darüber, wie die Stadt Kosten künftig besser im Blick behalten will und über „massiv neue Themen“ für Großenhain. ©  Kristin Richter

Großenhain. Ein völlig verändertes Kräfteverhältnis im neuen Stadtrat. Dazu die ständige Frage, was sich Großenhain noch leisten kann und will – nach der Sommerpause steht Großenhains Oberbürgermeister Sven Mißbach (parteilos) vor einer neuen Situation im Rathaus und muss sich auf manchen Kraftakt im Stadtrat einstellen. Die SZ traf ihn zum Sommergespräch im Eiscafé San Marco mit Blick aufs Rathaus.

Herr Mißbach, in einer Zeit, in der schon gestritten wird, wer was gesagt hat, wäre es da angebracht, Ratssitzungen aufzuzeichnen, wie in Meißen?

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Ich halte nicht viel davon, weil jeder dann Ausschnitte nehmen und ins Netz stellen kann mit entsprechenden Kommentaren. Da kann man auch Leute fertigmachen. Die Welt ist mittlerweile so. Damit würden wir den Facebook-Effekt noch in den Stadtrat holen. Wer sich für ein Thema interessiert, wer mitreden will, der soll hingehen und den anderen in die Augen sehen.

Also wird die Stadt auch künftig keinen Facebook-Auftritt betreiben?

Nein. Da müsste ich jemanden 24 Stunden dransetzen und das bringt gar nichts. Ich habe jetzt vor der letzten Kreistagswahl Instagram genutzt. Dort erreicht man die jungen Leute. Die ganze Jugendumfrage der Stadt lief über Instagram. Das war gut.

Dann zurück ins Leben. Werden Sie die Großenhainer am Mittwoch wieder als Neptun erleben?

Lassen Sie sich doch überraschen. Auf alle Fälle habe ich an dem Tag Urlaub.

Kürzlich hat der Stadtrat die Prioritätenliste für die Stadt beschlossen mit über hundert Posten. Ist ihr Fahrplan also klar fürs nächste Haushaltjahr?

Nicht ganz. Die Stadträte haben festgelegt, was ihnen mehr oder weniger wichtig ist, die Verwaltung hat die Pflichtaufgaben festgelegt, aber da ist immer die Frage, ob es Fördergeld gibt, ob alle Genehmigungen kommen. So was bleibt eine bewegliche Angelegenheit, wo eines vielleicht doch früher wird, etwas anderes später.

Auf welche schönen Projekte können sich die Großenhainer definitiv schon freuen? Oder was gönnen wir uns?

Wir wollen uns viel gönnen. Herausragend wird sicher der Neubau der Kindertagesstätte Chladeniusstraße.

Steht denn bereits fest, wie das neue Haus einmal aussehen wird?

Intern gibt es bereits einen Entwurf, aber da gibt es noch viel abzusprechen, auch energetisch. Mein Ziel ist, dass die Betriebskosten nicht exorbitant nach oben gehen. Eigenversorgung wird da ein zunehmendes Thema für die Kommunen sein. Das wird nicht billig, es gab ja mal eine Kostenschätzung von 1,9 Millionen. Da werden wir dem neuen Stadtrat schon vorlegen müssen, dass es teurer wird.

Apropos teurer. Die Stadt hat nach den Kostenexplosionen beim Umbau von Palais und Naturbad jetzt ein Kostencontrolling eingeführt. Wie soll das funktionieren?

Es gibt Abläufe, die man abbilden kann, wenn die Kosten in das Programm eingetragen werden. Dann hat man mal eine Gesamtzahl. Das hat nämlich immer der Planer gemacht. Wir hatten zu spät den Blick drauf, vor allem, wenn es Änderungen gab.

Dann ist die Kostenentwicklung etwas aus dem Kämmerlein herausgenommen, und alle Ämter haben auf ein Projekt Zugriff?

Genauso.

Beim Palais ging alles auf Stadtkosten. Haben Sie denn beim alten Naturbad Aussicht, etwas zurückzubekommen?

Wir sind dabei. Es gab eine Verhandlungsrunde, es sieht gut aus. Das müssen aber die Versicherungen noch bestätigen.

Gibt es liebgewonnene Kleinigkeiten, die Sie unbedingt erhalten wollen? Den Dianabrunnen zum Beispiel, aber das ist wohl keine Kleinigkeit?

Wir sind von einer sechsstelligen Summe ausgegangen. Ich bin froh, dass wir nun doch nicht den ganzen Brunnen abbauen müssen, weil viel probiert wurde mit den Inliner-Verfahren. Insofern wird es nun doch eine kleinere Sache als gedacht. Wir warten jetzt auf die Auskleidung.

Womit?

Mit einem Steinanstrich. Anfangs gab es Überlegungen, das mit Blei zu machen. Da wurden wir gleich hellhörig. Lieber mal beim Gesundheitsamt nachfragen. Dann heißt es, wir haben einen Giftbrunnen. Da mussten sich Denkmalschutz und Gesundheitsamt einigen. Was ja passiert ist.

Apropos Denkmalamt. Steht der Entwurf für die Aufstockung der ersten Grundschule Schubertallee?

Es wird nicht alles so einfach gehen, vor allem mit der Aufteilung der Räume. Darüber müssen wir dann mit dem Stadtrat reden. Das ist aber nicht aktuell vordringlich.

Was drängt Sie persönlich?

Für mich wird das Thema Bad wichtig sein, dass dort alles ordentlich funktioniert. Das war ja diese Saison gleich eine harte Probe bei den Temperaturen und damit einem hohen Nährstoffeintrag. Wir mussten teilweise Fadenalgen mit der Hand aus dem Regenerationsteich entfernen, weil die anderen Pflanzen sonst erdrückt werden. Da muss der Planer noch einmal ran. Das muss sich noch einspielen. Wir haben auf jeden Fall jetzt bereits die Besucherzahlen, wie wir sie sonst am Ende der Saison hatten.

Hat das verkleinerte Bad bei dem Ansturm ausgereicht?

Ja. Vor allem die Trennung des Schwimm- und Sprungbereichs hat sich bewährt.

Was steht eher als Ideenarbeit an?

Die erste Grundschule und die Kelterei. Nach der Ablehnung des Museumsneubaus wurde das Thema nie wieder im Stadtrat angefasst. Erst in der letzten Sitzung, als wir einen anderen Vorschlag gemacht haben, kam plötzlich der alte Vorschlag auf den Tisch.

 Da drehen wir uns im Kreis und das hat mir so auch nicht gefallen. Wir werden fürs Museum eine denkmalschutzrechtliche Begleitplanung durchführen, damit wir wissen, was geht an dem Standort. 

Wir können nicht einfach in die Kelterei umziehen und das Museum leerstehen lassen. Das ist schon eine große Frage, die wir beantworten müssen. Und es wird Geld kosten und es ist keine Pflichtaufgabe.

Etwas anders sieht es beim Alten Schloss in Zabeltitz aus. Da geben wir jetzt mit dem Stadtrat eine Studie in Auftrag, wie man das Haus nutzen könnte, vielleicht über eine Tagespflege und weitere Fachrichtungen niedergelassener Ärzte. 

Aber das müssen wir uns sehr genau anschauen, die Machbarkeitsstudie war da zu sehr an der Oberfläche. Da müssen wir von Anfang an den Denkmalschutz und die Kassenärztliche Vereinigung mit ins Boot holen. Aber das Alte Schloss Zabeltitz als Landambulatorium auszubauen, bleibt unsere Vision.

Es gab schon Kostenschätzungen von rund sechs Millionen Euro.

Na, ob das reicht. Alleine, wenn ich mir das Dach ansehe. So ein Objekt wird man sicher etappenweisen stemmen müssen. Der erste große Schritt ist schon der Aufzug.

Bleiben wir bei der Medizin. Die Forderung nach einer Notfallambulanz will ja nicht verstummen. Ist das realistisch, noch mal etwas zurückzubekommen.

Wir haben das mehrfach angesprochen. Das ist aussichtslos, weil einfach das medizinische Hinterland der verschiedenen Fachrichtungen fehlt. Der Stachel des geschlossenen Krankenhauses sitzt tief. Aber uns sind da die Hände gebunden. 

Es könnte nur der Fall eintreten, dass sich eine völlig andere Situation entwickelt, falls eine wirkliche Großansiedlung am Flugplatz kommt. Sonst sehe ich keine Chance, bei den Elblandkliniken des Landkreises eine andere Entscheidung herbeizuführen.

Hat Ihnen der Landrat wenigstens ein schönes Angebot für das Objekt Vermessungsamt gemacht, wenn die Behörde dort auszieht?

Nein. Noch ist es nicht ausgezogen, aber ich denke, das wird noch dauern, bis sich da eine Nachnutzung andeutet. Worauf ich natürlich hoffe. Großenhain will Verwaltungsstandort bleiben. Es ist ja nicht sinnvoll, solche teuer sanierten Gebäude plötzlich leer stehenzulassen.

Ist denn jemand ins alte Arbeitsamt am Alberttreff eingezogen?

Nein. Aber das ist eine private Immobilie. Das wäre sicher auch ein Objekt gewesen, das man super in eine THW-Schule hätte einbinden können. Aber die kommt ja nun nicht nach Großenhain, weil Horst Seehofer das so entschieden hat. 

Da haben wir keinen Einfluss. Was mir Sorgen macht und wo wir gefragt sind, sind die Trockenheit und die fortwährenden Brände. Da geht es nicht mal so sehr um den Einsatzwillen, aber am Tag die Leute zusammen zu bekommen und genügend Löschwasser bereitzustellen, wird zunehmend ein Thema.

Da werden wir künftig ganz anders auf Löschwasserteiche oder große Tanklöschfahrzeuge schauen müssen. Wir müssen umdenken, auch in der Innenstadt. Wie bekommen wir Schatten und Kühle zwischen die Häuser. Stadtgrün, Wasserhaltung, Eigenstrom – wir werden massiv neue Themen bekommen. Bauvorhaben wie den Topfmarkt oder den Kirchplatz müssen wir neu denken.

Das Gespräch führte Birgit Ulbricht

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