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Raus aus dem Krieg

Suaad Ayoubi und ihr 14-jähriger Sohn Mohammed sind aus Syrien geflohen. Seit drei Wochen wohnen sie nun in Großenhain.

© Anne Hübschmann

Von Catharina Karlshaus

Morgen ist Freitag. Was für ein Tag! Der schönste Tag der Woche eigentlich. So etwas wie ihr ganz persönlicher Feiertag. Gemeinsam kochen, zusammen essen, erzählen und lachen. Traditionell so ganz in Familie, alle an einem großen Tisch, die Stimmen wirbeln laut durcheinander. Damals zumindest. Morgen ist auch wieder Freitag. Aber alles wird ganz anders sein. Denn die Stimmen, die Suaad Ayoubi ihr Leben lang begleiteten, sind längst verstummt. Entweder gibt es die Menschen, die zu ihnen gehörten, nicht mehr. Oder sie wohnen irgendwo auf dieser Welt, nur nicht mehr in der gemeinsamen Heimat Syrien. „Aber alles ist gut. Wir sind gesund und bekommen hier alles, was wir brauchen“, sagt Suaad Ayoubi und schaut dankbar aus ihren dunkelbraunen Augen.

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Am 18. Februar brachte sie ein Flugzeug aus dem Libanon nach Deutschland. Drei Wochen später dann die Ankunft im sächsischen Meißen und schließlich der Umzug in eine Zweiraumwohnung inmitten einer Plattenbausiedlung in Großenhain. Häuser, wie sie die 53-Jährige vorher noch nicht gesehen hat. Aber: Sie wusste ohnehin überhaupt gar nichts von Deutschland. Was das für ein Land ist, wie die Menschen da leben, was ihnen wichtig ist oder gar, ob sie dort willkommen sein würde. Dass es Wohnungen gibt, die aussehen, wie Rechtecke. Was macht das auch schon, wenn man gerade die Flucht aus einem Kriegsgebiet überlebt hat? „Es ist alles neu und anders. Aber es ist auf eine eigene Art faszinierend“, gesteht die ausgebildete Erzieherin.

Mitten im Herzen von Damaskus

Faszinierend für zwei Menschen, die doch selbst aus einer faszinierenden Welt kommen. Mitten im Herzen der historischen Altstadt von Damaskus wohnte Suaad Ayoubi mit ihrem Sohn. In einem geschichtsträchtigen Haus, an dem das städtische Markttreiben vorbei zog, ein Teil des Lebens der Dreimillionen-Metropole pulsierte und der Duft von orientalischen Gewürzen und Gerüchen zum stets offenen Fenster hinein wehte. Während die schon erwachsenen Töchter ihre eigenen Familien gründeten, blieb Suaad nach dem plötzlichen Tod ihres Mannes allein mit Mohammed zurück. Allein, aber nicht einsam. „Denn unser Haus war sehr groß. Es hatte viele einzelne Wohnungen und in denen lebte meine Familie. Brüder und Schwestern mit ihren Kindern.“ Viel Zeit zum Grübeln sei ihr damals ohnehin nicht geblieben. Hatte sie sich sonst ausschließlich um den Nachwuchs gekümmert, musste sie nun – nach dem tödlichen Schlaganfall ihres Mannes – selbst Geld verdienen. „Also arbeitete ich am Vormittag wieder in meinem Beruf als Erzieherin in einer Vorschulgruppe, brachte den Kleinen Buchstaben und Zahlen bei. Am Nachmittag war ich dann in einer Molkerei tätig.“ Jeden Tag sei sie so eigentlich immer auf den Beinen gewesen. Jeden Tag, außer Freitag eben. „Das ist sozusagen der deutsche Sonntag, da wird in Syrien auch mal Pause gemacht“, erklärt Suaad und lacht.

Ein freundliches Lachen mit bewusst auferlegter Zurückhaltung allerdings. Als sie sich über Deutschland informiert habe, hätten sich schnell die Worte „Ordnung“ und „Regeln“ gefunden. So laut und wild gestikulierend zu erzählen wie in Damaskus sei hier sicherlich unpassend, findet sie und lässt es deshalb vorsichtshalber besser erst mal verhaltener angehen. Vorerst, denn die Emotionen bahnen sich schließlich doch ihren Weg, als sie über ihren Weggang aus Syrien berichtet. Drei Jahre sei das nun schon her. Vormittags unterrichtete sie noch im Kindergarten und Mohammed habe die Schule besucht, seine Abschlussprüfung für die siebente Klasse abgelegt. Doch dann geschah das, was sie und ihre Familie insgeheim schon lange befürchtet hatte: Das Militär rückte immer näher in die Innenstadt vor. Detonationen waren aus der Ferne zu hören und das bedrohliche Rattern von Maschinengewehren. Und dann standen die Panzer plötzlich in der Straße, fiel der erste Schuss, stürzte das erste Gebäude zusammen. Jetzt war er also da. Der Bürgerkrieg tobte unmittelbar vor ihrem Haus. „Es war ganz entsetzlich. Plötzlich lagen überall tote Menschen. Diesen Anblick werde ich nie vergessen.“

Es war der Moment, vor dem sich Suaad seit Beginn der militärischen Auseinandersetzungen zwischen den Truppen der Regierung von Präsident Baschar al Assad und den Kämpfern verschiedener Oppositionsgruppen im Frühjahr 2011 immer gefürchtet hatte. Der Moment, indem ihr mütterliches Herz riet, das Land zu verlassen. Und: Sie überlegte nicht lange. Packte eine kleine Reisetasche mit etwas Unterwäsche und einem Schlafanzug für Mohammed, den sie noch heute als Erinnerung aufbewahrt. Denn mehr ist ihr nicht von Damaskus geblieben. Zurück blieb alles, was einst ihr Leben ausgemacht hatte. Liebgewordene Einrichtungsgegenstände, Fotos, ihre Tagebücher und Geschichten, die sie hin und wieder in einer Damaskuser Tageszeitung veröffentlichte. Spielzeug und der gerade angeschaffte Computer für Mohammed. „Er hatte jedes Geldstück für diesen Computer gespart. Das hat mir sehr leidgetan“, erinnert sich Suadd mit leiser Stimme.

Im Gedränge und Chaos der Stadt hätten sie sich dann einfach auf den Weg gemacht. Verkauften ihre Handys, um nur irgendwie ganz schnell an Geld und aus dem Land zu kommen. Ihr Ziel, der benachbarte Libanon. Was Suadd Ayoubi und Mohammed in diesem Sommertagen 2011 noch nicht wissen sollen: Bis zum Februar dieses Jahres werden sie nur zwei von insgesamt 2,6 Millionen Syrier sein, die vor dem Krieg fliehen. Zweieinhalb Jahre bietet der Nachbarstaat ihnen eine Zuflucht. Mohammed besuchte wieder die Schule und Suadd arbeitete, wo es möglich ist. Wohnen tun die beiden in einem kleinen Zimmer, mietfrei. Bis zu jenem Tag Anfang des Jahres. „Da kam ein Mitarbeiter der Vereinten Nationen und teilte uns mit, wir würden nach Deutschland ausgeflogen. Als wir dann im Flugzeug saßen und die Maschine abhob, dachte ich nur, vielleicht gehst du jetzt für immer in die Fremde.“

Suadd Ayoubi schaut nachdenklich. Morgen ist Freitag. Sie wird ihn ohne ihre Familie verbringen, von der sie seit ihrer Flucht nichts mehr gehört hat. Sie wird vielleicht daran denken, dass am 15. April ihr Sprachkurs beginnt und Mohammed dann bald zur Schule gehen kann. Und sie wird spüren, dass es ein Tag ist wie jeder andere auch. Hier in Deutschland.