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Raus aus der braunen Herde

Jasmin und Holger Apfel waren jahrelang Ikonen der NPD. Nun will die junge Frau eine Zukunft ohne Nazis und ohne ihn.

© Sebastian Schultz

Von Britta Veltzke und Tobias Wolf

Der Wendepunkt liegt in einer alten Riesaer Kaufhalle: Ein schnörkelloser Bau, davor eine verblichene Betonsitzgruppe. Aus den Ritzen zwischen den Steinplatten sprießt Gras. Die Halme, die aus dem Boden ragen, könnten ein Sinnbild für Jasmin Apfels Leben sein, der Drang etwas zu durchbrechen, das fast ihr ganzes Erwachsenenleben bestimmte: eine Rechtsextreme zu sein, NPD-Funktionärin und erste Hausfrau der Neonaziszene. Jasmin Apfel will all das nicht mehr sein. Und der Anfang vom Ende dieses Lebens liegt hier. Sie lächelt, stützt sich auf den Holzzaun, als könnte er ihr den Halt geben für das, was nun kommt.

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Holger Apfel und seine Frau Jasmin, hier bei der sächsischen Landtagswahl 2009, galten lange als das rechte Vorzeige-Paar. Nun gehen sie getrennte Wege.
Holger Apfel und seine Frau Jasmin, hier bei der sächsischen Landtagswahl 2009, galten lange als das rechte Vorzeige-Paar. Nun gehen sie getrennte Wege. © Archivfoto: Peer Grimm

Früher trafen sich hier Familien zum Spielen, Basteln, Reden. Irgendwann stieß Apfel mit ihren Kindern dazu. „Ich habe in der Kaufhalle Anschluss gefunden. Man hat mich dort nicht verurteilt, weil ich eine Rechte bin.“ Es ist ein Ort, wie ihn die 33-Jährigen vorher nicht kannte. „Ich habe dort auch mal andere Meinungen gehört. Wenn man immer nur umgeben ist von Menschen, die das Gleiche denken, dann kommt man nicht zu einer unabhängigen Meinung.“ In der rechten Szene laufe man der Schafsherde hinterher oder man führe sie an. Jasmin Apfel hat beides getan.

Jung, schwanger, allein

Schon 2012 hat sie mit ihrer Partei gebrochen, trat aus der NPD aus und legte ihren Posten als Geschäftsführerin des Rings Nationaler Frauen nieder. Als sie noch an die Nazi-Ideologie glaubte, geißelte sie ein vermeintlich multikulturell verzerrtes Familienbild, beschwor die intakte deutsche Familie mit vielen Kindern als Ideal. Ein Ideal, das sie lebte. Mit ihrem Noch-Ehemann Holger Apfel hat sie vier Kinder. Auch er hat mit seiner Partei gebrochen. So wie beide miteinander. Die Scheidung soll noch dieses Jahr über die Bühne gehen. Noch ein Ende, noch ein Neuanfang.

Nach einer ersten Trennung hatten sie es noch einmal versucht, 2014 ein Lokal am Ballermann auf Mallorca übernommen. „Maravillas Stube – bei Jasmin & Holger“. Schnitzel, Bier und Sangria. „Das war Holgers Traum.“ Noch im gleichen Jahr war sie plötzlich wieder zurück in Riesa. Die Trennung war letztlich eine Flucht, erzählt sie. „Wir sind einfach weg. Ich habe die Kinder genommen und bin gegangen. Ich habe ihm das nicht gesagt.“

Jetzt ist Jasmin Apfel offiziell Aussteigerin und lebt von Hartz-IV. Sie ist Teil eines Programms, das sich der Freistaat rund 260 000 Euro im Jahr kosten lässt. Die junge Frau ist einer von zehn aktuellen Fällen. Sie kämpft, sagt sie. Gegen die Vergangenheit. Für die Kinder. Die größte Hypothek sei der Nachname. Die Kinder sollen nicht mehr so heißen. „Apfel, der Name ist verbrannt. Das klingt hart.“ Jasmin Apfels Anwalt Sebastian Lohse will für die Namensänderung kämpfen. „Gute Argumente gibt es, insbesondere wegen der Stigmatisierung, die das Kindeswohl beeinträchtigt.“

Die Frau mit den rot gefärbten Haaren hat nichts Schrilles oder Lautes. Nicht einmal, wenn sie etwas besonders betonen will. Kaum vorstellbar, dass die rundliche Dame mit den gemütlichen Zügen einmal den Ring Nationaler Frauen geführt hat. Jasmin Apfels Ältester ist jetzt 14, das jüngste Kind zwei. „Der Große hatte Probleme einen Praktikumsplatz zu finden. Wir überlegen schon, ob er seine Ausbildung nicht besser in einem anderen Bundesland macht.“ Es gebe Probleme, wenn die Kinder die Schule wechseln oder in den Sportverein wollten. Sie verstehe, dass man sie hasst. „Aber das Verfolgen meiner Kinder muss aufhören. Dass ich nicht unschuldig bin, steht für mich außer Frage. Aber es kann nicht sein, dass meine Kinder dafür belangt werden.“

In der Naziszene gelandet ist die Norddeutsche 2002. „Ich war sozial in einer schwierigen Situation. Ich war 19 Jahre alt, schwanger, allein.“ Sie lebt in Hannover, sieht die Armut in den Straßen, Obdachlose, Junkies, und ärgert sich über die deutsche Entwicklungshilfe, findet Zahlungen ans Ausland ungerecht. „Ich wollte mich dagegen auflehnen.“ Von der NPD fühlt sie sich angesprochen. „Es war die einzige Partei, die sich explizit auf Deutsche bezogen hat, die ganz klargemacht hat: Deutsche zuerst, das Geld muss bei uns bleiben“, sagt sie rückblickend. „Ich war jung, ich war naiv. “ Und willkommen bei den Rechten. „Man war plötzlich wer, man wurde wahrgenommen, wertgeschätzt, man wurde gebraucht – gerade dadurch, dass ich nicht völlig auf den Kopf geknallt bin.“

Mit Anfang Zwanzig lernte sie Holger Apfel kennen. „Damit fing der Schlamassel eigentlich erst richtig an.“ Aber sie habe ihn geliebt. Sie werden zu der deutschen Vorzeigefamilie mit Kindern, die sie propagieren. „Holger sollte zu Hause ein Heim haben, eine Familie, damit er weiß, wofür er arbeitet. Ideologisch hatten wir unsere Differenzen. Aber nach außen hin stand ich immer hinter ihm.“ Das sei das, was Familie bedeutet: Zusammenhalt. „2012 habe ich dann entschieden, dass ich mit dem Holger nicht mehr glücklich bin und dass das alles nicht mehr meins ist.“

Anfangs war die NPD der Familienersatz. „Ich setze mich jetzt gerade damit auseinander, was ich ideologisch zurücklasse“, sagt sie. Geheilt sei sie noch lange nicht.

„Ich wünsche ihr Glück.“

„Aber die Vergangenheit einfach abstreifen, das geht leider nicht.“ So ein Ausstiegsprozess kann Jahre dauern, sagt ein Insider, der für das Programm arbeitet. Wie bei dem Ex-NPD-Promi. Ideologisch sei der Mann weg vom Rechtsextremismus, habe aber massive psychologische Defizite, sich in der Gesellschaft zurechtzufinden.

Jasmin Apfel sei eine reflektierte Frau, sagt der Ausstiegshelfer nach dem Gespräch mit ihr. „Wie viele andere auch, hat sie schon auf einem längeren Weg gemerkt, dass etwas nicht stimmt in ihrem Weltbild.“ Dass alle gleich sind, Einzelne aber dann doch nicht. „Sie wusste, warum sie unsere Hilfe braucht.“ Dass sie weiter in Riesa lebt, hat mit den Kindern zu tun. Eine gewohnte Umgebung, Kita, Schule, feste Strukturen. Deshalb sei sie auch nicht woandershin gezogen. „Mit dem Namen Apfel steht man sowieso überall im Fokus.“

Auch die Kirche spielt eine Rolle. Ulrich Dombrowski ist seit 2015 Pfarrer der katholischen Gemeinde St. Barbara. Er weiß um Jasmin Apfel, dass sie früher gemieden wurde. Als sie im Kinder-Liturgiekreis half oder Plätzchen buk. Apfels galten als aalglatt und trainiert darin, sich bei kritischen Fragen herauszuwinden. „Sie versucht nun Halt zu finden, vielleicht auch in der Kirche“, sagt der Pfarrer. „Ich hoffe, dass sie diesen Weg gut schafft, und ich würde sie dabei unterstützen.“ Rache alter Kameraden muss Jasmin Apfel wohl nicht fürchten. Gerade jetzt ihren Ausstieg aus der Nazi-Szene publik zu machen, hat wohl mit dem geplanten Buch ihres Mannes zu tun.

Holger Apfel ist immer noch auf Mallorca. Er will bleiben, komme nur selten nach Riesa, versuche seine Kinder dennoch so oft wie möglich zu sehen. „Aber das ist auf die Entfernung nicht so leicht“, sagt der 46-Jährige am Telefon. Seine Noch-Frau habe einen neuen Lebensgefährten. „Ich wünsche ihr Glück.“ Er habe nicht vor, wie sie ins Ausstiegsprogramm zu gehen, will das auch nicht weiter kommentieren. „Es ist ihre Entscheidung.“ Sein Buch „Irrtum NPD“ soll bald erscheinen. Keine Abrechnung, eine kritische Auseinandersetzung mit seiner Vergangenheit und mit der NPD.

Er habe versucht, die Partei nach österreichischem Vorbild zu einer Art FPÖ zu machen, sei aber damit gescheitert. Von der Politik habe er sich schon 2014 verabschiedet, nachdem er von seinen alten Kameraden geschasst wurde. Er wolle niemandem nach dem Munde reden, auch wenn die einen ihn bis heute für den Rechtsradikalen halten, die anderen aber für einen linken Aussteiger. „Ich bin nicht über Nacht zum Antifaschisten mutiert, der sagt, alles was ich 25 Jahre lang gemacht habe, war Nonsens.“ Aber es habe eine Entfremdung eingesetzt, die ihn zum Rückzug bewog. Vom Ausstiegsprogramm hält er nichts. „Man wechselt nicht so fundamental die Seiten“, sagt Holger Apfel. An der Ernsthaftigkeit seiner Noch-Ehefrau zweifle er aber nicht.

Besuchte Jasmin Apfel früher rechte Liederabende und Nazidemos, trifft sie heute ihre syrischen Nachbarn zum Tee und hilft bei Behördengängen und Arztbesuchen. „Er ist schon länger da. Sie durfte jetzt nachkommen, aus Damaskus.“ Aber das Paar wolle weg aus Riesa, weg aus Sachsen. „Es ist ihnen zu ausländerfeindlich hier. Sie sagen, dass ich die einzig nette Person sei. Ausgerechnet ich. Ist das nicht ironisch?“ Jasmin Apfel muss lachen. Dann wird sie ernst. Jeder habe eine zweite Chance verdient. „Ich habe keine Kinder umgebracht. Ich habe einer Partei angehört.“

Mitarbeit: Gunnar Saft