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Raus aus der Enge der Großstadt

Bettina Schruth und Stefan Werner haben sich verliebt, und zwar in die Kleinstadt Leisnig. Deren Vorzüge genießen sie. Nun pendeln sie freiwillig jeden Tag.

Stefan Werner und Bettina Schruth genießen es, im quirligen Leipzig zu arbeiten, aber im ruhigen Leisnig zu wohnen.
Stefan Werner und Bettina Schruth genießen es, im quirligen Leipzig zu arbeiten, aber im ruhigen Leisnig zu wohnen. © Dietmar Thomas

Leisnig. Die Ruhe einer kleinen Stadt, einen großen Garten am noch in der Renovierung begriffenen Altstadthaus und einen tollen Blick zur Burg Mildenstein – dafür haben sich Bettina Schruth und Stefan Werner bewusst entschieden. Dafür nehmen beide aber auch zwei Stunden Fahrtweg nach Leipzig und zurück in Kauf, sechs Tage die Woche.

„Wir müssen aktiv werden“, forderte der Leisniger Klaus-Dieter Reißmann vor einiger Zeit in einer Sitzung des Leisniger Stadtrates. Er befürchtet, dass die Kommune ansonsten den Kürzeren zieht, wenn sich immer mehr kleinere Städte mit guten Ideen um diejenigen bewerben, die in den umliegenden Großstädten Leipzig, Chemnitz und Dresden arbeiten, dort aber nicht wohnen wollen oder können. 

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Reißmann stellt sich vor, dass Leisnig im Internet oder an den Schwarzen Brettern von expandierenden Firmen bei deren Mitarbeitern dafür wirbt, nach Leisnig zu ziehen. Eine gute Autobahnanbindung, im Vergleich zu den Großstädten günstige Baulandpreise oder Immobilien und eine gute Struktur an Kitas und Schulen seien doch Pfunde, mit denen Leisnig wuchern und im Wettbewerb mit umliegenden Städten mithalten könne, findet Reißmann.

Zu denen, die das Kleinstadtleben bereits genießen, gehören Bettina Schruth (49) und Stefan Werner (51). „Wir kommen beide aus einer Kleinstadt, bevor wir nach Leipzig gezogen sind“, erzählt das Ehepaar. Doch dort sei es ihm inzwischen zu eng geworden. „Leipzig wird immer voller.

 Als Normalverdiener ist es dort kaum noch möglich, sich zu verändern“, sagt Stefan Werner. Daher hatten sich er und seine Frau vor Jahren die Landkarte zur Hand genommen und geschaut, welche Immobilienangebote es im Umkreis von einer Stunde Fahrzeit um Leipzig gibt.

„Durch einen glücklichen Zufall“, so meinen die beiden, „sind wir auf dieses Altstadthaus hier in Leisnig gestoßen.“ Sie seien hergefahren, hätten geschaut, ob es passt. „Und ganz ehrlich: Wir hätten es uns nicht so groß vorgestellt“, gibt Bettina Schruth zu. 200 Quadratmeter Wohnfläche brauche die dreiköpfige Familie nicht wirklich. Doch irgendwie hätten sich alle in das Haus und den herrlichen Blick in die Landschaft und in Leisnig verliebt.

Für ihren Bioladen „Lebensart“ pendeln entweder Bettina Schruth oder Stefan Werner jeden Tag von Leisnig nach Leipzig an die Könneritzstraße.
Für ihren Bioladen „Lebensart“ pendeln entweder Bettina Schruth oder Stefan Werner jeden Tag von Leisnig nach Leipzig an die Könneritzstraße. © Dietmar Thomas

Vom Hauskauf bis zum Einzug 2017 hat es rund fünf Jahre gedauert. Die Außenwände mussten verstärkt werden, aus vielen kleinen Räumen wurde ein großes Wohnzimmer. Die Familie hat mit Lehm als natürlichen Baustoff arbeiten lassen, aber auch ganz viel selbst in Angriff genommen.

Die Holzverkleidung des Hauses etwa war die Baustelle von Stefan Werner, der gelernter Elektriker ist. Im Keller ist eine Kerzenziehwerkstatt untergekommen, wird der Honig von den eigenen Bienenvölkern abgefüllt. Längst ist im Haus und im Etagengarten noch nicht alles, wie es sich das Paar wünscht.

Trotzdem fühlt es sich sichtlich wohl am Baderberg. „Auch unserem sechsjährigen Sohn gefällt es hier gut“, sagt Bettina Schruth.

Stefan Werner findet den Kontrast zwischen wimmelnder Groß- und ruhiger Kleinstadt toll. Er führt weiterhin seinen Bioladen an der Leipziger Könneritzstraße. Über verstopfte Autobahnen beklagt er sich nicht. „Wenn ich früh um 5.30 Uhr losmache, ist auf der Autobahn wenig los. 50 Minuten Fahrzeit sind machbar“, berichtet er.

„So lange haben wir oft auch mit der Straßenbahn von Markkleeberg, wo wir gewohnt haben, zu unserem Geschäft gebraucht“, ergänzt Bettina Schruth. Weil sich beide nur ein Auto leisten wollen, ist immer nur einer von beiden im Bioladen, der andere arbeitet daheim und genießt mehr Zeit mit dem Sohn.

Nicht nur mit dem Haus, sondern auch mit seinen Nachbarn hat das Paar Schruth/Werner Glück gehabt. Man kenne sich inzwischen, plaudere ab und an. Sich in die Gemeinschaft einzubringen, kann sich Bettina Schruth gut vorstellen. Sie hält es für denkbar, mit anderen Eltern einen Spielplatz zu pflegen oder die Patenschaft für Blumenkübel zu übernehmen.

Dass sich für ein Leben in der Kleinstadt Leisnig auch andere Großstädter begeistern können, davon ist das Paar überzeugt. „Um es ihnen zu erleichtern, sollte es eine Plattform für Zuzugswillige geben“, findet die 49-Jährige.

Gut wäre ein Überblick über Immobilien, die zum Verkauf stehen, wo es Rat und Hilfe gibt. Letztlich dürften auch Beispiele nützlich sein, was aus einem alten Haus werden kann. „Schön wäre, wenn junge, kreative Leute herkommen würden“, wünscht sich Stefan Werner.