merken
PLUS Hoyerswerda

Raus aus der Lebenskrise und rein ins Leben

Eine Hoyerswerdaerin berichtet über ihre Depression und wo sie Hilfe im Umgang mit dieser Krankheit gefunden hat.

Neben der Suchtberatungs- und Behandlungsstelle sind bei der Diakonie St. Martin im Haus Bethesda auch verschiedene Selbsthilfegruppen beheimatet. Die Tür steht auch Menschen mit Depressionen offen.
Neben der Suchtberatungs- und Behandlungsstelle sind bei der Diakonie St. Martin im Haus Bethesda auch verschiedene Selbsthilfegruppen beheimatet. Die Tür steht auch Menschen mit Depressionen offen. © Foto: Silke Richter

Von Silke Richter

Hoyerswerda. Depressionen treten häufiger auf als gedacht. Das Krankheitsbild gehört zu den häufigsten und wegen ihrer Schwere am meisten unterschätzten Erkrankungen, die immer noch stigmatisiert werden und als gesellschaftliches Tabu-Thema gelten. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) schätzt die Zahl der Menschen mit Depressionen für Deutschland auf 4,1 Millionen (Stand 2017).

JABS
JABS – Euer Zukunftsportal
JABS – Euer Zukunftsportal

Auf JABS erfahrt ihr alles, was für eure Zukunft wichtig wird und wie ihr euch am Besten darauf vorbereitet.

Offener Umgang gegen das Stigma

Wenn „Paul“ da ist, geht es der Vorruheständlerin nicht gut. Ein Gefühl der Schwere macht sich dann in ihr breit. Bleierne Angst legt sich wie eine Fessel um ihren Körper und lähmt auch ihren Geist. Jede Aktivität wird zur neuen Herausforderung, die Motivation ist wie weggeblasen. Es sind jene Tage an denen die Hoyerswerdaerin schwere, depressive Phasen hat. Um dem „Kind“ einen Namen zu geben nennt sie ihre Krankheit „Paul“.

Das Leben meinte es nicht immer gut mit ihr. Schon im frühen Kindesalter fühlte sie sich verstoßen. Viel zu wenig Platz für Liebe, Geborgenheit und einen unbeschwerten Alltag, den ein Mädchen in ihrem Alter eigentlich braucht, um als stabile Persönlichkeit reifen und heranwachsen zu können.

Ihre ersten Suizidversuche verliefen nicht wie gewollt. Sie wollte für immer von dieser Welt Abschied nehmen. Ihre kranke Seele rief damit um Hilfe. Gefangen zwischen mehreren Welten, immer auf der Suche nach Liebe, Geborgenheit und auch nach sich selbst, ging ihre Jugend so dahin.

Ein entscheidender Grund für die junge Frau, damals ihr Elternhaus sehr frühzeitig verlassen zu wollen. Die Vorfreude auf das Loslassen und auf ein eigenes Leben trieb sie später direkt in die Arme eines Mannes, der seine schwangere Frau später schwer misshandelte, wie sie berichtet. Damals wusste die Hoyerswerdaerin (noch) nicht, dass sie bereits an Depressionen litt. Die Ärzte diagnostizieren wenig später mehrere schwere körperliche Krankheiten. Bei einer Fahrt zu einer geplanten Behandlung sollte es ein Fremder sein, der auf eine eventuelle Depression bei ihr tippte. Wie sich später herausstellte, sollte der Mann Recht behalten. Für die Hoyerswerdaerin begann eine weitere schwierige Phase in ihrem Leben. Plötzlich zeigten Freunde ihr wahres Gesicht. Angehörige wandten sich von ihr ab. Sie sucht heute noch nach dem entscheidenden Grund dafür, den ihr aber bisher niemand gesagt hat.

Besonders in der Weihnachtszeit kommen die Erinnerungen bei ihr hoch, wenn sie jenes Zimmer in ihrer Wohnung betritt, in dem sie sehr schöne Momente der Gemeinsamkeit erleben durfte, die jäh und ohne einen Erklärungsversuch endeten. Jener Raum sieht immer noch genauso aus wie damals. Sie hat nichts darin verändert. Die ungeklärte Frage nach dem Warum hinterlässt auch heute noch ihre Spuren, wenn sie darüber berichtet.

Kein Alltag möglich

Es gab Zeiten, da verkroch sich die Hoyerswerdaerin monatelang in ihrer Wohnung. Selbstverständliche, alltägliche Dinge wie die Pflege sozialer Kontakte waren völlig nebensächlich und unwichtig für sie geworden. Ihr Leben erreichte einen neuen Tiefpunkt. Dank therapeutischer und ärztlicher Behandlung ging es schrittweise wieder aufwärts. Aber leider nur für kurze Zeit. Wenig später versuchte sie wieder sich das Leben zu nehmen. Gott sei Dank missglückte auch dieser Versuch.

Später hörte sie von einer Depressionsgruppe im Tagestreff im Haus Bethesda bei der Diakonie „St. Martin“. Hier traf die Hoyerswerdaerin auf Gleichgesinnte. Endlich konnte sie wieder Mut und Hoffnung schöpfen. Wenngleich es schon eine Weile gedauert hatte, bis sie sich überwinden konnte, diesen Weg zu gehen. „Es war nicht leicht den ersten Schritt in die Gruppe zu wagen. Aber es war mit eine der besten Entscheidungen, die ich je in meinem Leben getroffen habe. Ich habe vor allem den beiden Mitarbeiterinnen Jacqueline Bramborg und Waltraud Dietrich viel zu verdanken. Und wir tun uns in der Gruppe gegenseitig gut“, meint sie überzeugend und mit fester Stimme.

Wer die Hoyerswerdaerin heute erlebt, mag kaum glauben, welch schweres Schicksal sie zu tragen hat. Gepflegtes Äußeres, sicheres Auftreten – die ersten, entscheidenden Schritte in eine bessere Zukunft, um mit der Vergangenheit abschließen zu können sind getan. Es wird noch ein langer Weg. Aber den muss die Hoyerswerdaerin, dank der Diakonie St. Martin, nun nicht mehr allein gehen. Sie hat Menschen gefunden, die sie verstehen und unterstützen.

Mehr zum Thema Hoyerswerda