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Raus aus der Stadt

Nur wenige Rechtsextremisten haben in Dresden demonstriert. Sie sind auf Widerstand gestoßen.

© André Wirsig

Von Alexander Schneider, Thomas Schade und Thilo Alexe

Der Tag beginnt mit einem Gebet. Etwa 30 Christen haben sich am Sonnabendmorgen in der St.-Markus-Kirche im Dresdner Stadtteil Pieschen zum Friedensgottesdienst versammelt. Die ist bereits für eine Hochzeit geschmückt. „In unserer Stadt ist Raum für Mitmenschlichkeit und Nächstenliebe“, heißt es in der kurzen Predigt. Als die Besucher der Andacht die Kirche verlassen, sperrt die Polizei die gegenüberliegende Kreuzung ab. Der Grund: Wenige Hundert Meter weiter sammeln sich Neonazis zu einem bundesweiten Treffen. Ein Posaunenensemble setzt zum wohltönenden Widerstand an und intoniert das Kirchenlied „Großer Gott,wir loben Dich“.

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Befürchtungen waren groß, die Rechtsextremisten könnten in Dresden neben dem Aufmarsch rund um den Jahrestag der Kriegszerstörung Mitte Februar ein weiteres braunes Großevent etablieren. Noch ist an diesem Vormittag unklar, wie viele Rechtsextremisten zum „Tag der deutschen Zukunft“ nach Dresden kommen, um ein Zeichen gegen angebliche Überfremdung zu setzen. Ihre Gegner, die sich zum Dresdner „Forum gegen Rechts“ zusammengeschlossen haben, rechnen mit maximal 1 500. Sie sammeln sich an mehreren Plätzen, um einen Zug der Neonazis stadtweinwärts zu verhindern.

Vor dem Bahnhof Neustadt haben sich Vertreter von Gewerkschaften, SPD, Grünen und des Ausländerbeirats versammelt. SPD-Fraktionschef Peter Lames spricht von einem „Platz des Friedens und des Miteinanders“. Wenig später stößt Oberbürgermeisterin Helma Orosz (CDU) dazu. In einer sehr kompakten Rede bekräftigt sie das Recht auf Asyl und sagt schließlich: „Wir lassen uns unser Dresden nicht verschmutzen mit fremdenfeindlichen Ideologien.“

Mehr als 1 000 Gegendemonstranten sehen das genauso. Entgegen anderslautenden Einschätzungen auf einschlägigen rechtsextremistischen Internetseiten dürfte der mittlerweile sechste „Tag der deutschen Zukunft“ die Erwartungen kaum erfüllt haben. Als der Aufmarsch bei hochsommerlichem Wetter gegen 13 Uhr in der Barbarastraße startet, zählt die Polizei nur etwa 400 Teilnehmer. Angemeldet worden war ein Aufzug von 700 Demonstranten. Gekommen waren vor allem Rechtsextremisten aus dem Norden der Republik.

In den vergangenen Jahren wurden auf den Abschlussveranstaltungen dieser ausländerfeindlichen Kampagne der parteiungebundenen freien Kräfte bis zu 700 Demonstranten gezählt. Am Pfingstsonnabend sinkt die Zahl der Demonstranten erstmals auf unter 500. Prominentester Rechtsextremist ist Christian Worch, Mitbegründer der Partei „Die Rechte“. Doch er zählt nicht zu den Rednern, die insbesondere gegen die Asylpolitik der Bundesregierung hetzten und Begriffe nutzen wie „maximalpigmentierte Menschen“.

Rechtsextremisten aus Dresden und Sachsen sind kaum auszumachen. So bleibt die NPD-Spitze weitgehend fern. Auch ihr Ziel, zum Goldenen Reiter in der Innenstadt zu laufen, geben die Neonazis kurzfristig auf, offenbar um den organisierten Gegendemonstranten aus dem Weg zu gehen. So biegen sie kurzerhand nach links ab und marschieren nicht stadtein-, sondern stadtauswärts in Richtung Nordpieschen und Trachau. Dort reagieren Anwohner eher genervt auf den ungebetenen Besuch. Von Fenstern oder vom Bürgersteig aus äußerten Bürger, die unfreiwillig Zeugen des Aufzuges wurden, ihren Unmut. Rufe wie „Verschwindet“ oder „Nazis raus“ sind zu hören. Die Abschlusskundgebung auf der Industriestraße nahe dem S-Bahn-Haltepunkt Trachau stören schließlich rund 200 Gegendemonstranten lautstark.

Weit ab von der Abschlusskundgebung der Neonazis kommt es laut Polizei zu einem Gerangel von bis zu 150 Gegendemonstranten und Uniformierten. Eine Polizistin wird durch Tritte verletzt und muss in eine Klinik gebracht werden. Es ist die einzige Störung des ansonsten friedlichen Tages. Mehrfach stellen Polizisten die Identität von Demonstranten fest und erteilen Platzverweise. Drei Papierkörbe und ein WC-Häuschen werden angesteckt.

Viel zu tun hatte die Stadt vor dem Aufzug der Neonazis. „Wir mussten mehr als 40 Kubikmeter Sperrmüll abtransportieren lassen“, sagt Ralf Lübs, Chef des Ordnungsamtes, Kühlschränke, Herde und alte Sofas. Spaßvögel hatten mittels gefälschter Aushänge Anwohner auf der Aufzugstrecke zu einer Sperrmüll-Entsorgung aufgefordert. Möglicherweise hatten Gegner des Neonazi-Aufmarschs versucht, so an Material für Barrikaden zu gelangen. Doch die Männer von der Stadtreinigung waren schneller und brachten den Müll weg.

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Schließlich beginnt doch noch eine Kundgebung am Goldenen Reiter. Nachdem die Neonazi-Gegner den Marsch der Kameraden in Richtung Zentrum verhindert haben, laufen sie selbst dort hin. Vor rund 300 Teilnehmern zeigt sich der Grünen-Abgeordnete Johannes Lichdi erfreut. Ein breites Bündnis habe verhindert, dass sich ein neuer Treff von Rechtsextremisten in Dresden etabliere.