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Rauschgift in der Unterhose

Der Angeklagte will Drogen ins Gefängnis schmuggeln. Doch nicht deswegen kommt er in Haft.

Der Angeklagte wollte als Besucher Rauschgift ins Gefängnis schmuggeln.
Der Angeklagte wollte als Besucher Rauschgift ins Gefängnis schmuggeln. © kairospress

Riesa/Dresden. Mit dem Gefängnis kennt sich der 46-jährige Riesaer bestens aus. Er hat 15 Vorstrafen, mehrmals hat er schon gesessen, immer nach dem gleichen Muster. Bekam kurze Haftstrafen auf Bewährung, bewährte sich nicht, sondern beging neue Straftaten, musste so doch noch in den Kahn. Ein Aufenthalt war besonders lang. Das Landgericht Cottbus schickte ihn wegen schweren Raubes und schwerer räuberischer Erpressung für drei Jahre ins Gefängnis. Auch diese Strafe hat er vollständig abgesessen.

Ende Juli vorigen Jahres rückt er mal wieder ins Gefängnis ein. Diesmal aber nicht als Häftling, sondern als Gast. Er will einen Kumpel besuchen, müsste wissen, dass Besucher streng kontrolliert werden. Bei ihm werden die Justizbeamten fündig. Sie entdecken Rauschgift, 15,8 Gramm Marihuana und 0,97 Gramm Crystel. Verpackt hatte er die Drogen in einem Kondom und dieses in der Unterhose versteckt. Doch nicht deswegen kommt er in Untersuchungshaft. Am 19. März dieses Jahres soll er in Riesa gemeinsam mit einem anderen, unbekannten Täter in eine Wohnung in Riesa eingebrochen sein. Viel zu holen war dort nicht. Lediglich einen Schneeschieber im Wert von rund 20 Euro soll der Angeklagte gestohlen haben. 

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Eine Nachbarin des Geschädigten wird aufmerksam, nachdem ihr Hund wegen Geräuschen im Hausflur bellt. Durch den Türspion sieht sie zwei Männer, die sich an der Wohnungstür ihres Nachbarn zu schaffen machen. Sie vertreibt die beiden,  indem sie androht, die Polizei und den Vermieter zu informieren. Wenig später geht sie mit ihrem Freund spazieren. Da kommen ihnen die beiden erneut entgegen. Als die Frau nach etwa 45 Minuten wieder nach Hause kommt, steht die Tür des Nachbarn einen Spalt offen. Die Zarge ist beschädigt, ein Glas in der Tür herausgeschlagen. Sie ruft die Polizei. 

Von anderen Zeugen erfahren die Polizisten den Spitznamen des Angeklagten und dass er nur wenige Meter entfernt wohnt. Der Mann habe mit einem Werkzeugkoffer das Haus betreten. Später sei mit eben jenem Koffer ein anderer Mann aus dem Haus gekommen. Kurz danach habe auch der Angeklagte das Haus mit einem roten Beutel, aus dem ein Gegenstand mit Stiel herausragte,  verlassen. Offensichtlich war es den Männern zunächst nicht gelungen, mit einer Metallstange die Tür zu öffnen. Deshalb holte der Angeklagte wohl Einbruchswerkzeug.

Die Polizisten treffen den Angeklagten an. Wieder fummelt er an einer Wohnungstür, diesmal an seiner eigenen. Er hat sich ausgesperrt, wahrscheinlich, als er das Werkzeug holte.  Papiere hat er nicht bei sich.  Um seine Identität festzustellen, nehmen die Polizisten den Mann mit aufs Revier. Dort wird auch ein Drogentest gemacht. Er ist positiv. Der 46-Jährige, der unter Bewährung steht und gegen den ein Verfahren wegen des Drogenschmuggels läuft,  kommt in Untersuchungshaft. 

Einen Monat später sitzt er am Amtsgericht Dresden vor dem Schöffengericht. Sein Verteidiger gibt die Drogensache zu, die ist ja auch nicht zu leugnen. Allerdings habe er die Drogen im Gefängnis nicht verkaufen wollen. Der Anwalt spricht von einer "altruistischen Handlung". Er opferte sich also aus reiner Menschenliebe auf,  um einem anderen zu helfen. Sein Mandant habe einem Kumpel die Haft mit Drogen ein bisschen versüßen und ihn überraschen  wollen. Das sei zwar völlig falsch gewesen, es habe aber keine Gewinnabsicht dahintergesteckt, so der Verteidiger. 

Mit dem Wohnungseinbruch habe sein Mandant nichts zu tun. Dieser habe einen Mann getroffen, dessen Namen er nicht kenne. Der Unbekannte habe mit dem Wohnungsinhaber "etwas klären" wollen. Er sei mitgegangen.  Als niemand öffnete, habe der andere Mann zur Überraschung seines Mandanten ein Brecheisen hervorgeholt. Er sei deswegen verwirrt gewesen, eine Nachbarin habe die beiden verjagt. Mehr sei nicht gewesen, er werde auch keine Fragen beantworten, so der Anwalt. 

Das Gericht setzt aus den zahlreichen Zeugenaussagen ein Puzzle zusammen und kommt zu der Überzeugung, dass der Angeklagte sehr wohl an dem Einbruch beteiligt war. Wegen unerlaubten Besitzes von Betäubungsmitteln und Beihilfe zum versuchten Wohnungseinbruchsdiebstahl verurteilt es den Riesaer zu einer Gesamthaftstrafe von zehn Monaten ohne Bewährung. Der Haftbefehl wird aufrecht erhalten, aber außer Vollzug gesetzt. Der Angeklagte muss sich jeden Montag bei der Polizei melden. 

Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig, es ist davon auszugehen, dass Berufung eingelegt wird. Der Verteidiger hatte wegen der Drogensache lediglich eine Geldstrafe gefordert, wegen des versuchten Einbruchs Freispruch. Das Verfahren habe eine Eigendynamik entwickelt, weil nicht sein könne, was nicht sein dürfe, sagte er. Man habe seinen Mandanten auf  jeden Fall verurteilen wollen, weil sonst die Justiz einen Fehler habe eingestehen müssen. Denn nach Ansicht des Verteidigers habe sein Mandant zu Unrecht vier Wochen in Untersuchungshaft gesessen.

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