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Realistisches Schwarz-Weiß

Vor 75 Jahren starb Käthe Kollwitz. Seit 25 Jahren wird in Moritzburg in ihrem Sterbehaus das Andenken wachgehalten.

Käthe Kollwitz, „Selbstbildnis“ von 1924.
Käthe Kollwitz, „Selbstbildnis“ von 1924. © Archiv/Kollwitzhaus Moritzburg

Käthe Kollwitz war mehr als nur die sozial engagierte Frau, die zur Pazifistin wurde, nachdem ihr Sohn Peter 1914 als Soldat in Flandern gefallen war. Der 18-Jährige war gegen den Willen des Vaters, aber mit Unterstützung der Mutter in den 1. Weltkrieg gezogen.

Sie war eine Künstlerin, die den großen Männern ihrer Zeit nicht nachstand. „Ihre Kunst war ebenbürtig dem Schaffen des Zeichners Heinrich Zille, des Bildhauers Ernst Barlach und des Malers Edvard Munch“, sagt Sabine Hänisch. Sie leitet seit 25 Jahren das Käthe-Kollwitz-Haus in Moritzburg, das am 22. April 1995, zum 50. Todestag der Künstlerin, eingeweiht wurde. Der Moritzburger Rüdenhof ist der einzige authentische Ort, an dem die Persönlichkeit der Künstlerin noch heute erfahrbar wird. Das Haus war der letzte Wohnsitz der Kollwitz, hier ist sie am 22. April 1945 gestorben. Ein Platz von nationaler Bedeutung, dessen Finanzierung allein die Gemeinde Moritzburg stemmt.

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Im Moritzburger Rüdenhof verbrachte Käthe Kollwitz ihre letzten Lebensmonate, hier starb sie. Heute ist das Haus Gedenkstätte und Museum und zeigt Sonderausstellungen zeitgenössischer Künstler.
Im Moritzburger Rüdenhof verbrachte Käthe Kollwitz ihre letzten Lebensmonate, hier starb sie. Heute ist das Haus Gedenkstätte und Museum und zeigt Sonderausstellungen zeitgenössischer Künstler. © SZ/Sven Görner

„Als Käthe Kollwitz im August 1944 nach Moritzburg kam, war sie auf der Flucht vor dem Krieg und den Bombenangriffen auf ihre Heimatstadt Berlin. Durch Vermittlung des Prinzen Ernst Heinrich von Sachsen bezog sie zwei kleine Zimmer im Rüdenhof. Vom Balkon aus beobachtete sie Landschaft, Wind und Wolkenbildung. Aus dem Fenster des Eckzimmers genoss sie die Weite des Blicks über den Schlossteich mit all seinen jahreszeitlichen Veränderungen“, sagt Sabine Hänisch.

Sie hatte zum 75. Todestag der Kollwitz eine Ausstellung mit Selbstporträts von Künstlern vorbereitet, die in dem vergangenen Vierteljahrhundert im Rüdenhof aktuelle Arbeiten gezeigt hatten. „Aus insgesamt 100 Künstlern haben wir 25 ausgewählt, die dem Haus besonders verbunden waren und es noch sind. Dazu wollten wir drei Selbstbildnisse der Kollwitz zeigen.“ Doch wie andere Museen ist das Haus derzeit geschlossen. Wenn es wieder öffnet, wird das voraussichtlich unter strengen Auflagen geschehen. Denn die Räume sind klein, in denen ein facettenreiches Bild der Kollwitz vermittelt wird. Die Arbeit von Sabine Hänisch und die der anderen, sehr viel größeren Kollwitz-Museen in Köln und in Berlin, aber auch Bücher wie die 2015 erschienene Biografie von Yury und Sonya Winterberg, haben vielen Menschen die Augen geöffnet.

Elend und Schmerz als zentrale Themen

Dabei kann man die Kunst der Kollwitz kaum missverstehen. Sie wollte verstanden werden und fand es nicht ehrenrührig, ihrer Kunst eine klare Botschaft zu geben. Sie sagte einmal: „Ich bin einverstanden, dass meine Kunst Zwecke hat. Ich will wirken in dieser Zeit, in der die Menschen so ratlos und hilfsbedürftig sind.“

Käthe Kollwitz wurde 1876 in Königsberg geboren und wuchs auf in einer Familie, in der ihr zeichnerisches Talent gefördert wurde. Das war in einer Zeit, in der Frauen noch nicht an den Kunstakademien studieren durften, sondern privat oder in speziellen Künstlerinnenschulen unterrichtet wurden, eine Zeit, in der nur wenige Frauen es wagten, als Künstlerin auf der öffentlichen Bühne selbstbewusst neben den Männern aufzutreten. Mit 23 heiratete Käthe den Arzt Karl Kollwitz, der in Berlin am Prenzlauer Berg eine Kassenpraxis führte. Zu ihm kamen nicht die Reichen und Schönen. Kollwitz behandelte Unterernährung und Krankheiten, die in den Fabriken und in den Arbeitersiedlungen grassierten. 

Seine Frau machte das Elend und den Schmerz zu zentralen Themen ihrer Kunst. Mutter und Kind, Trauer und Tod hielt sie in ihren Zeichnungen und Lithografien, in Radierungen und Holzschnitten fest. Die Meisterin der Grafik, die auch eine geniale Plastikerin war, brauchte keine schillernden Farben. Alles, was sie zum Ausdruck bringen wollte, realisierte sie in Schwarz-Weiß und in Brauntönen. Die emotionale Wirkung ihrer Selbstporträts zum Beispiel erreichte sie nicht nur, weil sie als Frau und Mutter ihren Kummer verarbeitete, sondern vor allem, weil sie sich mit keinem Blatt zu schnell zufrieden gab. Ihre vielen wunderbaren Selbstporträts sind nicht nur bedrückend, sondern erzählen auch von einer selbstbewussten Frau voller Lebenskraft.

Erste Frau in der Kunstakademie Preußens

Fünf lange Jahre hatte sie an ihrem ersten grafischen Zyklus „Ein Weberaufstand“ gearbeitet. Inspiriert hatte sie 1893 der Besuch der Uraufführung von Gerhart Hauptmanns Drama „Die Weber“.

1919 wurde die Kollwitz als erste Frau in die Preußische Akademie der Künste aufgenommen. Doch als die Nationalsozialisten an die Macht kamen, wurde sie gezwungen, aus der Akademie auszutreten. Die Nazis diffamierten ihre Kunst als „entartet“.

In diesem Zimmer im Moritzburger Rüdenhof starb Käthe Kollwitz am 22. April 1945.
In diesem Zimmer im Moritzburger Rüdenhof starb Käthe Kollwitz am 22. April 1945. © Erich Höhne

Hart rang sie mit sich um die Realisierung der Skulptur „Die trauernden Eltern“, die nach achtzehn Jahren Arbeit 1932 auf dem Soldatenfriedhof im belgischen Roggevelde aufgestellt wurde. Heute befindet sich die Skulptur auf dem Soldatenfriedhof Vladslo in Belgien, wo auch das Grab von Peter Kollwitz ist. Auch die Plastik „Mutter mit totem Sohn“ von 1937/38 hat der Bildhauerin viel abverlangt. Am Todestag ihres Sohnes, dem 22. Oktober, notierte sie 1937 in ihr Tagebuch: „Ich arbeite an der kleinen Plastik, die hervorgegangen ist aus dem plastischen Versuch, den alten Menschen zu machen. Es ist nun so etwas wie eine Pietà geworden. Die Mutter sitzt und hat den toten Sohn zwischen ihren Knien im Schoß liegen. Es ist nicht mehr Schmerz, sondern Nachsinnen.“

Eine vergrößerte Kopie der Pietà steht in der Neuen Wache in Berlin und erinnert an die Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft.

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