merken
PLUS Feuilleton

Rebellieren ist Silber, Schwelgen ist Gold

Freiberger Rohstoffe sorgten für den Reichtum des Königs. Er kümmerte sich um Organisation und Ausbeute. Letzter Teil unserer Serie "Starker August".

August der Starke (Steffen Urban) zählt auf dem Markt in Freiberg die Silberlinge. Die Bergleute, die Sachsens Reichtum mehrten, wurden mies bezahlt und meuterten deshalb mehrfach gegen ihren Kurfürsten.
August der Starke (Steffen Urban) zählt auf dem Markt in Freiberg die Silberlinge. Die Bergleute, die Sachsens Reichtum mehrten, wurden mies bezahlt und meuterten deshalb mehrfach gegen ihren Kurfürsten. © Ronald Bonß

August der Starke hängt im Freiberger Rathaus. Natürlich nicht persönlich, sondern als Gemälde, gemalt von Balthasar Müller im Jahr 1726. An die Regierungszeit des sächsischen Kurfürsten erinnern in der Bergstadt zudem seine Wappen. Drei davon befinden sich an Postmeilensäulen, die der oberste Wettiner 1723 in dem Ort aufstellen ließ. So sorgte er schon zu Lebzeiten für seinen Nachruhm.

Natürlich reichten ihm dafür die Säulenwappen nicht. Deshalb ließ er sich 1728 von Matthäus Daniel Pöppelmann im Freiberger Dom eine Fürstenloge einrichten, die bis heute existiert. Der Monarch besuchte mindesten fünf Mal die Stadt in Mittelsachen. So registrieren es die Archivare des Rathauses. Den ersten Empfang gab es am 17. Februar 1693. Da erschien er mit seiner frisch angetrauten Gattin Christiane Eberhardine von Brandenburg-Bayreuth. Als Hochzeitsgeschenk bekamen sie vier große silberne Wandleuchter überreicht.

Anzeige
Wie leben Familien in Sachsen?
Wie leben Familien in Sachsen?

Die große Umfrage zur Familienzufriedenheit geht in eine neue Runde. Jede Antwort zählt!

Das Silber und Freiberg waren dem Herrscher äußerst wichtig. Obwohl er hier keines seiner legendären Feste feierte und keines seiner Schlösser bauen ließ, verhalf ihm die Stadt dazu, seine Machtgelüste ausleben zu können. Was er in der Residenz verprasste, erarbeiteten unter anderem Freiberger Bergleute. Deren Historie geht zurück auf erste Silberfunde im Jahr 1168. Seitdem siedelten sich Bergleute, Handwerker, Kaufleute und Abenteurer in der Region an. Das Erzgebirge war insbesondere von 1460 bis 1560 die wichtigste Quelle für Silber in Europa, das hier bis 1968 gefördert wurde. Die Unesco kürte die Montanregion Erzgebirge/Krušnohoří, inklusive Freiberg, 2019 mit dem Welterbetitel als Kulturlandschaft von globaler Bedeutung. August wäre vermutlich persönlich erschienen, um die Auszeichnung entgegenzunehmen.

Schätze des Erzgebirges schienen unerschöpflich

Zu seiner Zeit stand der sächsische Bergbau zwar nicht mehr an der Spitze im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation. Die Steiermark und Oberschlesien hatten es überholt, aber die Ergebnisse waren dennoch beachtlich. Zwischen 1680 und 1730 betrug die Ausbeute jährlich durchschnittlich 4,5 Tonnen, schreibt der August-Biograf Karl Czok. Die Naturreichtümer des Erzgebirges schienen unerschöpflich. Neben Silber und einer geringen Menge Gold gab es Blei, Zinn, Kupfer, Eisen, Kobalt und Wismut, was so wertvoll war wie heute die Metalle der Seltenen Erden.

August der Starke gründete 1710 die Generalschmelzadministration in Freiberg, welche von Abraham von Schönberg organisiert wurde. Mittels der Institution verbesserte er Schürftechnologien, Produktivität und Arbeitsbedingungen der etwa 4.500 Bergleute in dem Revier. Die dankten es ihm mit einem Erzgang namens „August Stehender“ und einem Silberbergwerk, das sie „König Augustus“ nannten. Allerdings rebellierten sie zugleich gegen ihre miese Bezahlung. Allein zwischen 1710 und 1731 protestierten sie sechsmal mit größeren Tumulten.

Der Durchschnittslohn eines Bergmannes betrug in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts 18 bis 27 Groschen. Die Miete für ihre Behausung kostete damals zwei bis drei, das Feuerholz drei bis vier, ein Pfund Rindfleisch zwei und fünf Eier einen Groschen. Da blieb nicht viel zum Leben. Die Spitzenbeamten des Kurfürsten dagegen bekamen ein kräftiges Salär. Ein Bergrat des Freiberger Oberbergamtes erhielt 800 Taler Jahresgehalt und der Berghauptmann Abraham von Schönberg 1.400 Taler.

Aus einem Irrtum wird eine Geldquelle

Die Geschichte erzählt auf anschauliche Weise das Stadt- und Bergbaumuseum in Freiberg. Zu den bemerkenswerten Ausstellungsstücken zählen unter anderem Gemälde von Lucas Cranach d. J., der älteste Schwibbogen der Welt, einmalige Goldschmiedekunst und die ältesten Bergbauschnitzereien Sachsens. Zu erfahren ist ebenfalls, dass August der Starke vom 22. bis 23. September 1711 im Beisein des russischen Zaren Peter I. einen großen Bergaufzug mit mehr als 2.000 Bergleuten abhalten ließ. Bergparaden, also große Aufzüge von Bergmannskapellen und -vereinen in traditioneller Berufskleidung gehören seitdem zur sächsischen Kultur.

Freiberger Bergleute sorgten übrigens noch für eine weitere bedeutende Geldquelle des sächsischen Kurfürsten. Zum einen wussten sie um die Inhalte und die Reaktionen von Rohstoffen, zum anderen förderten sie einen Stoff zutage, der zu einer bemerkenswerten Erfindung verhalf und als das weiße Gold Geschichte schrieb: das erste europäische Hartporzellan. August der Starke wollte zwar eigentlich echtes Gold produzieren lassen, aber manchmal führt auch ein Irrtum zum Erfolg.

Die Ausstellung im Stadt- und Bergbaumuseum Freiberg, Am Dom 1, ist Mi – So 11 – 17 Uhr geöffnet.

In der Serie "Starker August" erschienen:

Mehr zum Thema Feuilleton