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Rechnet sich die Herrnhuter Bahnstrecke für Zittau?

Ein Verkehrsplaner hat eine neue Idee in die Waagschale geworfen. Zugleich bereitet die Bahn den Gleisabbau vor.

© Matthias Altmann (ReproArchiv)

Von Anja Beutler

Der 23. Mai 1998 ist für Hartmut Voigt ein Datum mit Geschichte. An diesem Tag lenkte der Herrnhuter den letzten Zug über den Eisenbahnabschnitt zwischen Oberoderwitz und Niedercunnersdorf. 15 Kilometer lang ist die Strecke, auf der seither kein regelmäßiger Zugverkehr mehr existiert – trotz aller Bemühungen. Dass der Landkreis – gemeinsam mit Oderwitz und Herrnhut – hier einen Radweg einrichten will, findet Hartmut Voigt eine sinnvolle Sache. „Welche Gründe sollten denn die Leute heute noch haben, mit dem Zug nach Herrnhut, Kottmar oder Oderwitz zu fahren“, fragt er und vergleicht mit früher: Ein Krankenhaus gebe es nicht mehr in Herrnhut. Die Mitarbeiter der Schokoladenfabrik in Oderwitz reisten aus allen Richtungen an, die Textilindustrie und andere Großbetriebe seien zu. „Schon Ende der 70er Jahre hat man darüber nachgedacht, die Strecke nur noch für den Güterverkehr zu nutzen – auch, weil immer weniger Menschen mit dem Zug fuhren“, erinnert sich der Herrnhuter Eisenbahner.

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Das sehen die Grünen und die Bürgerinitiative „Pro Herrnhuter Bahn“ anders. Sie haben noch einmal gerechnet, wie die Strecke genutzt werden könnte. Herausgekommen ist dabei ein Konzept, von dem auch Zittau und Löbau profitieren würden, beschreibt der Vorsitzende der Grünen-Kreistagsfraktion, Thomas Pilz. Ihre Idee, die der Zittauer Verkehrsplaner und Stadtrat Matthias Böhm ausgearbeitet hat, dreht sich um die Verbindung zwischen Zittau und Dresden. Bereits vor einem Jahr entbrannte eine Diskussion darüber, wie die beiden Züge, die bislang auf dieser Strecke verkehren, getaktet und gehalten werden sollen. Dabei wurde bereits die Wiederbelebung der alten ungenutzten Strecke über Eibau und Seifhennersdorf via Varnsdorf und Mittelherwigsdorf nach Zittau diskutiert – bislang ohne Ergebnis.

Nun schlägt Matthias Böhm eine neue Variante vor, die über Herrnhut gehen könnte: Einer der beide Züge, die im Stundentakt Zittau mit Dresden verbinden, solle statt über Ebersbach und Wilthen ab Oberoderwitz über die momentan ruhende Herrnhuter Strecke bis Löbau geführt werden. In Löbau könnte dieser Zug mit dem Regionalexpress aus Görlitz zusammengekoppelt werden und komplett nach Dresden weiterfahren. In der Gegenrichtung werden die Züge erneut in Löbau getrennt und setzen ihre Fahrt zum einen nach Görlitz und zum anderen nach Zittau fort.

„Damit wären Löbau und Zittau schneller miteinander verbunden als mit der bisherigen Buslinie und auch die Anbindung von Zittau nach Bautzen wäre zusätzlich umsteigefrei möglich“, argumentiert Böhm. Vorgesehen hat er in der Planung zunächst einen Zwei-Stunden-Takt. Die Fahrtzeit über Löbau und Bautzen wäre übrigens nicht länger als mit der bisherigen schnellen Verbindung über das Oberland: rund anderthalb Stunden. Böhm geht davon aus, dass durch die Koppelung der Züge in Löbau Trassengebühren gespart werden könnten, die man dann wiederum dafür nutzen könnte, zusätzliche Verbindungen ins Oberland zu finanzieren.

Die Kosten für eine solche Wiederbelebung wären freilich enorm. Hatte die Deutsche Bahn vor einigen Wochen bei einer Bürgerversammlung zum Thema Bahnstrecke bereits mit einer Mindestinvestition von 20 Millionen Euro jongliert, schätzen die Grünen die Kosten auf 30 Millionen Euro. Denn realistischerweise hat Böhm einen Ausbau der Herrnhuter Strecke für Geschwindigkeiten von 120 Stundenkilometern angesetzt. Für dieses Tempo ist die Strecke nicht ausgelegt – und derzeit auch gar nicht nutzbar.

Auch Eisenbahner Hartmut Voigt geht von hohen Kosten aus. Er selbst kennt die Strecke nämlich nicht nur aus Sicht des Lokführers, sondern auch als Gleisbauer und Weichenschlosser. Sogar mit der Schrankentechnik kennt er sich aus und ist sich sicher, dass es da einiges auf diesen 15 Kilometern nachzuholen gäbe. „Ich persönlich gehe nicht davon aus, dass die Strecke wirtschaftlich betrieben werden könnte“, sagt Voigt. Bei aller Liebe zur Bahn tendiere er dennoch zu den Radwegplänen.

Dazu braucht es aber noch ein endgültiges Zeichen des Landkreises – genauer gesagt, des Kreistages. Der wird sich frühestens in seiner Sitzung am Nikolaustag mit dem Thema Herrnhuter Bahnstrecke befassen. Die Frage ist dann, ob es um eine Zusage zu den Radwegplänen geht – oder um einen Auftrag an den Verkehrsverbund Zvon, die Wiederbelebung der Herrnhuter Strecke zu prüfen. Die Bahn selbst bereitet nach SZ-Informationen derweil die baurechtlichen Voraussetzungen für einen Abbau der Schienen vor. Auf ein Wort