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Recht auf Freizeit?

Ein Gymnasiast kann durch eine Stundenplanänderung nicht mehr zum Gitarrenunterricht gehen. Die Schule weist die Verantwortung von sich.

© Anne Hübschmann

Von Susanne Plecher

Annette Weigt ist ziemlich sauer. So sauer, dass sie jetzt das Schulamt einschalten will. Die Laus, die ihr über die Leber gelaufen ist, entpuppt sich bei genauerer Betrachtung als Elefant. Denn das Problem, das Annette Weigt, oder vielmehr ihr Sohn Anton hat, hat mit Schulpolitik zu tun. Und die betrifft gemeinhin nicht nur eine Familie, sondern viele.

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Anton lernt am Großenhainer Gymnasium. Seit zwei Jahren besucht er einmal wöchentlich den E-Gitarrenunterricht von Christian Konrad in der Musikschule. Der Einzelunterricht kostet die Familie eine Stange Geld, aber Anton macht er Spaß. Leider kann der Junge seit Weihnachten den Unterricht nur noch 14-täglich besuchen – bei voller Rechnung. Schuld daran ist ausgerechnet seine Schule. Durch eine Veränderung des Stundenplans, die vonseiten des Gymnasiums aus organisatorischen Gründen nötig geworden war, kommt es zu zeitlichen Überschneidungen. Ein Tausch der Musikschulzeiten war nicht möglich. Auch ein Gespräch mit Antons Klassenlehrerin blieb ergebnislos. Und das, obwohl die Stunde nicht für Fachunterricht, sondern für die Klärung organisatorischer Fragen vorgesehen ist.

„Das kann ich nicht nachvollziehen“, sagt Annette Weigt. Schließlich sei der Vertrag mit der Musikschule extra erst nach Bekanntgabe des Stundenplans am Schuljahresanfang geschlossen worden. Für Anton ist das Donnerstag 14 Uhr. Seine letzte Schulstunde hatte zu Anfang des Schuljahres noch um 13.20 Uhr geendet. Genug Zeit also, um noch einmal nach Hause zu radeln, sich frisch zu machen und rechtzeitig in der Herrmannstraße bei Herrn Konrad zu sein. Nun schafft er das nur noch zweimal monatlich.

„Die Schule hat Vorrang“, sagt Schulleiter Klaus Liebtrau. Er kann nicht verstehen, dass in der Kernunterrichtszeit, die in Antons Fall bis zur siebenten Stunde also bis 14.15 Uhr gehe, Verträge über außerschulische Aktivitäten abgeschlossen werden. Liebtrau beruft sich auf die Schulpflicht. Ein Sprecher des Kultusministeriums pflichtet ihm bei: Die Schule muss den Unterricht abdecken, und dass es dabei im Laufe des Schuljahrs zu Stundenplanänderungen kommen kann, „damit muss man sich abfinden“, so Sprecher Schiebel. Für Annette Weigt ist das wenig befriedigend. „Die Kinder haben nicht nur eine Schulpflicht, sondern auch ein Recht auf Freizeit“, findet sie, zumal die Freizeitaktivitäten und weitere Termine erst nach Bekanntgabe des Stundenplans eingetaktet werden. Neben seinem Gitarrenunterricht schwimmt Anton auch im Verein, spielt Schach und muss regelmäßig zum Kieferorthopäden. Eine kurzfristige Änderung des Stundenplans bringt bei einem so vollen Wochenplan schnell alles durcheinander. Schwierigkeiten, mit denen Schüler und Eltern allein gelassen werden. „Um solche Sachen müssen sich prinzipiell die Eltern kümmern“, kritisiert Annette Weigt. Sie fühlt sich ausgeliefert, beklagt eine mangelnde Kooperation zwischen Eltern und Schule.

Immerhin zeigt Musikschulleiterin Anne-Kathrin Gerbeth Kulanzmöglichkeiten auf. Generell konstatiert sie ein systemisches Problem: „Wir merken, dass der Unterricht immer weiter in den Nachmittag hinein verschoben wird.“ Hinzu kommt, dass die Kinder mit Hausaufgaben und der Vorbereitung auf Klassenarbeiten oft „keinen Kopf und keine Muse für andere Sachen“ mehr haben. „Das Gehirn braucht aber Pausen“, sagt sie. Die Schulen will sie dafür nicht verurteilen, denn sie weiß, dass auch die Lehrer unter Druck stehen und Zielvorsetzungen realisieren müssen. Den Kindern ist damit jedoch nicht geholfen.