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Muss jedes alte Haus gerettet werden?

Denkmalschützer Thomas Göttsberger aus Ostritz sagt "ja", Immobilien-Entwickler Klaus Reepen aus Zittau "nein". Ein SZ-Streitgespräch.

Von Thomas Mielke
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Thomas Göttsberger (links) und Klaus Reepen haben beim Erhalt von Häusern unterschiedliche Meinungen.
Thomas Göttsberger (links) und Klaus Reepen haben beim Erhalt von Häusern unterschiedliche Meinungen. © SZ-Montage

Der eine wird für seine fundamentale Haltung als Denkmalschützer, für den Kauf und den Erhalt historischer Gebäude vor allem in Görlitz, Ostritz und Zittau bewundert - und angefeindet: Thomas Göttsberger, Finanzbeamter, Ostritzer Stadtrat und Mitglied in den Stadtforen Görlitz und Zittau. Der andere wird für seine unkonventionelle Art, leer stehende Gebäude vor allem in Zittau, aber auch anderswo im Landkreis zu vermarkten oder abzureißen und dann die Grundstücke zu entwickeln, bewundert - und angefeindet: Klaus Reepen aus Schlegel, Zittauer Stadtrat und Beamter der Bundespolizei. Die SZ hat beide zum Streitgespräch über den Erhalt historischer Häuser geladen.

Herr Reepen, Herr Göttsberger, wie viele Häuser haben Sie schon abgerissen?

Göttsberger (G): Ich habe noch keins abgerissen.

Reepen (R): Fünf.

Alle in Zittau?

R: Ja.

Herr Reepen, würden Sie auch die Mandaukaserne abreißen?

R: Nein, weil Herr Göttsberger der Eigentümer ist.

Göttsberger: Er kann nicht und ich mach es nicht.

Andersherum: Herr Göttsberger, hätten Sie die Gebäude von Herr Reepen wie die Lessingstraße 11 oder die Friedensstraße 29 in Zittau, die abgerissen sind, erhalten?

G: Das in Wittgendorf kenne ich nicht, die anderen schon. Sie hätten erhalten werden sollen. Da ist zum Beispiel die Friedensstraße 29, ein spätklassizistisches Gebäude, ein Doppelhaus. Die andere Hälfte steht jetzt isoliert wie ein einzelner Zahn. Sie gehen ja mit einem kranken Zahn auch nicht zum Zahnarzt und sagen: Machen Sie ihn raus, damit es ordentlich aussieht, sondern lassen ihn reparieren oder ersetzen. Solche Bau-Strukturen gehören erhalten. An Einfall- und Ausfallstraßen sowieso. Dazu hat sich die Stadt bekannt, handelt aber nicht immer danach, was sehr schade ist. Auch volkswirtschaftlich gesehen machen Abrisse keinen Sinn, da werden Werte vernichtet. Von der Vernichtung der sogenannten „grauen Energie“, die in den Häusern steckt, ganz abgesehen.

Thomas Göttsberger (links) und Klaus Reepen (rechts) im Gespräch mit SZ-Redaktionsleiter Thomas Mielke.
Thomas Göttsberger (links) und Klaus Reepen (rechts) im Gespräch mit SZ-Redaktionsleiter Thomas Mielke. © Rafael Sampedro

Herr Göttsberger, Sie wollen Häuser für die Nachwelt erhalten. Für welche Nachwelt denn, bei dem Einwohnerschwund?

G: Es wird auch irgendwann wieder aufwärts gehen, in Zittau und der Oberlausitz. Schon jetzt ist es so, dass Kulturschaffende aus Dresden, Leipzig und Berlin, die von den hohen Mieten vertrieben werden, so langsam in die Oberlausitz einsickern. Für sie sind solche leer stehenden Gebäude ein Anreiz, herzukommen.

Haben Sie schon jemals eine der Immobilien an so einen Künstler verkaufen können?

G: Es ist alles im Werden. Man muss in Zeitphasen denken, zehn, 15 Jahre weiter, auch wenn mir bewusst ist, dass der Bedarf derzeit noch nicht sehr hoch ist. Ich habe den Eindruck, speziell in Zittau und der Stadtverwaltung, dass sie eher von heute auf morgen denken: Man hat zu viele Gebäude, da muss die Zahl unbedingt angepasst werden. In anderen Städten hat man das bitter bereut. Aber wenn man schon schrumpfen will, dann von außen nach innen und sollte nicht hier und da mal ein Haus rausnehmen.

Der Rückbau von außen nach innen ist erklärtes Ziel der Stadt.

G: Es ist zum Teil ungeordnet. Wenn die Wohnbau zwei Gebäude gegenüber vom Bahnhof oder in der Schrammstraße als Einzelgebäude abreißt, dann hat das wohl eher fördertechnische als stadtplanerische Gründe. Geordnet wäre, wenn man versuchen würde, die Altneubauten am Rande der Stadt abzureißen und die Leute in die Innenstadt zu kriegen.

Die Stadt versucht das zumindest, aber viele Altneubauten gehören ihr nicht. Wie sehen Sie das, Herr Reepen?

R: Man muss die Besitzverhältnisse beachten. Es gibt auch viele Besitzer alter Gebäude, die sich überhaupt nicht um die Immobilien kümmern. Da ist oft an die Falschen verkauft worden. Es kann nur entwickelt, gestaltet oder abgerissen werden, wenn der Besitzer den Willen hat, mitzumachen.

Was verstehen Sie unter 'entwickeln'?

R: Wir können nicht zugucken, wie sich jemand nicht um sein Gebäude kümmert, denn dann liegt es eines Tages auf der Straße. Dann muss es auf Kosten der Stadt, die ohnehin klamm ist, zurückgebaut werden. Wir müssen dafür sorgen, dass Häuser, deren Besitzer sich nicht kümmern und nicht einmal die Grundsteuer bezahlen, zwangsversteigert werden und an Käufer veräußert werden, die sich um die Immobilien kümmern.

Wie entwickeln Sie Ihre Immobilien?

R: Ich habe die Erfahrung gemacht, dass, wenn ich etwas kaufe und ein Schild drannagele, bald jemand um die Ecke kommt, der eine Idee hat. Und wenn ich abreiße, kommen oft ganz schnell Leute, die sagen, hier würden wir gern bauen. So wie in der Lessingstraße 11.