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Reformwütige Funktionäre

Mehr als das drohende Aus bei der Hockey-WM fürchtet der Bundestrainer das Herumdoktern an den Spielregeln.

© dpa

Von Andreas Morbach

Seit der Eröffnung der Hockey-WM in Den Haag ist fast schon eine Woche vergangen, doch so richtig in Wallung gerät Markus Weise erst beim Gedanken an das heutige Gruppenspiel gegen die Gastgeber. „Dann werden wir zum ersten Mal die volle Dröhnung bekommen, mit richtig Rambazamba im Stadion“, ahnt der Herren-Bundestrainer vor der Neuauflage des olympischen Finals von 2012.

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Damals siegte die DHB-Auswahl 2:1, verteidigte ihre Krone von Peking – und sollte nun möglichst auch in der Höhle des orangefarbenen Löwen gewinnen, um nach der unerwarteten Niederlage gegen Argentinien die Chance aufs Halbfinale zu wahren. Weise ist dabei grundsätzlich jeglicher Firlefanz suspekt. Eine „latent schwelende Unzufriedenheit“ hat er in seiner Mannschaft beim 0:1 gegen die Argentinier ausgemacht – und antwortet auf die Frage, wie er den siegesgewohnten Spielern diese plötzliche Motzgesinnung auszutreiben versucht hat: „Wir haben etwas ganz Krasses gemacht und einfach mal drüber geredet.“ Mitbestimmung und Eigenverantwortung der Akteure sind für Weises Arbeit von zentraler Bedeutung, und seine Diskussionspartner dankten ihm diese Offenheit in den zurückliegenden Jahren mit einer langen Reihe großer Triumphe.

Deshalb glaubt der 51-Jährige auch an das Gute im Hockey-Menschen. Zumindest so lange dieser Hockey-Mensch einen Schläger in den Händen hält. Auf die Funktionäre seines Weltverbandes ist der Erfolgscoach dagegen weniger gut zu sprechen. Vor allem, seit die FIH-Oberen vom Internationalen Olympischen Komitee (IOC) nach London die Gelbe Karte unter die Nasen gehalten bekamen und seitdem um ihre Daseinsberechtigung beim Tanz um die fünf Ringe fürchten müssen.

Um den IOC-Granden zu gefallen, wird in der Branche nun mit Regeländerungen jongliert: Zum Beispiel statt wie bislang über zwei Halbzeiten, künftig über vier Mal 15 Minuten zu spielen. Oder, um im olympischen Dorf weniger Betten zu belegen, vom System mit elf Spielern auf das sogenannte „Hockey 5“ umzustellen. Als „Quatsch“ bezeichnet Weise derartige Überlegungen – und geht die zuständigen Funktionäre frontal an: „Ich finde es relativ unerträglich, wie in unserem Weltverband im kleinen Kreis an unserem Sport herumgeschraubt wird. Und immer mit dem Argument, Hockey attraktiver zu machen – und immer am Gängelband des IOC.“

Markus Weise, als Trainer dreimal in Folge – 2004 mit den Damen, 2008 und 2012 mit den Herren – Olympiasieger, bringt diese Haltung innerhalb der FIH auf die Palme. „Dort hat man einfach nur die Hose voll“, mault er. „Man steht nicht zu seinem Sport, sondern schraubt wie ein Wahnsinniger an ihm herum.“ Deshalb würde ihn auch eine Verkürzung des WM-Rhythmus‘ (bislang alle vier Jahre) „überhaupt nicht überraschen“.

Perplex wäre er allerdings, würden die Holländer heute Abend gegen seine Mannschaft ähnlich defensiv agieren wie die Argentinier. „Wir müssen den Glauben an uns wiederherstellen, und die Stärke des nächsten Gegners wird uns dabei helfen“, ist sich Weise sicher. „Manchmal“, fügt er hinzu, „sind es nur Kleinigkeiten, die man ändern muss – und dann ist alles gut.“ Oder anders ausgedrückt: „Das ist ein bisschen wie beim Seiltanz – man muss halt nur auf dem Seilchen bleiben.“

TV-Tipp: Sport 1 zeigt das Spiel 19.40 Uhr.