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Regiert von Psychopathen?

Charmant, aber skrupellos – manche Politiker scheinen durch ihr Auftreten eine Grenze zu überschreiten.

© dpa

Von Gerhard Besier

Erinnern Sie sich noch an Karl- Theodor zu Guttenberg, zunächst Bundesminister für Wirtschaft und Technologie, danach bis 2011 Verteidigungsminister? Die Deutschen liebten ihn für seinen Charme, für sein weltläufiges, stets sicheres Auftreten, für das strahlende Erscheinungsbild, die Etikette. Während viele bürgerliche Politiker unsicher, eher unbeholfen und steif auftraten, setzte sich der Polit-Star traumsicher in Szene. Im Zusammenhang mit der Bundeswehrreform wirkte er entschlossen und handlungskompetent – ebenso bei der Entlassung von Spitzenbeamten. Er schien die anstehenden Probleme mit einer neuen Leichtigkeit zu lösen, die Erstaunen und Bewunderung hervorrief. In den Hinterzimmern der Politik wurde das vermeintlich begnadete Polit-Talent schon als potenzieller Nachfolger von Horst Seehofer und/oder Angela Merkel gehandelt.

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Gerhard Besier ist Theologe, Historiker und Diplompsychologe. Als Abgeordneter (Die Linke) im Sächsischen Landtag befasst er sich vor allem mit Wissenschaftspolitik.
Gerhard Besier ist Theologe, Historiker und Diplompsychologe. Als Abgeordneter (Die Linke) im Sächsischen Landtag befasst er sich vor allem mit Wissenschaftspolitik. © PR

Dann kam mit der Plagiatsaffäre der jähe Absturz. In dieser Zeit äußerster psychischer Belastung fiel Guttenberg durch außerordentliches Stehvermögen, immer neue Erklärungsvarianten und einen filmreifen Rücktritt auf, der unverkennbar die Schuld an seinem Scheitern anderen zuschob. Er selbst zeigte sich von den Ereignissen seltsam unberührt.

Gibt es für dieses Verhalten eine psychologische Erklärung? In diesem Jahr sind einige wichtige Veröffentlichungen zur Verhaltensstörung der Psychopathie erschienen.

Meist können nur auffällig gewordene Psychopathen, bei denen eine entsprechende Verhaltensstörung diagnostiziert wurde und die wegen eines Strafdelikts mit dem Gesetz in Konflikt gerieten, von der Forschung analysiert werden. Über jene erfolgreichen, überaus charmanten und hochintelligenten Psychopathen, deren Bildung sowie Zugehörigkeit zu einer der oberen sozialen Schichten sie vor Entdeckung bewahrt und deren Fähigkeiten sie oftmals in höchste Ämter trägt – von diesen Psychopathen wussten wir lange nichts. 2011 untersuchte ein Team von der Universität St. Gallen 28 Aktienhändler – jene Berufsgruppe, die ohne Rücksicht auf Betroffene bisweilen Milliarden verspielt. Sie kamen zu dem Ergebnis, dass ihre Untersuchungsgruppe sich noch egoistischer und risikobereiter verhielt als eine Vergleichsgruppe auffällig gewordener Psychopathen im Gefängnis, die den gleichen Test absolvierten.

Der Kriminalpsychologe Robert D. Hare entwickelte schon in den 70ern eine Psychopathen-Checkliste, die er 1980 vorstellte und die in revidierter Fassung bis heute in den USA Verwendung findet. Wer mehr als 75 Prozent der Merkmale auf dieser Liste besitzt, gilt als Psychopath. Es dürfte kaum überraschen, dass die höchste Dichte an Psychopathen, etwa 20 Prozent, in Haftanstalten anzutreffen ist. Doch auch viele nicht gestörte, „normale“ Menschen weisen das eine oder andere Psychopathie-Merkmal auf. Der Psychologe Kevin Dutton berichtet in seinem 2013 auf Deutsch erschienenen Buch über „Psychopathen“ von einer Untersuchung klinischer und forensischer Psychologen, die auf der Grundlage der Einschätzung von Biografen amerikanischer Präsidenten zustande kam. Das Ergebnis überraschte die Forscher nicht: Eine ganze Reihe von US-Präsidenten wies psychopathische Merkmale auf - die Demokraten John F. Kennedy und Bill Clinton belegten übrigens Spitzenpositionen.

Viele Zeitgenossen bewundern gut aussehende, kaltblütige Draufgänger und möchten gerne so sein wie sie – der James-Bond-Effekt. Zu den „Siegermerkmalen“ erfolgreicher Menschen gehören Skrupellosigkeit, Charme, Charisma, Zielstrebigkeit, mentale Härte, Furchtlosigkeit, das Bewusstsein, für den Augenblick zu leben, sowie eine entschlossene Handlungsbereitschaft. Damit wird die Zwiespältigkeit psychopathischen Verhaltens deutlich: Ein wenig von den genannten Merkmalen müssen Führungspersönlichkeiten wohl aufweisen, aber es gibt eben keinen Knopf, um ein solches Verhalten zu modulieren, an- oder abzustellen. Hat der eine oder andere – es handelt sich meist um Männer – zu viel von den genannten Merkmalen, ergeben sich erhebliche Risiken für die Gesellschaft. Die leitenden Akteure in den Sektoren Finanzen, Wirtschaft und Politik können, wenn ihre psychopathischen Züge dominieren, zu einem wirklichen Problem werden. Das harmloseste ist noch die Förderung einer „Kultur der moralischen Grenzüberschreitungen“ – ein Phänomen, für das man in den USA beispielsweise Bill Clinton verantwortlich machte.

Ein Politiker, der vor Selbstbewusstsein nur so strotzt, mit Lust verbal auf den politischen Gegner eindrischt und dabei sichtlich die Situation genießt, steht gewiss an der Grenze zur Psychopathie. Aber überschreitet er sie auch? Dies ist anhand einzelner Merkmale schwer zu entscheiden, und einem entsprechenden Test werden sich unsere Spitzenpolitiker wohl kaum unterziehen wollen. Psychopathen teilen gerne aus, aber sie können auch besser einstecken als „normale“ Menschen. Wehleidigkeit kennen sie nicht. Unbeirrt von Rückschlägen und sozialer Bestrafung versuchen Menschen mit psychopathischen Zügen in immer neuen Anläufen, das einmal angepeilte Ziel zu erreichen.

Selbstzweifel sind ihnen fremd. Mit großer Überzeugungskraft, Tricks und auch raffinierten Lügen suchen sie, andere zu gewinnen; ein erheblich übersteigertes Selbstwertgefühl und der Mangel an Gewissensbissen oder Schuldgefühlen eröffnet ihnen einen weit größeren Handlungsspielraum, als ihn Menschen besitzen, die mit Entscheidungen ringen, von Skrupeln geplagt werden oder sich wiederholt fragen, ob sie für eine bestimmte Position denn auch geeignet seien. Intelligente Psychopathen sind zur Perspektivenübernahme fähig; das heißt, sie wissen, was man emotional von ihnen erwartet und verhalten sich entsprechend – auch wenn sie nicht so fühlen. Es gelingt ihnen, ihre Gefühlskälte zu überspielen und den Mitmenschen Empathie zu suggerieren. Sie verhalten sich impulsiv und suchen ständig nach neuen Reizen, weil sie Langeweile und Monotonie nur schwer ertragen können. Während wenig intelligente Psychopathen schnell aus der Rolle fallen und sich dann aggressiv verhalten können, zeigen die Begabteren eine recht gute Verhaltenskontrolle.

Vermutlich aufgrund wachsender kultureller Sensibilität spüren dennoch zunehmend mehr Menschen, dass mit manchen elitären, beredten, furchtlosen, kalten, wenn auch äußerst funktionsfähigen Zeitgenossen irgendetwas nicht stimmt. Ein ewig schlagfertiger, selbstbewusster, aggressiver Kämpfer weckt in ihnen durchaus ambivalente Gefühle. Einerseits empfinden sie wohl Bewunderung, andererseits fühlen sie sich aber auch abgestoßen.

Nicht alle wollen einem solchen Brecher ihr Schicksal anvertrauen. Darin mag einer der Gründe liegen, warum eher schlechte Redner, die langweilig und wenig impulsiv, dafür aber beständig wirken, in der Bevölkerung mehr Vertrauen genießen als Persönlichkeiten, die in der Tendenz zu überwältigen suchen. Einige Anhaltspunkte für den Wahlsieg Angela Merkels mögen hier zu finden sein. Unter Berücksichtigung dieses Aspektes dürfte es kein Zufall sein, dass in der jüngsten Vergangenheit eher zurückhaltend auftretende Politiker reüssieren konnten – in Hamburg oder Hannover etwa – oder das Frauen-Gespann in Nordrhein-Westfalen. Die Zeit der Rambos scheint vorbei. Das immerhin ist die gute Nachricht. Die schlechte lautet: Einem intelligenten Psychopathen gelingt auch die oberflächliche Wandlung zum sanften und liebenswürdigen Versteher.

Unter dem Titel Perspektiven veröffentlicht die Sächsische Zeitung kontroverse Essays, Analysen und Interviews zu aktuellen Themen. Texte, die Denkanstöße geben, zur Diskussion anregen sollen.