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Neue Lust auf regionales Fleisch

Skandale in der industriellen Fleisch- und Wurstproduktion bringen den Anbietern vor Ort mehr Kunden. Drei Beispiele aus dem Landkreis.

Ines Senger schaut nach ihren Tieren auf der Weide bei Leupoldishain.
Ines Senger schaut nach ihren Tieren auf der Weide bei Leupoldishain. © Daniel Schäfer

Ab und an schaut Ines Senger auch mal bei den Mutterkühen auf der Weide vorbei. Zu ihren täglichen Aufgaben gehört das für die Chefin der Agrarproduktion „Am Bärenstein“ Struppen nicht. Aber für sie ist es wie eine Belohnung, wenn sie sieht, wie gut es den Tieren geht, wenn sie im Gras bei Leupoldishain liegen. 

Das gehört zur Philosophie des Unternehmens, dass in einem regionalen Kreislauf produziert wird - vom Futter bis zum Verkauf an der Fleischtheke. In vier Filialen in der Sächsischen Schweiz werden die eigenen Produkte angeboten. Das wird von immer mehr Kunden geschätzt.

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In den vergangenen Wochen gab es einen beachtlichen Umsatzzuwachs. Wer befürchtet hatte, dass Skandale in der industriellen Fleischproduktion wie zuletzt etwa bei den Arbeitsbedingungen bei Tönnies der gesamten Branche schaden könnten, der hat sich getäuscht. "Alle Skandale, ob BSE oder Gammelfleisch, sorgt eher dafür, dass sich die Menschen wieder auf die Qualität regionaler Produkte besinnen", sagt Senger.

1.550 Hektar bewirtschaftet die Agrarproduktion in einem Umkreis von kaum zehn Kilometern. Nur 300 Meter neben dem Landschlachthof in Struppen weiden die Kühe. Stammkunden wissen das schon länger zu schätzen. "Jetzt kommen aber viele Neukunden, sogar extra aus Dresden zu uns", sagt Verkäuferin Peggy Hering.

Wie transparent sind Lieferketten?

Ein Umsatzplus in den vergangenen Wochen bestätigt auch Ralph Ehrentraut, der Geschäftsführer der Dürrröhrsdorfer Fleisch- und Wurstwaren GmbH. "Die Kunden kaufen wieder bewusster ein", sagt er. Fleisch aus der Region ist ein Qualitätsmerkmal geworden, das sehr gut nachgefragt werde. 

Die Kunden bei Fleischermeister Ulrich Loose in Dippoldiswalde haben schon vor dem aktuellen Skandal in der industriellen Fleischproduktion gut bei ihm eingekauft. Man merke jetzt aber noch mal einen Zuwachs. Loose verkauft nur Fleisch aus Sachsen. Die Lieferketten seien alle transparent nachverfolgbar. "Unsere Produktion ist quasi gläsern", sagt Senger.

Sind die Transporte jedoch länger, machen sie Fleischprodukte teurer. Denn in Sachsen gibt es keinen großen Schlachthof mehr. Landwirte müssen die Tiere dazu nach Hof in Bayern oder Altenburg in Thüringen fahren. Zum Aufwand für die Fahrten kommt noch ein bürokratischer für Dokumentationen, Hygiene und Tierwohl hinzu. "Der Stress des Transports ist nicht zu unterschätzen", sagt Ehrentraut. Schlachthöfe in der Region wären auch deshalb ein Fortschritt.

Wer trägt den Mehraufwand?

Das ist jedoch kompliziert. Eigentlich könnte man meinen, dass es Interessenten geben müsste, der diesen Bedarf mit Aussicht auf Gewinne decken möchte. Doch die Hürden für Investoren sind hoch. Keine Kommune reißt sich um den Neubau eines Schlachthofs. Die Akzeptanz in der Bevölkerung ist gering. 

Zudem sind zahlreiche Auflagen des Immissionsschutzes oder anderes zu erfüllen. Fraglich ist außerdem, ob es genug Tierhalter in der Region gibt, die für einen wirtschaftlichen Schlacht-Betrieb ausreichen.

Auch wenn die Agrarproduktion in Struppen selbst schlachtet, macht sich Ines Senger jedoch Sorgen um den Wirtschaftszweig der industriellen Fleisch- und Wurstproduktion. "Sollten diese Industriebetriebe ins Ausland abwandern, wären die Transportwege für die Tiere noch länger und damit auch die CO2-Bilanz der Produkte", gibt sie zu Bedenken. Das habe auch Auswirkungen aufs Klima.

Aber auch die gewünschten verbesserten Produktionsbedingungen haben zusätzliche Kosten zur Folge. Selbst wenn alle Beteiligten die Mehraufwendungen für nötig erachten, bleibt eine Frage: Wer wird diese Mehraufwendungen tragen müssen, der Handel, die Kunden oder die Landwirte?

Hat der Fleischer-Beruf Zukunft?

Die Konzentration der Fleischindustrie auf wenige Standorte hat dazu geführt, dass der Berufsstand der Fleischer in der Region gelitten hat. Die Innung in der regionalen Handwerkerschaft wurde aufgelöst, weil es kaum noch Mitglieder gab. Die Fleischer organisieren sich jetzt in größerem Maßstab landesweit.

"Wir freuen uns natürlich, wenn wieder mehr regionale Produkte gefragt sind", sagt Antje Reichel, Geschäftsführerin Kreishandwerkerschaft Südsachsen, die auch für den hiesigen Landkreis zuständig ist. Das Geld bleibe damit in der Region. Die Handarbeit sei es im Vergleich zur Massenware aber auch wert.

Der Beruf des Fleischers habe jedenfalls eine gute Perspektive, wie fast alle Handwerksberufe, so Reichel. "Man merkt, dieses Bewusstsein für Produkte aus der Region kommt wieder." Das könnte auch der Grund sein, weshalb sich wieder mehr junge Leute zum Fleischer ausbilden lassen. Das bestätigt auch die Struppener Agrarproduktion. "Wir haben immer ausreichend Nachwuchs gefunden", sagt Senger.

Die Verkäuferinnen Ellen Brodmann (l.) und Peggy Hering werden oft von Kunden gefragt, wie das Fleisch der Agrarproduktion Struppen produziert wird. Dann verweisen sie meist auf die Wiesen gleich in der Nähe.
Die Verkäuferinnen Ellen Brodmann (l.) und Peggy Hering werden oft von Kunden gefragt, wie das Fleisch der Agrarproduktion Struppen produziert wird. Dann verweisen sie meist auf die Wiesen gleich in der Nähe. © Daniel Schäfer

Welche Rolle spielt der Weltmarkt?

So wie die regionalen Produzenten hat auch die Fleisch-Industrie von Januar bis April dieses Jahres erhebliche Umsatzsteigerungen verzeichnet. Die Ausfuhr von Schweinefleisch nach China ist nach Angaben des Statistischen Bundesamtes auf einem Höchststand. Die Exportmenge hat sich in den ersten vier Monaten dieses Jahres im Vergleich zum Vorjahreszeitraum mehr als verdoppelt.

Gleichzeitig hat sich Schweinefleisch verteuert. Der Index der Erzeugerpreise lag zum Jahreswechsel um 41,5 Prozent über dem von Dezember 2018. Schweinefleisch hat sich infolgedessen auch für Kunden in Deutschland überdurchschnittlich verteuert. Laut Bundesamt ist es von Mai 2019 zu Mai 2020 um 11,2 Prozent teurer geworden.

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Für die Struppener hat das aber keine Auswirkungen. "Marktschwankungen tangieren uns nicht", sagt Senger. Die Aufzugskosten ihrer Tiere schwanken kaum. Auch das Futter wird selbst produziert. Zuletzt musste nur mal wegen der Trockenheit etwas zugekauft werden. Die Preise in ihren Verkaufsstellen kann sie selbst kalkulieren. Auch das sei ein Vorteil des regionalen Kreislaufs.

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