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Einsam gestorben

Mehrere Wochen lag ein Toter unentdeckt im Seniorengerechten Wohnen der Diakonie St. Martin in Reichenbach. Wie kann so etwas passieren?

In diesem Haus in Oberreichenbach starb ein älterer Mann, was offenbar etliche Wochen unentdeckt blieb.
In diesem Haus in Oberreichenbach starb ein älterer Mann, was offenbar etliche Wochen unentdeckt blieb. © Constanze Junghanß

Wie lange lag der Mann unentdeckt in der Wohnung? Drei Rentnerinnen auf der Bank schütteln den Kopf, sie alle leben im  „Seniorengerechten Wohnen am Stadtbad“, das die Diakonie St. Martin in Reichenbach betreibt. Auch der Mann wohnte hier.  Die drei Damen haben von dem Drama nichts mitbekommen - wie auch sonst niemand. Ein Mann ist gestorben und keiner hat es bemerkt.

Wie lange er schon tot da lag? Drei Wochen oder vier vielleicht, schätzt eine der Damen. Oder auch schon länger? „Man hat gerochen, dass irgend etwas nicht stimmt“, erzählt eine der drei. 14 Tage lang mindestens. Doch zuordnen konnten sie den Geruch nicht. Und gesehen worden sei der Mitmieter aus dem unteren Geschoss auch eine ganze Weile nicht. „Der fuhr ja sonst jeden Morgen mit dem Bus um 9 Uhr nach Görlitz“, berichtet eine weitere der Damen. Fiel niemandem auf, dass er gar nicht mehr zu sehen war? 

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Er wollte keinen Kontakt zu anderen

Er habe sehr zurückgezogen gelebt und keinen Kontakt mit anderen gewollt, erzählen die betagten Damen. Und nein, in der Zeitung sollen ihre Namen nicht stehen. Das alles sei so oder so Gesprächsthema im Block. 15 seniorengerechte Wohnungen gibt es in dem Haus. Der Leerstand ist gering. Vor dem angekippten Fenster des Verstorbenen hängt eine Gardine. Die ist angegraut und voller Löcher. Vermutlich hat sie der Wind zerfetzt. Auf dem Balkon steht ein weißer Stuhl aus Plastik. Aus einer der Wohnungen dudelt Radiomusik. Einige Mieter haben es sich mit Sonnenschirmen und bepflanzten Blumenkästen auf Balkonien schick gemacht. Bis auf das Radio ist es still. Das Haus in Oberreichenbach ist schon älter, eine Art Altneubau.

Die Wohnung des Toten steht leer. Die Gardine im angekippten Fenster ist mittlerweile zerschlissen.
Die Wohnung des Toten steht leer. Die Gardine im angekippten Fenster ist mittlerweile zerschlissen. © Constanze Junghanß

Mitbewohner bemerkte den Geruch

Dass niemand vom Pflegedienst was bemerkte, wundert die Senioren. „Die sind doch ausgebildet und täglich bei uns im Haus.“ Kopfschüttelnd erzählt das eine grauhaarige Rentnerin. „In der Wohnung sind noch alle Möbel drin“, erzählt ein Bewohner. Er war es, der sich schließlich ein Herz gefasst hatte, als der Geruch - „so eigenartig süßlich“ - immer stärker durch das Haus waberte. Warum kein anderer etwas gesagt hat, kann auch er sich nicht erklären. Der Mieter fasste Mut, informierte telefonisch die Diakonie, wie er erzählt. Die Polizei kam. Das war am 30. April. Bekannt wurde der Fall erst jetzt.

Polizeisprecherin Katharina Korch von der Polizeidirektion Görlitz bestätigt auf SZ-Nachfrage: „Der Tote lag mehrere Wochen in der Wohnung. Die Kriminalpolizei hat die Ermittlungen aufgenommen.“ Beim Öffnen der Tür sei ein „starker Verwesungsgeruch wahrgenommen worden“, wurde im Einsatzbericht vermerkt. Anhaltspunkte für ein Fremdeinwirken hätten sich keine ergeben. Wie oft die Polizei zu solchen einsamen Toten gerufen wird, könne nicht allgemein recherchiert werden, sagt Katharina Korch und auch nicht, weshalb das Umfeld nicht eher reagierte.

Immer mehr Menschen leben einsam

Ein absoluter Einzelfall jedoch sind Verstorbene, die unbemerkt längere Zeit in der Wohnung liegen, keinesfalls. Oft komme das zwar nicht vor, wie Steffen Haubold vom Nieskyer Bestattungshaus Barthel sagt. „Zwei- bis dreimal pro Jahr werden wir in so einem Fall gerufen“, erzählt er. Der Bestattungsmitarbeiter erklärt: „Der Geruch eines Leichnams schlägt irgendwann durch, zum Beispiel durch das Schlüsselloch.“ Im Sommer kann das schneller passieren als im Winter.

„Immer mehr Menschen leben heute für sich selbst“, schätzt Rudi Lawitzky, Kreisseniorenbeauftragter ein. Der soziale Zusammenhalt sei nicht mehr so stark ausgeprägt. „Vereinsamung im Alter ist auf jeden Fall ein Thema“, sagt er. Vor allem dann, wenn die eigenen Kinder berufsbedingt aus ihrer Heimat wegzogen.

Die Diakonie St. Martin - Sitz ist in Rothenburg – wirbt auf ihrer Internetseite mit folgenden Sätzen: „Im diakonischen Auftrag und mit christlichen Werten stehen wir Menschen zur Seite, die Begleitung, Förderung und Zuwendung in besonderer Weise brauchen. Jeden Tag.“

Das Seniorengerechte Wohnen am Stadtbad gehört zur Diakonie St. Martin.
Das Seniorengerechte Wohnen am Stadtbad gehört zur Diakonie St. Martin. © Constanze Junghanß

Seniorengerechtes ist nicht wie Betreutes Wohnen

„Seniorengerechtes Wohnen ist nicht zu verwechseln mit dem betreuten Wohnen. Die Wohnungen sind ganz normale Mietwohnungen und die Bewohnerinnen und Bewohner haben mit der Diakonie St. Martin einen Mietvertrag, keinen Betreuungsvertrag“, erklärt dazu Doreen Lorenz, Kommunikationsbeauftragte der Diakonie. Seniorengerecht bedeute: Es gibt einen Fahrstuhl, keine schiefen Ebenen im Eingangsbereich, und keine Schwellen in den Wohnungen. Die Kaltmiete liegt mit 5,50 Euro pro Quadratmeter etwas über den ortsüblichen Mietpreisen, die bei leer stehenden Wohnungen in Reichenbach zwischen vier und fünf Euro betragen.

In der Anlage ist keine Pflegekraft vor Ort, es gibt keinen Service, der sich beispielsweise um die Post, die Wäsche, gemeinsame Mahlzeiten kümmert. Leistungen wie Pflegedienst, Hauswirtschaft oder Essen auf Rädern können zusätzlich gebucht werden und sind im Mietpreis nicht enthalten. „Der verstorbene Mieter hatte von der Diakonie St. Martin keine anderen Leistungen außer dem Mietverhältnis für die Wohnung bezogen“, so Lorenz. Verschiedene Pflegedienste kämen in das Haus Oberreichenbach 8a. Die Mitarbeiter der Diakonie und die Mieter hätten keine starke Geruchsveränderung bemerkt. „Die Aussage, dass es mindestens zwei Wochen stark gerochen habe und unser Pflegedienst nichts unternommen hat, können wir also so nicht bestätigen“, sagt Doreen Lorenz. 

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