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Reicher Nachbar, armer Nachbar

Wachau ist die wohlhabendste, Großnaundorf die schwächste Gemeinde im Kreis. Das hat Auswirkungen für die Bürger.

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© René Plaul

Von Thomas Drendel

Wenn Sachsens Regierungschef Stanislaw Tillich über Wachau spricht, erzählt er gerne eine Anekdote: „Was ich hier in der Gemeinde erlebt habe, gab es bisher nur ein einziges Mal. An einem Tag wurden gleich drei nagelneue Feuerwehrautos eingeweiht. Nirgendwo sonst ist mir das in meiner Dienstzeit vorgekommen.“ Damit bringt der Regierungschef die Situation in der Gemeinde auf den Punkt: Die Kassen in Wachau sind randvoll und die Zahlen sind beeindruckend. Mehr als neun Millionen Euro hat die Gemeinde nach Angaben von Bürgermeister Veit Künzelmann (CDU) im vergangenen Jahr eingenommen. Der größte Brocken ist dabei die Gewerbesteuer: knapp sechs Millionen Euro. Die fließen vor allem aus einer Quelle an die Gemeinde: von Sachsenmilch. Weitere Zahler sind unter anderem die Metallfirmen Alvo und Grahl oder das Bauunternehmen Flottmann. Ärgerlich nur, Wachau muss einen Großteil seiner Einnahmen wieder abgeben, nämlich rund 6,6 Millionen Euro. Die Millionen fließen als Kreisumlage nach Bautzen oder als sogenannte Reichensteuer ins Finanzministerium nach Dresden. Dennoch bleiben Wachau mit rund 2,5 Millionen Euro mehr als vielen anderen Kommunen. Sehr zur Freude der Wachauer. „Wir können uns Dinge leisten, die andere sich nicht leisten können“, sagt auch der Wachauer Bürgermeister. Ein Blick in das vergangene Jahr bestätigt das. Gleich zwei Großprojekte hat Wachau da in Angriff genommen und auch weitestgehend abgeschlossen: die Erweiterung der Grundschule in Leppersdorf und die Sanierung der Wachauer Grundschule mit Kosten von je fast einer Million Euro. Freilich stemmt diese Summen die Gemeinde nicht allein. Die Wachauer sind aber in der Lage, den Eigenanteil von einigen hunderttausend Euro zu bezahlen, bei diesen und bei anderen Projekten, andere Gemeinden müssen auch daran sparen. „Deshalb erhalten wir Fördermittel, die die liegen lassen müssen“, sagt der Bürgermeister.

Der Blick in den Wachauer Haushalt für dieses Jahr zeigt, die Gemeinde kann weiterhin große Summen für seine Einwohner ausgeben. Größte Investition ist der Neubau der Kita in Seifersdorf. Außerdem werden neue Feuerwehrautos in Leppersdorf angeschafft und gleich mehrere Straßen in Feldschlößchen in Ordnung gebracht. Wenige Meter hinter dem Wachauer Ortsteil Lomnitz sieht das ganz anders aus. Der Zufall will es, dass die – gemessen an den pro Kopf-Gewerbesteuereinnahmen – reichste Gemeinde unmittelbar an die ärmste Gemeinde des Landkreises grenzt: Großnaundorf. Laut den aktuell vorliegenden Zahlen des Statistischen Landesamtes in Kamenz entfallen auf jeden Einwohner in Wachau fast 1500 Euro Gewerbesteuer im Jahr, auf jeden Einwohner von Großnaundorf gerade einmal 15 Euro. „Das ist fast nichts“, sagt auch der Großnaundorfer Bürgermeister Jürgen Kästner. „Glücklicherweise sind das nicht unsere einzigen Einnahmen. Wir erhalten noch Zuweisungen vom Freistaat. Doch auch die werden immer weniger“, sagt er. Die Brötchen, die Großnaundorf backen kann, sind deshalb erheblich kleiner. „Gleich drei Feuerwehrautos auf einen Schlag können wir uns nicht leisten. Auch wenn Wachau sagt, dass sie alle Landwirtschaftswege asphaltiert haben, dann können wir da nicht mithalten und müssen andere Lösungen suchen“, sagt Jürgen Kästner. Für das laufende Jahr plant die Gemeinde eine große Investition. Rund 100 000 Euro sind für den Anbau an das Großnaundorfer Sportlerheim eingeplant. Mehr ist nicht drin. Dennoch glaubt der Gemeindechef nicht, dass das gravierende Auswirkungen auf die Lebensqualität der Einwohner hat. „Bei uns ist nicht alles auf einem so hohen Niveau, doch die Einsatzbereitschaft der Feuerwehr beispielsweise ist genauso gewährleistet, wie anderswo. Bei uns gibt es auch eine Bibliothek und ein Freibad.“ Dennoch wünscht er sich eine Vereinheitlichung der finanziellen Ausstattung der Kommunen. „Wenn jede Gemeinde pro Kopf den gleichen Beitrag erhielte, ginge es gerechter zu“, sagt er.