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Reif für den Abflug

Wenn Kinder ausziehen und ihr eigenes Ding machen, jubeln manche Eltern. Andere stürzen förmlich in ein Loch.

Noch eine Kiste, dann ist das Kind mit Sack und Pack ausgezogen. Für die Eltern ist das ein durchaus ambivalenter Moment.
Noch eine Kiste, dann ist das Kind mit Sack und Pack ausgezogen. Für die Eltern ist das ein durchaus ambivalenter Moment. © Ralf Mohr

Noch eine allerletzte Kiste. Dann ist der Transporter voll, das Zimmer weitgehend leer. Leer bis auf ein paar Möbel, den ausgeblichenen Globus, der jetzt den gesamten Schreibtisch beherrscht, ein paar Poster, etwas Plunder. Stur lümmelt ausgerechnet der leicht räudige Plüsch-Affe, ohne den jahrelang kein Gang nach draußen möglich war, in der Sofa-Ecke. Die Arme baumeln schlapp, der Kopf ist zur Seite gekippt, der Blick vollkommen leer. Eindeutig ein Bruder im Geiste.

Es zieht im Magen, das Herz puckert wie ein anfahrender Diesel, die Handflächen schwitzen. Der Herr Sohn hat fertig, alles Nötige im Sack, sprich: Im Miet-Kleinbus verstaut. Das Studium startet in ein paar Tagen, das WG-Zimmer ist längst bezugsfertig präpariert.

Jubel
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Nun also los – und weg. Nur eben nicht wie sonst für ein paar Tage, sondern für immer. Dass es passieren würde, war am Tag seiner Geburt klar, doch lange in sehr, sehr weiter Ferne. Manchmal tatsächlich ersehnt, oft genug besprochen, nie richtig geprobt. Ein seltsamerer Cocktail lässt sich kaum mixen: banger Stolz, auf einem Grinsen geraspelte Traurigkeit, hoffnungsvoll eingefärbte Skepsis, sich langsam aufwärmende Sehnsucht. Und obendrauf die Gewissheit, rein gar nichts gegen das alles tun zu können. Wie oft strapazierte Treppe-rauf-Gepolter oder Tür-Geknalle oder monotones Beat-Gerumpel sämtliche Nerven? Und nun? Stille. Wie furchtbar unaufregend! So viel ist jedoch klar: Nicht der Abschied an sich ist die große Herausforderung, sondern das sich lang hinziehende und völlig unberechenbare Danach.sowieso immer.

Wenn der Kontakt sich ausdünnt

Es gibt zig Möglichkeiten, wie Eltern darauf reagieren, dass ihre Kinder sich erwachsen genug wähnen, um mehr oder weniger fern vom Nest ein unabhängiges Leben zu starten. Schon der engere Freundeskreis macht das Studium soziologischer wie psychologischer Analysen eigentlich überflüssig, bietet er doch fast das gesamte denkbare Spektrum an emotionalen Regungen an.

Da ist beispielsweise der zweifache Vater, der beim Auszug beider Söhne tagelang geheult hat, natürlich stets heimlich und so, dass keins der beiden Kinder je etwas davon mitbekam. Tagtäglich vom immerwährenden Hoffen darauf getrieben, dass der Kontakt nicht weiter ausdünnen werde. Er tat es aber. Stetig. Und ist jetzt, drei Jahre später, noch immer nicht auf dem Niveau, das sich der Vater wünscht oder besser: An das er sich gewöhnen kann und will.

Besser wäre es, das volljährige Kind würde sich einfach gar nicht volljährig verhalten, also mitnichten ausziehen. Kräftig forciert von den Eltern, studiert nun praktischerweise die nette Tochter in der Heimat, muss sich also weder um eine eigene Bude noch um die autarke Versorgung mit Lebensmitteln kümmern. Irgendwie sehr praktisch, von beiden Seiten so empfunden. Man kommt so um das Einleiten zusätzlicher Finanztransaktionen herum und hat zudem noch immer ein Mindestmaß an Kontrolle.

Ein anderer Vater hingegen nahm den Abflug des Sohnes mit Gleichmut, kaufte sich ein Motorrad und fing parallel wieder mit dem Rauchen sowie mit dem regelmäßigen Dauerlaufen an. Marathon heißt das nächste Ziel. Angeblich. In Wahrheit hilft das alles nur beim Verdrängen dessen, dass da keiner mehr regelmäßig zum lieb gewordenen Revierkampf antritt.

Der Lebensaufgabe entledigt

Ein Umstand, der im seltenen Einzelfall sogar zu großer Freude verholfen hat, wobei selbstverständlich nur insgeheim gejubelt wurde. Der Grund dafür: Endlich gehört einem die eigene Wohnung, die eigene Zeit, das eigene Auto wieder vollständig selbst. Dazu die klare Ansage: „Melde dich, wenn du etwas brauchst.“ Der Subtext dazu: „Aber bitte nicht so oft.“

Wer so entspannt mit dem Auszug seines Kindes umgeht, hat schon mal ein Problem nicht, das Experten als Empty-Nest-Syndrom bezeichnen. Diese Angst vor dem plötzlich leer gewordenen Nest hat zwar viele Facetten, immer jedoch den gleichen Anstoß: Weil eine als immens wichtig empfundene Aufgabe plötzlich wegfällt, plumpsen viele Mütter, manche Väter in ein seelisches Loch. Fachleute halten das prinzipiell für völlig normal. Ebenso jedoch, dass man sich dieser Angst stellt, sie schließlich aus eigener Kraft überwindet. Nicht nur in den USA, dem Land mit der größten Dichte an Psychoanalytikern, suchen Eltern dann doch lieber professionellen Rat. Hierzulande finden sich zudem etliche Eltern in Selbsthilfegruppen zusammen und setzen auf die heilende Wirkung der geteilten Angst. Tatsächlich gipfelt in krassen Fällen das Empty-Nest-Syndrom in einer ausgewachsenen Depression. In der Regel ruckeln sich die Gefühle früher oder später wieder zurecht.

Experten streiten nun darüber, ob es Mütter häufiger trifft als Väter oder umgekehrt. Ganz sicher haben Väter noch vor ein paar Jahren ihre Trauer nicht oder mithilfe strenger Selbstdisziplin nur abgemildert gezeigt. Heute tun sie das mehrheitlich, sofern sie denn traurig sind, sehr wohl offen. Angesichts eines tendenziell immer rüpeliger werdenden Umgangs miteinander sind emotionale Väter ein mindestens kleiner Lichtblick und ihren Söhnen so zweifellos ein gutes Vorbild. Mütter sind das 

Familienkompass 2020

  • Was ist der Familienkompass? Der Familienkompass ist eine sachsenweite Umfrage von Sächsische.de, LVZ und Freie Presse, wissenschaftlich begleitet von der Evangelischen Hochschule Dresden.

  • Worum geht es? Wir wollen wissen: Wie kinder- und familienfreundlich sind die einzelnen Gemeinden und Städte im Freistaat? Dafür brauchen wir Ihre Hilfe. Alle Ergebnisse werden wissenschaftlich ausgewertet und nach der Befragungsphase intensiv für unsere Leser aufbereitet.

  • Wann? Die Befragung endet zum Beginn der Sommerferien.

  • Wie kann ich mitmachen? Den Fragebogen finden Sie hier.

  • Was passiert mit meinen Daten? Die Daten der Befragung werden streng vertraulich behandelt und ohne Personenzuordnung wissenschaftlich ausgewertet. Und als Dankeschön für die Zeit wartet ein tolles Gewinnspiel. 

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