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Reisebüros kämpfen um ihre Existenz

Viel Arbeit, aber keine Provision: Die Corona-Pandemie trifft die Reisebranche besonders hart; auch im Landkreis Bautzen.

Egbert Bury hofft auf bessere Zeiten in seinem Reisebüro am Bischofswerdaer Markt - um auch künftig Kunden unter anderem Angebote aus dem Katalog von SZ-Reisen empfehlen zu können.
Egbert Bury hofft auf bessere Zeiten in seinem Reisebüro am Bischofswerdaer Markt - um auch künftig Kunden unter anderem Angebote aus dem Katalog von SZ-Reisen empfehlen zu können. © Steffen Unger

Bischofswerda/Bautzen. Der Kalender im Reisebüro Bury am Bischofswerdaer Markt zeigt noch immer den 20. März. Es ist der erste Tag, an dem die meisten Geschäfte in Sachsen wegen des Lockdowns in Folge der Corona-Pandemie für vier Wochen geschlossen bleiben mussten. 

Gearbeitet haben Inhaber Egbert Bury und seine Frau Andrea aber auch in dieser Zeit - und das mehr als sonst: Stornierungen, Umbuchungen, die Rückabwicklung von Verträgen und immer wieder Fragen verunsicherter Kunden. "Wir versuchen, Lösungen zu finden, wenn es auch nicht immer leicht ist, bei den Reiseveranstaltern einen Ansprechpartner zu erreichen", sagt Egbert Bury. Dass sein Reisebüro in diesem Jahr 30 Jahre besteht, wird da zur Nebensache. 

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Rock 'n' Roll-Reise wird verschoben

Wie ihm geht es vielen Chefs von Reisebüros. Auch in den Sommerferien ist die Branche, bedingt durch strenge Auflagen und Reisewarnungen für weite Teile der Welt, noch meilenweit von Normalität entfernt. Trotz der bisherigen Lockerungen wird äußerst zurückhaltend gebucht, ergab eine Umfrage von Sächsische.de in Reisebüros im Landkreis Bautzen. 

Ziele in Griechenland werden jetzt wieder nachgefragt, sagt Henry Reißig, Büroleiter im  Reisebüro Martin in Bischofswerda. Er verkauft auch wieder Reisen an die Ostsee sowie nach Österreich und Ungarn - bei Anreise mit dem eigenen Auto. Reisende haben dadurch die Gewissheit, dass sie im Fall erneuter Verschärfungen schnell zurückkehren können. 

Auch ATeams Schirgiswalde, zugleich Reiseveranstalter und Reisebüro mit Standorten in Schirgiswalde, Wilthen und Bautzen, geht wieder auf Tour. Der nagelneue Bus war gerade angemeldet, als der Lockdown kam. So musste die Jungfernfahrt verschoben werden. Die ging für 35 Gäste nun nach Österreich, berichtet Inhaber Andreas Thomas. Seitdem ist der Bus mit Reisegruppen zwischen Alpen und Ostsee unterwegs

Eine andere Reise musste ATeams in dieser Woche dagegen um ein Jahr verschieben: die für Oktober geplante Mittelmeer-Kreuzfahrt mit der Rock'n'Roll-Band Firebirds. "Mit 1.400 Gästen ist es das bisher größte Event in unserer Firmengeschichte", sagt Andreas Thomas. Aber noch sei nicht die Zeit für Party. 

Eliane Putzke von der gleichnamigen Reiseagentur in Pulsnitz kämpft wie die meisten Reisebüros mit den Folgen der Corona-Pandemie für ihr Geschäft.
Eliane Putzke von der gleichnamigen Reiseagentur in Pulsnitz kämpft wie die meisten Reisebüros mit den Folgen der Corona-Pandemie für ihr Geschäft. © Matthias Schumann

Umsatzeinbrüche bis zu 90 Prozent

Von Normalbetrieb könne überhaupt keine Rede sein, sagt Eliane Putzke von der gleichnamigen Reiseagentur in Pulsnitz. Es sei vor allem eine Flut von Umbuchungen und Absagen von Reiseveranstaltern zu bearbeiten. Zudem würden Kunden mit dem erneuten Anstieg der Infektionszahlen seit gut 14 Tagen wieder verstärkt stornieren. „Die Leute haben Angst zu reisen",  sagt die Inhaberin. Sie sagt auch offen, dass sie Angst um die Existenz ihres Reisebüros habe. 

Im Kamenzer DER Deutsches Reisebüro hält derzeit Dana Koreng die Filiale am Laufen. Der Umsatzeinbruch sei dramatisch, aber unter dem Dach des Konzerns noch etwas besser zu verkraften, sagt sie. So wie in vielen anderen Reisebüros mit Angestellten gibt es Kurzarbeit.

Die befragten Reisebüros rechnen in diesem Jahr mit Umsatzeinbrüchen zwischen 70 und 90 Prozent. Um Kosten zu senken, reduzierten viele die Öffnungszeiten. Der Bundesverband der Deutschen Tourismuswirtschaft sieht deutschlandweit zwei Drittel der Firmen durch Insolvenz bedroht. Der Verband errechnete für die Branche einen Umsatzverlust von fast elf Milliarden Euro allein bis Mitte Juni durch ausgefallene Reisen.

Reisebüros bekommen nur für vermittelte Reisen, die auch wirklich stattfinden, Provision. Für die zeitintensive Betreuung von Kunden in Folge der Pandemie, einschließlich etlicher Rücksprachen mit den Reiseveranstaltern,  erhalten sie keinen einzigen Cent.  "Alles das ist sehr aufwändig, angefangen beim Flug über das Hotel  bis zu den Hygienebestimmungen", sagt Andrea Hoffmann vom gleichnamigen Bischofswerdaer Reisebüro.  So wie viele andere Reisebüro-Inhaber arbeitet sie seit Wochen nahezu für lau. Doch für die Betreuung nimmt sie sich Zeit, um ihre Kunden, die größtenteils Stammkunden sind, zufriedenzustellen und für eine korrekte Abwicklung der Reiseverträge zu sorgen. 

Geschäft mit Autobahn-Vignetten im Aufwind

Wie es  weitergeht, ist eine von vielen offenen Fragen. "Es ist unmöglich, Kunden einen Rat zu geben, weil morgen schon wieder alles anders sein kann", sagt Ria Meusel. Sie führt in Bischofswerda außer dem Reisebüro Unger auch eine Vertretung des ADAC. Zurzeit  realisiert sie den Hauptumsatz durch den Verkauf von Autobahn-Vignetten für Tschechien und Österreich. Die Nachfrage sei größer als in vergangenen Jahren. 

Ans Aufgeben denkt keiner der befragten Büroleiter. Einige beantragten Soforthilfe und haben sie auch bekommen. Damit werden aber nur die Betriebskosten abgedeckt,  nicht die Arbeit des Inhabers. Manch einer kann jetzt auf Rücklagen zurückgreifen, die er in den vergangenen Jahren bilden konnte.

Auch Burys am Schiebocker Markt sind entschlossen, weiterzumachen, trotz aller Schwierigkeiten. "Wirtschaftlich leiden wir nicht nur unter der Corona-Pandemie, sondern auch an den Folgen von Airline-Pleiten und am meisten an der Pleite des Thomas-Cook-Konzerns", sagen sie. Doch sie hoffen auf eine "neue Normalität" nach der Pandemie, um ihren Kunden auch in Zukunft die schönste Zeit des Jahres zu ermöglichen.  

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