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Was es kostet, wenn man nicht reist

Es sollte der erste Flug für die Heidenauer Familie werden. In der Tat könnte sie nach Mallorca fliegen. Will sie aber wegen Corona nicht. Und damit beginnt der Ärger.

Die Abflugtafeln auf den Flughäfen füllen sich wieder. Trotzdem wollen nicht alle reisen.
Die Abflugtafeln auf den Flughäfen füllen sich wieder. Trotzdem wollen nicht alle reisen. © dpa

Im Sommer entspannt in den Urlaub fahren. Das war einmal. Dieses Jahr wird aus der Frage "wohin reist du?" die Frage "reist du überhaupt?". Eine Heidenauer Familie hat die Frage für sich mit Nein beantwortet und steht nun vor etlichen Problemen.

Es sollte der erste Flug für die fünfjährige Tochter werden. Im Januar wurde der Pauschalurlaub für September auf Mallorca gebucht. Da war die Welt noch in Ordnung. Zwischendurch brachte Corona sie gehörig durcheinander. Nun kehrt zwar wieder Normalität ein, aber noch nicht auf der ganzen Linie. Auch wenn die Heidenauer Familie  theoretisch - aus jetziger Sicht - wieder reisen könnte, praktisch gibt es wohl auch im September noch Beschränkungen. "Es wird so oder so kein Urlaub, wie wir ihn vor einem halben Jahr für viel Geld gebucht haben", sagt der Familienvater. Deshalb sollte die Buchung rückgängig gemacht werden. 

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Die 169 Euro teure Reiseversicherung für drei Personen und sieben Tage löst die Probleme der Familie und vieler anderer nicht. Jetzt einfach nicht reisen zu wollen, ist kein Grund für eine kostenfreie Stornierung. Die Familie bleibt nun auf 441 Euro Stornokosten sitzen.

Die Rechnung über die 441 Euro Stornokosten.
Die Rechnung über die 441 Euro Stornokosten. © privat

Die Heidenauer wollen nicht aus Jux jetzt einfach zu Hause bleiben, sondern sie haben Gründe. "Wir haben aus Vernunft und Verantwortung, gerade gegenüber unserm Kind, storniert." Außerdem werde es - je länger man mit dem Stornieren wartet - teurer. Zudem werde nach wie vor vor Fernreisen gewarnt, und das deutsche Außenministerium hat inzwischen Rückholaktionen wie im März ausgeschlossen.  "Ganz zu schweigen von dem Risiko, sich auf dem Flug oder vor Ort anzustecken, in Quarantäne zu kommen oder das Virus vielleicht unbewusst wieder mit nach Deutschland zu tragen." Auch die nervliche Belastung, was mit der Reise wird, werde nicht weniger.  Für die Familie alles schwerwiegende Gründe, die sie gegen ihre Reise entscheiden ließen. 

Covid ändert den Spielraum

Damit wollte sie Gewissheit und auch die Chance auf einen doch noch erholsamen und sorgenfreien Urlaub in Deutschland. Doch nun muss sie gebeutelt von der langen Kita-Schließung und den damit entstehenden Problemen auch noch den Ausfall ihres ersten gemeinsamen Flugurlaubs in Kauf nehmen. "Zur Strafe für unsere Vernunft sind nun auch insgesamt mit der Rücktrittsversicherung 610 Euro weg. Wir sind leider keine Großverdiener, denen so eine Summe egal sein kann", sagt der Vater.

Von der Reise bleibt der Heidenauer Familie nur noch der Katalog.
Von der Reise bleibt der Heidenauer Familie nur noch der Katalog. © privat

Auch wenn subjektive Kriterien in der Regel keinen Spielraum für einen kostenfreien Rücktritt lassen, ändert die Covid 19-Pandemie das aus Sicht der Verbraucherschützer. "Eine erhöhte Gefahr der Ansteckung ist wissenschaftlich zwar noch nicht gesichert, dennoch geht die Erkenntnis anhand der weltweiten Statistiken von einer erhöhten Gefahr eines schweren Krankheitsverlaufes und somit von einer Gefahr für Leib und Leben aus", sagt Claudia Neumerkel, Referentin Recht bei der Verbraucherzentrale Sachsen. Diese Gefahr werde durch  Reisen in Länder mit hoher Infektionsrate, dramatischem Infektionsgeschehen und schlecht ausgestatteten Gesundheitssystemen deutlich erhöht. "Dem Reisenden bleibt daher nur der kostenfreie Rücktritt vom Vertrag aufgrund unabwendbarer außergewöhnlicher Umstände."

Was sind außergewöhnliche Umstände und wann kann kostenfrei storniert werden?

  • Solche Umstände, früher höhere Gewalt genannt, liegen vor, die sie sich auch durch alle zumutbaren Vorkehrungen hätten nicht vermeiden lassen. Das trifft für die Covid-19-Pandemie zu;
  • Eine Reisewarnung des Auswärtigen Amtes gilt als gesichertes und durch höchstrichterliche Rechtsprechung anerkanntes Indiz für eine erhebliche Beeinträchtigung der Reisedurchführung;
  • Quarantänemaßnahmen, Hotelschließungen und Flugausfälle beeinträchtigen die Reise ebenfalls erheblich;
  • Eine Warnung der Weltgesundheitsorganisation für den Bestimmungsort und den Weg dorthin ist ebenfalls ein wichtiges Indiz für eine erhebliche Beeinträchtigung;
  • Die Zugehörigkeit zu einer Risikogruppe gehört nach Auffassung der Verbraucherschützer auch dazu. Dies ist jedoch noch strittig. Auf jeden Fall sollte das Risiko durch einen Arzt attestiert werden.
Die Versicherung hat der Heidenauer Familie in ihrem Fall auch nicht geholfen.
Die Versicherung hat der Heidenauer Familie in ihrem Fall auch nicht geholfen. © privat

Die Heidenauer Familie versuchte vergeblich, sich mit dem Reiseveranstalter zu einigen. Das deckt sich mit den Erfahrungen von Claudia Neumerkel. "Kostenfreie Stornierungen von Pauschalreisen in Länder ohne aktuelle Reisewarnung bergen ein aufgrund der wirtschaftlichen Lage der Reisebranche großes Streitpotenzial", sagt sie und empfiehlt Reisenden, sich ausführlich zu informieren und bestenfalls juristische Hilfe zu holen.

Der Heidenauer Betroffene sagt: "Da werden Airlines gerettet, und die Reisebranche unterstützt, aber die Vernünftigen, die dem Tenor der meisten Politiker und Wissenschaftler folgen und dieses Jahr zur Sicherheit lieber zu Hause bleiben wollen, zahlen aktuell die Zeche." Er hat sich deshalb an den Tourismus-Ausschuss des Bundestags gewandt. 

Was sagt der Tourismus-Ausschuss des Bundestages?

"Die Verunsicherung vieler Reisender kann ich gut nachvollziehen", sagt Sprecher Marcel Klinge (FDP).  Dennoch: "Für gebuchte Reisen in Länder, die wieder geöffnet sind, gilt ein gültiger Vertrag." Viele Reisebüros und Reiseveranstalter sind seit Monaten unentgeltlich im Dauereinsatz, um Umbuchungen und Stornierungen vorzunehmen. Für sie sind zufriedene Kunden, die ihnen die Treue halten und neue Reisen buchen, das Wichtigste. "Allerdings befinden sich viele Reiseveranstalter durch die Corona-Pandemie in einer derart angeschlagenen Lage, dass Kulanz bei Stornierungen und Umbuchungen ohne Reisewarnungen wirtschaftlich schlichtweg nicht möglich ist." Die FDP fordert deshalb zum nachhaltigen Überbrücken der Krise einen Kreditfonds für die Reisebranche. Bekomme sie schnell finanzielle Unterstützung, könne sie sich auch gegenüber dem Kunden wieder kulanter zeigen, sagt Klinge. 

Neun Fragen - neun Antworten des Verbraucherschutzes

Was ist, wenn man kurz vor der Reise in Quarantäne muss und deshalb die Reise nicht antreten kann?

Das ist ein Hinderungsgrund aus dem persönlichen Bereich des Reisenden und kein Grund für eine kostenfreie Stornierung. Hier könnte aber eine Reiserücktrittsversicherung einspringen, sofern dieses Risiko versichert ist.

Wie ist das, wenn ich auf dem Flughafen nicht aus- bzw. einreisen darf, weil ich oder das Kind Schnupfen oder Fieber haben, ohne dass es eine Covid-Erkrankung ist?

Hier kommt es auf die Auswirkungen im Einzelfall an,  zum Beispiel, wie lange sich der Reisende im Transitbereich aufhalten musste und wann die Situation aufgeklärt war. Das Ergebnis eines Schnelltests, wenn es negativ ist, also keine Infektion vorliegt, ermöglicht ja dann die Einreise. Je nach Intensität und Dauer dieser Beeinträchtigung können die Ansprüche des Reisenden von null bis hundert Prozent variieren.

Welche Rolle spielen bei der Stornierung die Reisewarnungen?

Eine Pauschalreise kann auch ohne Vorliegen einer Reisewarnung storniert werden. Es kommt einzig allein darauf an, ob am Ziel unabwendbare außergewöhnliche Umstände auftreten, die die Reise erheblich beeinträchtigen. Die Reisewarnung ist nur ein Indiz dafür, wenngleich auch das stärkste, da gerichtlich anerkannt. Derzeit wird die Rechtslage jedoch aufgeweicht und es kommt auf den Einzelfall an. Was ist vereinbart, wohin geht die Reise, welche Reiseform ist gewählt, wer sind die Reisenden etc. Aktuell gibt es da noch viele Fragezeichen. 

Welche  Rolle spielt, dass die Reise unter anderen  Voraussetzungen gebucht wurde?

Eine große Rolle, sofern es sich um tatsächliche Reisemängel handelt. Bei bloßen Unannehmlichkeiten, wie Flatterbändern, Abstand halten, à la Carte statt Buffet, Schlange stehen an Sehenswürdigkeiten etc., hat der Reisende keine Ansprüche. Ist der Pool gesperrt, findet die vereinbarte Veranstaltung nicht statt oder führen sehr viele kleine Unannehmlichkeiten dazu, dass der Urlaub darunter erheblich leidet, können Mängel vorliegen und der Kunde kann mindern. Für eine kostenfreie Stornierung ist das alles aber kein Grund. 

Wie wird das allgemeine Risiko bewertet, sich auf der Reise anzustecken?

Das fällt in die Kategorie erhöhtes Risiko. Das ist  jedoch ein sehr kontrovers diskutiertes Thema, sagt Claudia Neumerkel. "Gerichtliche Urteile gibt es noch nicht, es bleibt abzuwarten, wie sich die Rechtsprechung entwickelt."

Ist Quarantäne bei Einreise ins Urlaubsland oder Rückkehr ein Grund für eine kostenlose Stornierung? 

Ja, aber nur bei Einreise ins Reiseland und nur bei Pauschalreisen.

Was decken Reiseversicherungen ab und was prinzipiell nicht?

Reiseversicherungen decken nur die versicherten Risiken ab, wie Krankheit, Tod eines nahen Angehörigen oder Verlust des Arbeitsplatzes. Infizieren sich Reisende vor Reiseantritt mit dem Coronavirus, gilt das zunächst als unerwartet schwere Erkrankung und ist durch die Reiserücktrittsversicherung abgedeckt, es sei denn, Pandemie-Erkrankungen sind ausdrücklich ausgeschlossen. Deshalb sind zwingend die Versicherungsunterlagen zu prüfen.

Was raten Sie Reisenden wie der Heidenauer Familie?

Kunden sollten immer mit dem Veranstalter in Kontakt treten und einvernehmliche Alternativen, wie Umbuchungen besprechen. Reisebüros sind nur die Vermittler der Reise, der Reisevertrag kommt mit dem Veranstalter zustande. 

Wie sicher sind Gutscheine?

Der Kunde kann nicht gezwungen werden, Gutscheine anzunehmen. Er hat ein Wahlrecht, auf das der Veranstalter ihn hinweisen muss. Im Insolvenzfall sollen die  Gutscheine durch den Staat abgesichert sein. Der Gesetzentwurf dazu ist jedoch noch nicht verabschiedet.

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