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Auf Vorrat arbeiten – früher aussteigen

Jeffrey Barwisch hat beim Arbeitgeber ein Lebensarbeitszeitkonto, auf dem er Zeit und Gehalt anspart. Ein Modell, das Träume erfüllt.

Erinnerungen an seine mehrwöchige Reise nach Asien hat Jeffrey Barwisch aus Dresden auf Fotos gebannt. Dank des Lebensarbeitszeitkontos hatte er bezahlt frei.
Erinnerungen an seine mehrwöchige Reise nach Asien hat Jeffrey Barwisch aus Dresden auf Fotos gebannt. Dank des Lebensarbeitszeitkontos hatte er bezahlt frei. © Matthias Rietschel

Türkisblaues Meer, Bilderbuchstrand und sattgrüner Dschungel – für ihre Auszeit hatten sich Jeffrey Barwisch und seine Freundin ein kleines Paradies ausgesucht. Die thailändische Insel Koh Chang lässt keine Aussteigerwünsche offen. „Traumhaft, wir haben einfach die Seele baumeln lassen“, sagt der 32-Jährige. Die beiden Dresdner, die sonst mitten im Berufsleben stehen, waren mehrere Wochen unterwegs – nicht nur in Thailand, auch in Vietnam und Kambodscha. Barwischs Augen leuchten, wenn er von der Reise erzählt.

Einen großen Anteil daran, dass er sich diesen großen Traum erfüllen konnte, hat sein Arbeitgeber, die Techniker Krankenkasse (TK). Denn diese bietet ihren Mitarbeitern die Chance, Urlaubstage und Geldbeträge über einen längeren Zeitraum anzusparen, um sie später für eine – bezahlte – Freistellung zu nutzen. Das Interesse an dem sogenannten Lebensarbeitszeitkonto ist groß. „Während jüngere Mitarbeiter wie Barwisch den Fokus darauf legen, Eltern- oder Urlaubszeiten zu verlängern, haben Ältere im Blick, durch das Modell früher in Rente zu gehen“, erklärt Thomas Otto aus der Personalabteilung.

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Die TK war 2006 eines der ersten Unternehmen im Land, die das Lebensarbeitszeitkonto einführten. Wie viele bisher dazu gekommen sind, ist nicht genau zu beziffern. Umfragen gehen von zwei bis fünf Prozent der Unternehmen aus. Viele sind das nicht, dabei hat theoretisch jede Firma die Möglichkeit dazu. Auch ein Tarifvertrag kann so ein Modell vorsehen. Verbreiteter sind in Deutschland sogenannte Kurzzeitkonten – Gleitzeit-, Überstunden- oder Flexikonten –, bei denen ein Ausgleich innerhalb des Jahres stattfinden muss.

Die Hauptbeweggründe der TK waren damals die Erhöhung des Rentenalters auf 67 Jahre und das Auslaufen des Altersteilzeitmodells, sagt Otto. „Zudem wollten wir eine Möglichkeit anbieten, sich während des Beschäftigungsverhältnisses Freiräume für Sabbaticals oder zur besseren Vereinbarkeit von Familie und Beruf zu schaffen.“ Nicht zuletzt sei es bis heute ein attraktives Angebot, das hilft, sich bei der Suche nach Fachkräften gegenüber anderen Firmen durchzusetzen. Daher werde das Modell bei Vorstellungsgesprächen offensiv angesprochen. Viele Bewerber würden es gar nicht kennen und deshalb auch nicht konkret danach fragen, sagt Otto, der bereits vor seiner Tätigkeit bei der TK mehrere Unternehmen dazu beraten hat.

Jeffrey Barwisch hat erst nach seinem Einstieg bei der TK von dem Lebensarbeitszeitkonto erfahren. Heute sei das Angebot für ihn ein Grund, bis zur Rente bei der Kasse zu bleiben. Die soll nach seinen Vorstellungen auch nicht erst mit 67 beginnen. „Mein langfristiges Ziel ist, eher auszusteigen, um Zeit für die Familie zu gewinnen“, sagt der Sachbearbeiter, der im Bereich der Pflegeversicherung tätig ist.

Doch wie funktioniert das Modell des Lebensarbeitszeitkontos genau? Grundlage dafür ist das sogenannte Flexi-Gesetz von 1998 zur sozialrechtlichen Absicherung flexibler Arbeitszeitregelungen. Das System ist relativ einfach: Mitarbeiter sparen auf einem Konto Stunden und Geldbeträge an, um sie später für eine Freistellung zu nutzen. Sie arbeiten sozusagen auf Vorrat. Die Teilnahme ist freiwillig.

Geführt werden die Konten in Geld, das in einen Zeitanspruch umgerechnet wird – das gibt die Flexi-II-Regelung von 2009 so vor. Das bedeutet auch: Steigt der Stundenlohn im Laufe der Zeit etwa durch Tariferhöhungen an, kann dadurch der Zeitanspruch in der Freistellungsphase sinken. Verzinst werden die Guthaben in der Regel durch externe Anlagen, was die Risiken minimiert beziehungsweise das Ganze für den Betrieb besser kalkulierbar macht.

Bei der TK ist es etwas anders, da sie das Lebensarbeitszeitkonto bereits vor der Gesetzreform angeboten hat. Hier gilt ein Bestandsschutz. Das heißt, Konten dürfen in Geld oder Zeit geführt werden. Bei der weiteren Gestaltung haben die Unternehmen freie Hand. Nur eines gilt für alle: „Ausgezahlt“ werden die Konten in Zeit, wobei die Mitarbeiter in der Freistellungsphase ihr übliches Gehalt weiter beziehen. Ein reiner Geldanspruch entsteht nicht. „Das könnten manche als Wermutstropfen werten“, sagt Otto. „Am Ende profitieren aber beide Seiten.“

Das Modell der Techniker Krankenkasse ist flexibel. Vor Kurzem hat das Unternehmen dafür einen Sonderpreis für „Demografiebewusstes Personalmanagement“ erhalten. So können Mitarbeiter Teile ihres Gehalts oder Prämien, aber auch Urlaubstage oder angeordnete Überstunden auf ihr Konto einzahlen. „Da die Konten bei uns in Zeit geführt werden, werden Geldeinheiten zum aktuellen Stundensatz in Zeit umgerechnet“, erklärt Otto.

Und auch das ist grundsätzlich bei einem Lebensarbeitszeitkonto möglich: Ein Mitarbeiter kann den Freistellungswunsch verlängern, indem er sich in dieser Zeit nur einen Teil, mindestens aber 70 Prozent des normalen Gehaltes auszahlen lässt. Oder aber er lässt sich bis zu 130 Prozent auszahlen und nimmt dafür eine verkürzte Freistellung in Kauf. Und die Beiträge zur Rentenversicherung? „Die richten sich nach dem Entgelt, das tatsächlich fließt“, sagt Otto. Wenn in einem Monat ein Teil des Gehalts auf dem Lebensarbeitszeitkonto angespart und damit weniger ausgezahlt wird, sinken entsprechend auch die Renteneinzahlungen. Das wird dann aber während der Freistellungsphase nachgeholt.

Jeffrey Barwisch hat klein angefangen, mal hier und da einige Überstunden angesammelt, ohne konkretes Ziel vor Augen. Als der Traum von der Asien-Reise realer wurde, brachte er eine Sonderzahlung ein, und schließlich entschied er sich, ein Jahr lang auf zehn Prozent seines Gehalts zu verzichten. Am Ende hatte der 32-Jährige in überschaubarer Zeit sieben Wochen Freizeit angespart.

Weil er noch einige Urlaubstage dazunahm, konnte er sich für 2,5 Monate freistellen lassen. „Das Positive war, dass ich mein volles Gehalt in dieser Zeit weiter bekommen habe. Die Fixkosten hier daheim waren während der Reise also gedeckt“, sagt Barwisch. Seine Lebensgefährtin hatte mit ihrem Chef ebenso eine mehrwöchige Auszeit vereinbaren können – in ihrem Fall jedoch unbezahlt.

Der große Pluspunkt bei einem Lebensarbeitszeitkonto ist, dass Beschäftigte nicht vorab festlegen müssen, wofür die angesparte Freizeit verwendet werden soll, erklärt Otto. „Allerdings sollte der Vorgesetzte früh genug, mindestens drei Monate vorher, über Auszeitpläne informiert werden.“ Ohnehin sei anzuraten, dass der Arbeitgeber über die jeweiligen Zeitguthaben seiner Mitarbeiter informiert ist. Schließlich sei davon auch die Planung abhängig, wer die Aufgaben des Kollegen während der Freistellung übernehmen soll.

Vom Gesetzgeber vorgeschrieben ist auch die Möglichkeit, mit dem angesparten Zeitguthaben einen Übergang in die Ruhestandszeit zu finanzieren. Das erlaubt verschiedene Gestaltungsmöglichkeiten. Angenommen, jemand muss bis 67 arbeiten, um ohne Abzüge in Rente gehen zu können. Während seines Arbeitslebens schafft er es, drei Jahre Zeitvorrat anzusparen. Dann kann er also mit 64 Jahren als passiver Angestellter in die Freistellung gehen und bis zum Rentenbeginn sein volles Gehalt weiter beziehen. Der große Vorteil dabei: Der Mitarbeiter ist weiter kranken- und pflegeversichert. Möglich ist zum Beispiel aber auch, in den letzten Arbeitsjahren nur noch in Teilzeit arbeiten zu gehen und den Rest mit dem Guthaben auf dem Zeitkonto aufzufüllen – und damit weiter das volle Gehalt zu bekommen.

Doch was passiert mit dem Lebensarbeitszeitkonto, wenn ein Mitarbeiter den Job wechseln möchte? „Grundsätzlich besteht die Möglichkeit, das Guthaben auf einen neuen Arbeitgeber zu übertragen, natürlich nur, wenn dieser auch ein Lebensarbeitszeitkonto anbietet“, sagt Thomas Otto. Ist das nicht der Fall, könne das Konto unter bestimmten Voraussetzungen bei der Deutschen Rentenversicherung fortgeführt werden. Dafür muss das Wertguthaben einen bestimmten Grenzbetrag überschreiten. Daneben besteht im Ausnahmefall auch die Möglichkeit einer Auszahlung. „Dann werden jedoch sofort die aufgesparten Sozialversicherungsbeiträge fällig“, sagt Otto. Im Fall einer Insolvenz ist das Zeitguthaben geschützt, denn Arbeitgeber müssen sich laut Gesetzgeber dagegen absichern.

Jeffrey Barwisch kennt niemanden in seinem Bekanntenkreis, der auch nur ein ähnliches Angebot von seinem Arbeitgeber bekommt. In Zukunft will er sein Konto auch wieder regelmäßig bestücken. Statt einer großen Reise wünsche er sich nun, so mehr Zeit für die Familie zu gewinnen – am liebsten für eine eigene.

Die Serie:

  • Teil 1 am 11. Juli: So verstehen Sie Ihre Renteninformation
  • Teil 2 am 18. Juli: Die Rente vorziehen – mit welchen Abzügen muss ich rechnen?
  • Teil 4 am 1. August: Mehr Freizeit durch Altersteilzeit – welche Folgen hat das Modell für Gehalt und Rente?
  • Teil 5 am 8. August: Mit Sonderzahlungen die späteren Rentenabzüge mindern – für wen lohnt sich das und was kostet das?
  • Teil 6 am 15. August: Rente bei Schwerbehinderung – wann ist ein früherer Jobausstieg möglich und mit welchen Einbußen ist zu rechnen?

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