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Reporter auf Lebenszeit

Heinz Fiedler erhält den Kunst- und Kulturpreis der Stadt Freital. Und denkt noch lange nicht an den Ruhestand.

© Oberthür privat

Von Thomas Morgenroth

Ein Polizist mit Pickelhaube und Schlagstock ordnet mit erhobener Hand eine herandrängende Menschenmenge vor dem Eingang eines Hauses mit großen Schaufenstern. Das Ziel der Damen und Herren ist die „Grosse Weihnachts-Ausstellung der Firma A. verw. Paul“ im Rathaus Potschappel. Freilich geht es da nicht um eine museale Präsentation heimischer Volkskunst, sondern um Kamelhaardecken, Korsetten, Ballschals, Gamaschen oder Unterhosen zu „bekannt billigen und festen Preisen“.

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Immer am Ball: 1950 ist Heinz Fiedler als Reporter bei einem Fußballspiel im Hainsberger Stadion.
Immer am Ball: 1950 ist Heinz Fiedler als Reporter bei einem Fußballspiel im Hainsberger Stadion. © Oberthür privat

Diese halbseitige Anzeige entdeckte der Freitaler Journalist Heinz Fiedler in diesen Tagen im Lokalblatt „Glückauf“ vom 6. Dezember 1913. „Das kannte ich noch nicht“, sagt der 88-Jährige und blättert begeistert in dem vergilbten „Anzeiger für den Plauenschen Grund und dessen Umgebung“, im Volksmund damals liebevoll „Muhme“ genannt. Während es auf dem Titel um ein Misstrauensvotum gegen den Reichskanzler geht, bittet Anstandslehrer Kipping auf der letzten Seite zum „Tanzkursus“ in den Potschappler Saal „Zur frohen Schicht“.

Für Fiedler ist die Zeitung von einst ein unerschöpflicher Quell von Informationen und Inspiration für seine Heimatgeschichten, die er jede Woche für die Freitaler Ausgabe der Sächsischen Zeitung schreibt. Mit flüssiger Handschrift, die nur er selbst lesen kann. Seine Texte diktiert er wie seit Jahrzehnten der Sekretärin. Einen Computer nutzt Fiedler nicht, auch keine Schreibmaschine, denn die, meint er schmunzelnd, sei ja nicht mehr modern.

Heinz Fiedler, am 1. August 1927 in Coßmannsdorf im Haus seiner Großeltern geboren, ist der älteste und dienstälteste Reporter der Sächsischen Zeitung. 1948 schreibt er als Volontär für die Lokalausgabe Freital seinen ersten Beitrag: „Hainsberg ist winterfest“. Zunächst eine berufliche Notlösung für den jungen Mann, der eigentlich zum Rundfunk will: „Ich hing als Kind und Jugendlicher bei Reportagen oder Nachrichten wie gebannt vor dem Volksempfänger.“ Seine Eltern, Vater Walter ist Schlosser, Mutter Elsbeth Spinnerin, hätten ihn allerdings am liebsten als Bankangestellten der Sparkasse gesehen.

Zwei Jahre Zuchthaus

Er wird Journalist, aber kaum, dass er bei der Sächsischen Zeitung Fuß gefasst hat, ist es mit seiner Karriere dort zunächst vorbei. Heinz Fiedler wird 1952 von der Staatssicherheit verhaftet, weil er einen Kollegen nicht denunziert hatte, der einen kritischen Beitrag, den die Sächsische Zeitung ablehnte, im Westen veröffentlichte. Fiedler bleibt 32 Wochen in Einzelhaft, wird schließlich zu zweieinhalb Jahren Zuchthaus verurteilt und fünf Jahren Sühnemaßnahmen, zu denen ein Berufsverbot gehört. Zwei Jahre sitzt er ab, in Waldheim und im „Gelben Elend“ in Bautzen.

Über diese Zeit spricht Heinz Fiedler wenig, lieber über das, was danach kommt. Weil ihm der Rundfunk nunmehr unerreichbar ist, greift er auf der Bühne zum Mikrofon. Nicht zum ersten Mal: Schon kurz nach Kriegsende hatte sich Fiedler mit der Organisation und Moderation allseits beliebter Veranstaltungen wie „Hainsbergs klingende Illustrierte“ einen Namen gemacht. Nun hebt er zehn Jahre später in den Ballsälen Coßmannsdorf „Hainsberg vor dem Mikrofon“ und „Hainsberg prominent“ aus der Taufe, lockere Runden etwa mit dem Heimatfreund Arthur Lohse, dem Kantor und Chorleiter Kurt Hasse oder dem Kameraproduzenten Karl Pouva.

Die SED-Kreisleitung allerdings ist nicht amüsiert, ein ehemaliger „Zuchthäusler“ habe auf der Bühne nichts zu suchen. Aber Heinz Fiedlers Siegeszug ist nicht mehr aufzuhalten. Nach einem Intermezzo als Buchhändler bei Pfennig in Laubegast und Kultursachbearbeiter des VEB Möbelindustrie Oelsa-Rabenau wird Fiedler freischaffend als Moderator und Autor. Und er arbeitet wieder als Journalist: Ab 1957 schreibt er für die Freitaler Ausgabe der Sächsischen Zeitung seine feuilletonistischen Wochenendreportagen und kritischen Kommentare in der Rubrik „Auf ein Wort“.

Zudem ist Fiedler in Dresden als Stadtreporter unterwegs, im Zoo, im Botanischen Garten, in Museen und im Café Prag. Er berichtet über mehr als sechzig Zirkuspremieren, über die Vogelwiese und pikst als „Elbmücke“ in der Dresdner Stadtrundschau in kleinere und größere wunde Stellen des städtischen Lebens.

Als Fiedler, der ein großer Filmfreund ist, in Dresden den Ufa-Star Marianne Hoppe interviewt, regt ihn das zu seiner Serie „Zelluloiderinnerungen“ an, die bis heute erscheint und eine weltweite Fangemeinde hat. Und ihm freundschaftliche Begegnungen mit dem Schauspieler Johannes Heesters einbrachte, den Fiedler mehrmals interviewte.

In den Siebzigern geht Heinz Fiedler mit den „Vier Brummers“ auf ausgedehnte Tourneen und begleitet die „Stahlspritzer“, ein von ihm hoch geschätztes Amateurensemble der heiteren Muse, seit deren Gründung publizistisch. Fiedler ist ein vielbeschäftigter Mann. Allein in Freital moderiert er mehr als zweitausend Veranstaltungen im Goldenen Löwen, im BC Hainsberg, im Kulturhaus oder im Klubhaus der Edelstahlwerker. Darunter 114 Folgen „Der prominente Gast“, zum Beispiel mit Armin Mueller-Stahl, Peter Schreier, Herbert Köfer oder Helga Hahnemann, und 70 Folgen „Mit der Staatskapelle unterwegs“ – und immer in ausverkauften Sälen.

Als wäre das nicht genug, wird Heinz Fiedler 1959 Präsident des Elferrates in Hainsberg und bleibt es bis 1992. Der Karneval in den Ballsälen setzt Maßstäbe in der sächsischen Faschingsbewegung, und der von Fiedler geschriebene Faschingsschlager „Im Jahre 3000“ schafft es 1987 sogar auf eine Amiga-Schallplatte. Heute lässt er sich nur noch selten beim Fasching blicken, der Trubel, meint er, sei ihm einfach zu viel.

Mitte Januar aber musste er ihn aushalten, obwohl gar kein Karneval war: Oberbürgermeister Uwe Rumberg überreichte Heinz Fiedler beim Neujahrsempfang den Kunst- und Kulturpreis der Stadt Freital. Diese Anerkennung, die mit 3 000 Euro dotiert ist, wird seit 1999 an Einzelpersonen oder Vereine vergeben. Über die Preisträger entscheidet der Stadtrat.

Für Heinz Fiedler ist der Preis kein Grund, sich zur Ruhe zu setzen: Seine Arbeit für die Sächsische Zeitung will Fiedler, der mit seiner Frau Eveline in Deuben wohnt, nicht missen. „Der Mensch braucht eine Aufgabe“, meint er. Und so berichtet er über die Veranstaltungsreihe „Gute Laune“ im Stadtkulturhaus, da war er als Reporter schon 1969 bei der Premiere dabei, über Filmstars verflossener Zeiten und schreibt Geschichten zur Geschichte seiner Heimat.