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Retourkutsche für Nachbarin?

Ein Mann aus Tharandt soll seiner Nachbarin mutwillig das Auto zerkratzt haben. Zeugen beschreiben Skurriles.

© Symbolbild/dpa

Der erste Eindruck, den Gerhard S. bei Gericht erweckt, ist nicht der beste. Wenig höflich stellt er gleich zu Beginn der Verhandlung infrage, dass die Richterin die Akte im Vorfeld überhaupt aufmerksam gelesen hat.

 Obwohl Richterin Daniela Höllrich-Wirth dem 67-jährigen Deutschen umgehend klar macht, dass sein Ton nicht gut ankommt, lässt dieser sich davon wenig beeindrucken. Die Frage nach Personalien, wie Familienstand und Beruf, beantwortet er nur kurz darauf mit: „Ist das so wichtig?“

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Dabei ist der Rollstuhlfahrer durchaus gerichtserfahren, allerdings auf zivilrechtlicher Ebene. Da prozessierte er schon mehrmals gegen seine Nachbarn. Nun allerdings muss er sich vorm Strafrichter verantworten. Vorgeworfen wird Gerhard S. Sachbeschädigung. Er soll sich im vergangenen Jahr am 15. Juli um 3.44 Uhr nachts am Auto seiner Nachbarin zu schaffen gemacht haben, mutmaßlich mit einem spitzen Gegenstand. Beide Seiten des Fahrzeugs zieren seitdem lange und tiefe Kratzer. Schaden: rund 2 600 Euro.

Der Aktenlage zufolge gebe es aber keinerlei Hinweise darauf, dass sein Mandant das getan haben soll, erklärt der Verteidiger des Mannes daraufhin. Dies seien reine Behauptungen und durch nichts bewiesen, argumentiert er weiter.

Auch der Angeklagte selbst bestreitet vehement, das Auto beschädigt zu haben. Für seine Unschuld gebe es auch Beweise. Am Vortag der Tat, so erzählt er dann, sei er zusammen mit seiner Lebensgefährtin nach Stendal gefahren, um dort eine Kommode abzuholen.

Nach 18 Uhr habe man sich auf den Weg zurück nach Tharandt gemacht, jedoch nicht, ohne vorher noch einmal den Wagen zu tanken. Eine Tankquittung belegt das auch. „Gegen 23 Uhr waren wir wieder zu Hause“, erklärt er.

Den Anhänger mit der Kommode habe er in die Garage rangiert, wo er und seine Freundin das Möbelstück dann auch abgeladen hatten. Nachdem er etwas gegessen hatte, war Gerhard S. in der Nacht noch einmal losgefahren, um den Hänger an der Tankstelle abzugeben, wo er ihn ausgeliehen hatte. Auch darüber gibt es eine Quittung.

„Um 2.12 Uhr war ich wieder zu Hause, wo ich dann noch schnell in den Briefkasten gesehen habe“, betont er. Und auch das sei belegbar, denn seine hauseigene Videoüberwachung zeigt, wie er ins Haus geht und dieses bis zum nächsten Morgen nicht mehr verlässt.

Nachts sehr aktiv

Doch ganz so einfach liegen die Dinge nicht. Ein Nachbar bestätigt zwar, dass der Angeklagte mehrere Videokameras rund um sein Haus montiert hat, jedoch glaubt er nicht, dass diese jeden Hausausgang erfassen. Es könne also durchaus möglich sein, dass S. das Haus doch noch einmal verlassen hatte. Und das womöglich sogar zu Fuß. Denn so bewegungseingeschränkt, wie es nach außen hin den Eindruck macht, sei S. gar nicht. „Er kann schon auch ohne Rollstuhl“, sagt der Zeuge. Überdies werde der Angeklagte erst meist sehr spät am Tag aktiv. „Tagsüber sieht man ihn kaum, aber nachts ist er dann unterwegs“, erzählt der Handwerker. Auch habe er schon beobachten können, wie S. nachts an seinen Kameras hantierte oder Leitungen auf dem Garagendach verlegte.

Warum der Angeklagte das Auto seiner Nachbarin beschädigt haben soll, darüber kann der Mann nur mutmaßen. Er denkt, dass gerichtliche Auseinandersetzungen wegen Bäumen, die zu nah an S. Grundstücksgrenze stehen sollen, den Anlass zu solch einer Aktion gegeben haben. Er selbst hatte von der Tat nichts mitbekommen.

Da die Geschädigte am ersten Verhandlungstag verhindert war, muss in der Sache weiter verhandelt werden. Ein Urteil wird Ende Juni erwartet.

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