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"Retter müssen mit dem Schlimmsten rechnen"

Der Unfall auf der B 101 bei Frauenhain ging auch an den Rettungskräften nicht spurlos vorbei. Notfallseelsorger kamen zum Einsatz.

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Daniela Jander-Vanselow vom Notfallseelsorge-Team zieht ihre Weste an, wenn sie gerufen wird.
Daniela Jander-Vanselow vom Notfallseelsorge-Team zieht ihre Weste an, wenn sie gerufen wird. © privat

Meißen.  Die Bilder von den vier Schwerverletzten und dem 18-Jährigen, der am Wochenende bei dem Unfall auf der B 101 im Waldstück Pfeifholz ums Leben kam, haben sich bei manchen Feuerwehrleuten, die zu Hilfe eilten, eingebrannt. Sie mussten von Notfallseelsorgern betreut werden. Im Landkreis Meißen wird das Kriseninterventionsteam von der Diakonie Riesa-Großenhain und dem DRK Radebeul geleitet. Die SZ sprach mit der Großenhainer Notfallseelsorgerin Daniela Jander-Vanselow.

Frau Jander-Vanselow, haben Sie es schon mal erlebt, dass Sie Feuerwehrleute betreuen mussten?

Ja, ich habe es selbst schon einmal erlebt. Es war auch bei einem Verkehrsunfall. Der Feuerwehrmann, um den ich mich gekümmert habe, war als Erster am Unfallort und musste einen Toten im Auto bergen. Und dabei hatte er Bilder gesehen, die man nur schwer aus dem Kopf bekommt.

Wie helfen Sie dann konkret?

Mit Gesprächen. Das hilft am besten, solche Extremfälle zu verarbeiten. Zudem geben wir Kontaktdaten von verschiedenen Diensten weiter, wenn es Anzeichen dafür gibt, dass eine psychologische Betreuung für die Rettungskräfte notwendig ist.

Wer benachrichtigt die Notfallseelsorger?

Normalerweise werden wir über die Leitstelle Dresden informiert. Sie erhält den Hinweis vom Notarzt, der Polizei oder der Feuerwehr, wenn Angehörige von Verunglückten oder auch, wie jetzt in Frauenhain, Einsatzkräfte betreut werden sollen.

Worin unterscheidet sich die Notfallseelsorge für Feuerwehrleute von der Betreuung für Angehörige?

Das ist schon was anderes. Feuerwehrleute müssen immer damit rechnen, dass sie bei ihren Einsätzen auch unschöne Bilder sehen. Sie wissen bei ihrer Aufgabe, auf was sie sich einlassen, aber nicht, was sie vor Ort erwartet. Deshalb gibt es bei uns noch mal eine gezielte Ausbildung für die Seelsorge für Einsatzkräfte.

Seelsorge verbinden viele mit Pfarrern.

Ist gut möglich. Ausschlaggebend war vor vielen Jahren der Amoklauf am Meißner Gymnasium. Daraufhin hatten sich mehrere Pfarrer zusammengeschlossen und die Notfallseelsorge im Landkreis Meißen ins Leben gerufen. Mittlerweile gehören auch Sanitäter, Feuerwehrleute, Verwaltungsmitarbeiter und Sozialarbeiter dazu. Momentan sind wir über 30 ehrenamtliche Helfer. Wir tragen uns in einen Dienstplan ein und halten uns zwei bis dreimal pro Monat für den Ernstfall bereit.

Wie oft wird das Kriseninterventionsteam im Landkreis Meißen gerufen?

Im Durchschnitt etwa 60 Mal im Jahr. Also einmal pro Woche. Aber das ist auch von Jahreszeiten abhängig. Die Zeit von Oktober bis März ist ja eher eine düstere Zeit. Da hat man gehäufter mit Suiziden zu tun. Verkehrsunfälle können einen das ganze Jahr einholen.

Reichen da 30 Leute überhaupt aus?

Wir sind immer dankbar darüber, wenn sich mehr Leute für dieses Ehrenamt interessieren.

Wer kann Notfallseelsorger werden?

Wer das machen möchte, sollte schon ein paar Voraussetzungen mitbringen. Notfallseelsorger sollten Empathie ausstrahlen, kommunikativ sein und im Nachhinein mit der Problemlage auch persönlich umgehen können.

Sind diese Einsätze nicht auch für die Seelsorger belastend?

Das kommt auf jeden selber an. Ich sehe meinen Einsatz als eine Art Rolle. Wenn ich meine Weste von der Notfallseelsorge nach einem Einsatz ausziehe, kann ich wieder gut aus dieser Rolle herauskommen.

Gespräch: Jörg Richter

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