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Retter sind nicht immer schnell genug

In Dresden erreicht nicht jeder Krankenwagen den Patienten rechtzeitig. Das liegt nicht nur am Verkehr.

Nicht immer erreicht der Rettungsdienst die Patienten in Dresden in der vorgeschriebenen Frist.
Nicht immer erreicht der Rettungsdienst die Patienten in Dresden in der vorgeschriebenen Frist. © Archiv/Roland Halkasch

Die Sirenen heulen, das Blaulicht rotiert, doch der Rettungswagen bremst. Die Sanitäter quälen sich im Schritttempo über die Schweriner Straße. Autos blockieren den Weg, warten dicht an dicht vor der roten Ampel. Den Rettungskräften geht an diesem Sonntagnachmittag wertvolle Zeit verloren. Der Verkehr ist allerdings nur ein Grund, warum Krankenwagen in Dresden zu spät beim Patienten ankommen.

Zwar können sich die Dresdner auf den Rettungsdienst mehr verlassen als beispielsweise die Chemnitzer oder Leipziger. Denn bei 90 Prozent aller Einsätze im vergangenen Jahr vergingen zwischen dem Notruf, dem Sprung in den Rettungswagen und der Fahrt zum Patienten höchstens zwölf Minuten. Das ist die gesetzliche Hilfsfrist. Länger sollten Menschen in Not nicht warten müssen.

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In Chemnitz und Umgebung wurde die Zwölf-Minuten-Regel dagegen nur zu 84 Prozent eingehalten, in Leipzig lediglich zu 65 Prozent, wie das sächsische Innenministerium auf Anfrage der Landtagsabgeordneten Susanne Schaper (Linke) mitteilt.

Dennoch hat auch Dresden das Ziel verfehlt, da die Frist jährlich nur bei fünf Prozent der Einsätze überschritten werden darf. Woran liegt es, dass dies doch häufiger passiert? Die verschiedenen Dresdner Rettungswachen seien strategisch so gewählt, dass man von ihnen aus die dazugehörigen Gebiete innerhalb von zwölf Minuten erreichen kann, erklärt René Fleischer vom Malteser Hilfsdienst. Er betreibt die Wachen zusammen mit der Berufsfeuerwehr, dem Deutschen Roten Kreuz und dem gemeinnützigen Unternehmen GARD. Manchmal komme es aber vor, dass alle Rettungswagen einer Wache im Einsatz seien, so Fleischer. Gehe dann ein weiterer Notruf ein, müssten Krankenwagen anderer Wachen einspringen. Diese seien dann länger zum Einsatzort unterwegs, da sie eine größere Strecke zurücklegen müssten. Hinzu komme dann noch die Verkehrssituation.

Dabei können wenige Minuten ein Menschenleben ausmachen, wie Ärzte kürzlich feststellten. Demnach glückten Wiederbelebungsversuche in knapp 13 Prozent der Fälle, wenn der Rettungsdienst nach reichlich einer Minute da war. Trafen die Helfer erst nach knapp zehn Minuten ein, überlebten nur 6,4 Prozent der Patienten mit Herz-Kreislauf-Stillstand, schreiben die Mediziner, nachdem sie im vergangenen Jahr mehr als 10 000 Patientendaten aus dem Deutschen Reanimationsregister untersucht hatten. Wäre es da nicht sinnvoll, mehr Wachen zu bauen?

Genau das macht die Landeshauptstadt seit der Wende. Geld sei nicht das Problem, sagt der ärztliche Leiter des Dresdner Rettungsdienstes, Wladimir Haacke. Geeignete Grundstücke zu finden, dauere aber viele Jahre. Nicht jeder wünsche sich in seiner Nachbarschaft eine Wache, aus der Tag und Nacht Krankenwagen mit Blaulicht und Sirene fahren. Zwölf neue Wachen sind bereits gebaut worden, unter anderem an den Stadträndern in Klotzsche und Schönfeld-Weißig. Nur deshalb stehe Dresden sachsenweit besser da als andere Kommunen, was die Erfüllung der Hilfsfrist angehe. Haacke habe damit gerechnet, dass die Stadt schon eher das 95 Prozent-Ziel erreiche. Doch das Bevölkerungswachstum und die Eingemeindungen seit der Wiedervereinigung machten nun weitere vier Wachen nötig.

Tatsächlich ist die Zahl der Rettungseinsätze in den vergangenen Jahren mehr und mehr gestiegen. Im vergangenen Jahr rückte der Rettungsdienst insgesamt 149 512 Mal aus. Vor zehn Jahren waren es noch etwa 26 000 Einsätze weniger. Mehr Menschen bedeuten mehr Notfälle und mehr Einsätze. Hinzu kommt, dass der Anteil hochbetagter Menschen steigt. Und Knochenbrüche, Herzinfarkte und Kreislaufzusammenbrüche sind im Alter häufige Gesundheitsprobleme. Aber auch Notrufe, die diesen Namen eigentlich nicht verdient haben, erreichen die Leitstelle immer häufiger. Der Rettungsdienst als Tor zum schnellen und bequemen Arzttermin – diese Vorstellung habe sich in den letzten Jahren durchaus verfestigt.

Das sei aber das System, so Haacke. Würde die Kassenärztliche Vereinigung nicht nur abends einen Bereitschaftsdienst anbieten, sondern 24 Stunden am Tag, gebe es sowohl Notärzte und einen fahrenden Hausarzt. René Fleischer wäre schon froh, wenn der Bereitschaftsdienst bekannter wäre. Dann würden vielleicht mehr Menschen dort einen Mediziner aufsuchen. Dann bräuchte es möglicherweise nicht mehr Krankenwagen.

In Dresden ist zum Beispiel der allgemeinärztliche und der kinderärztliche Bereitschaftsdienst auf dem Gelände des Uniklinikums zu finden. Geöffnet hat dieser montags bis freitags immer von 19 bis 22 Uhr und am Wochenende jeweils von 8 bis 22 Uhr. Einen Termin brauchen Patienten dort nicht. Wer sich nicht sicher ist, ob er ein Fall für den Not- oder den Bereitschaftsarzt ist, kann vorher anrufen unter 1 116117.

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