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Rettung für das Sachsenhuhn

Es ist leicht zu halten und prächtig anzuschauen. Dennoch gibt es weltweit nur noch 800 Exemplare der gefährdeten Rasse. Doch das soll sich jetzt ändern.

Dieter Kühne aus Haselbachtal ist stolz auf seine schwarzen Sachsenhühner.
Dieter Kühne aus Haselbachtal ist stolz auf seine schwarzen Sachsenhühner. © René Plaul

Haselbachtal. Dieter Kühnes Hahn ist unhöflich. Immer wieder fällt er seinem Halter ins Wort, unterbricht ihn mit einem lauten Kikeriki. Dieter Kühne schaut ihm zu, belustigt und ein bisschen stolz. Denn dieser Hahn ist wahrhaft schön anzusehen, ebenso wie die sieben Hennen, die aufgeregt in ihrem Gehege im Haselbachtal um ihn herumpicken. 

Im Sonnenlicht schimmert das schwarze Gefieder in tiefem Grün, die Ohrscheiben sind strahlend weiß, Kamm, Kehllappen und Gesicht leuchten in Rot. Wache, dunkle Knopfaugen beobachten jeden Fremden aufmerksam. 

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All diese Merkmale sind typisch für das Sachsenhuhn vom schwarzen Farbschlag. Zu sehen gibt es diese gefiederte Pracht nur selten, denn das hübsche schwarze Federtier ist, genau wie seine weißen, gelben und gesperberten Artgenossen, auf der Liste der gefährdeten Haustierrassen vertreten. Aktuell bewegt sich der Tierbestand weltweit im dreistelligen Bereich: Etwa 800 Sachsenhühner gibt es derzeit noch.

Mehr als 300 Anfragen

Eva Lehmann von der Verwaltung des Biosphärenreservat Oberlausitzer Heide- und Teichland erklärt: „Jeden Monat geht weltweit eine Haustierrasse verloren.“ Dieses Schicksal soll dem Sachsenhuhn, das erstmals um 1880 im Erzgebirge gezüchtet wurde, erspart bleiben. Das Biosphärenreservat hatte deshalb im Januar dieses Jahres im Rahmen eines Erhaltungszuchtprojektes interessierte Hühnerzüchter aufgerufen, die Art in ihren Bestand aufzunehmen. 

Die Resonanz war riesig: „Auf einmal war das Interesse an dieser alten Rasse geweckt. Für uns war völlig neu, dass das so eingeschlagen hat“, sagt Eva Lehmann. Insgesamt hätten sich über 300 Interessenten gemeldet. Etwa 100 von ihnen habe die Reservatsverwaltung direkt wieder absagen müsse. Denn wer nach Aufzucht der Tiere einen Brutstamm mit einem Hahn und drei Hennen zu fünf Euro je Tier erwerben will, muss gewisse Voraussetzungen erfüllen: „Die Tiere müssen getrennt gehalten werden, um eine wilde Vermehrung zu verhindern. Uns geht es ja darum, der Rasse zu helfen“, betont Eva Lehmann immer wieder. 

Darüber hinaus sei es wünschenswert, dass die neuen Züchter sich in entsprechenden Vereinen engagieren und auch an Geflügelschauen teilnehmen, um die Rasse populärer zu machen.

Robust und leicht zu halten

„1.500 bis 2.000 Tiere mehr sind notwendig, damit der Tierbestand aus den roten Zahlen kommt“, sagt Eva Lehmann. Das lohnt sich auch für Züchter. „Zwar legen Sachsenhühner mit etwa 180 Eiern im Jahr durchschnittlich etwas weniger als das weiter verbreitete Leghorn. Dafür ist die Rasse aber äußerst robust, leicht zu halten und einfach zu füttern – wie gemacht für die Haltung in kleinbäuerlichen Betrieben.“

Dieter Kühne kann das bestätigen: „Zweimal täglich muss ich die Hühner füttern. Morgens gibt es gemörserte Möhren, Rüben und Kürbis – alles aus eigenem Anbau. Abends Weizen, Gerste und Hafer. Das kaufe ich bei einem Bauern im Ort. Durch eine Lampe im Stall haben die Hühner zu jeder Jahreszeit zwölf Stunden Tageslicht. Das verbessert die Fruchtbarkeit. Sachsenhühner legen auch im Winter Eier.“ Seit 55 Jahren ist der Rentner im Geflügelzüchterverein, seit 43 Jahren als Vorsitzender. Sachsenhühner züchtet er seit dem Jahr 2000 und sagt: „Keine Ahnung, ob ihre Eier anders schmecken. Ich esse keine anderen mehr. Hier weiß ich wenigstens, woher sie kommen.“

Eier sind es auch, mit denen der Rentner das Biosphärenreservat in seinem Vorhaben zur Erhaltung des Sachsenhuhns unterstützen wird. Sachsenweit hat Eva Lehmann Züchter dazu bewegt, Eier aus ihren Beständen für das Projekt zur Verfügung zu stellen. 581 Stück wurden am 27. März in einem Brutschrank eingelegt. Vertreten sind alle Farben, verkündet Sandro Tenne, der das Projekt gemeinsam mit Eva Lehmann betreut, erleichtert: „Von manchen mehr, von anderen weniger. Mit 170 stammen die meisten Eier von gesperberten Hühnern. Weiße haben wir am wenigsten – nämlich 60.“

Vereine hoffen auf Nachwuchs

Die ersten beiden Wochen im Brutschrank haben die Eier hinter sich. Bald werden die Küken schlüpfen. Der nächste spannende Moment: „Das heißt natürlich nicht, dass da 500 gesunde Tiere rauskommen“, sagt Eva Lehmann bestimmt. So könne es passieren, das taube - also nicht befruchtete - Eier in der Auswahl dabei sind, die Küken können beim Schlüpfen steckenbleiben oder in den ersten Lebenswochen an Durchfall sterben. 

Diejenigen, die überleben, werden im Alter von zwölf Wochen erstmals auf ihre Zuchttauglichkeit hin untersucht. Geflügel, dass sich für das Projekt nicht eignet, wird bereits dann an Tierhalter übergeben. Der Rest verbleibt bis zum Alter von sechs Monaten in der Aufzucht. Nach einer Endauswahl bekommen die Züchter schließlich ihre Brutstämme.

„Im schlimmsten Fall sind über die Hälfte der Küken Hähne“, sagt Eva Lehmann. Auch die sollen die Möglichkeit bekommen, erwachsen zu werden. Erst dann werden sie im Kochtopf landen. „Es geht uns ja nicht nur um die Tierproduktion, sondern auch um das Tierwohl“, versichert Lehmann. Für mindestens drei Jahre will das Biosphärenreservat das Arterhaltungsprojekt begleiten. 20 Eier jährlich soll jeder Züchter in diesem Zeitraum an die Initiatoren zurückgeben, um die Weiterzucht zu sichern.

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Um die Art zu erhalten, hat das Biosphärenreservat ein Projekt gestartet. Den ersten Tieren steht nun eine wichtige Prüfung bevor.

Dieter Kühne erhofft sich von dem Projekt über die Rettung des Sachsenhuhns hinaus noch Nachwuchs ganz anderer Art: „Viele Mitglieder in den hiesigen Geflügelzuchtvereinen sind alt und geben nach und nach die Zucht auf. Es wäre schön, wenn durch die Maßnahme auch die Vereine Zulauf durch neue, junge Mitglieder bekämen“, sagt er.

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