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Revolution erfüllt mit Stolz

Eine Festveranstaltung erinnerte in Wittichenau. Dort gibt es noch mehr zum Thema.

Festakt 30 Jahre Friedliche Revolution in Wittichenau am 2. Oktober 2019 im Friedrich-Forell-Zentrum (Kolpingplatz 8). Zu Gast waren Pfarrer Peter Paul Gregor, Relegionslehrer Dietmar Schmidtmann, Bautzens Landrat Michael Harig (CDU) und Pfarrer a. D. Hei
Festakt 30 Jahre Friedliche Revolution in Wittichenau am 2. Oktober 2019 im Friedrich-Forell-Zentrum (Kolpingplatz 8). Zu Gast waren Pfarrer Peter Paul Gregor, Relegionslehrer Dietmar Schmidtmann, Bautzens Landrat Michael Harig (CDU) und Pfarrer a. D. Hei © Foto: Hagen Linke

Es war ein beeindruckender Zug am 30. Oktober vor 30 Jahren in Wittichenau: 5 000 Menschen waren auf der Straße. „SED raus aus den Betrieben“ wurde gerufen oder „Wir lieben unser Land, aber nicht den jetzigen Staat.“ So steht es in der „Chronik der Friedlichen Revolution“, die das Geschehen in der Stadt und im Umland thematisiert. Zu sehen ist sie derzeit im evangelischen Friedrich-Forell-Zentrum am Wittichenauer Kolpingplatz. Am gleichen Ort fand vor einer Woche eine Festveranstaltung zum Thema statt. Der Abend genau vor dem Tag der Deutschen Einheit war bewusst gewählt: Genau 30 Jahre vorher fand an dieser Stelle, in der evangelischen Kirche, ein ökumenischer Gottesdienst statt, bei dem die Not der Zeit in Gebete gefasst worden war – wie vielerorts im Land. „In Leipzig und in Wittichenau ging der Umsturz des Systems von der Kirche aus“, sagte Religionslehrer Dietmar Schmidtmann.

Zu Gast waren an jenem Tag in Wittichenau vor einer Woche der ehemalige sächsische Innenminister Heinz Eggert (CDU), Pfarrer Peter Paul Gregor, der sich vor 30 Jahren als Kaplan um die Jugendseelsorge gekümmert hat, und Landrat Michael Harig (CDU). Im Mittelpunkt des Abends stand der Festvortrag von Heinz Eggert unter dem Titel „Spannende Zeiten“: Der ehemalige Ortspfarrer in der Oybiner Bergkirche schilderte sehr eindrucksvoll, wie er den Herbst 89 erlebte. Sein Wohnort: 130 Meter von der tschechischen Grenze entfernt. Kinderwagen lagen im Gebüsch, sie hinderten an der Flucht über die Grenze. Zwei junge Soldaten fordern Eggert auf, den Ausweis zu zeigen. Als der erwiderte, er trage ihn nie im Ort, meinte einer der beiden, dazu sei er aber verpflichtet. Das Folgende schildert Eggert in Wittichenau so: Die sollen erst mal in Berlin ihre Pflicht tun, habe er erwidert – und erntet ein Nicken. Natürlich war das Pflichttun ironisch gemeint: „Am liebsten würden sie ihre Knarre an einen der umweltgeschädigten Bäume hängen und in Richtung Ungarn hinterherlaufen.“

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Durchschnittsmenschen bewegen Geschichte

Jeder Tag, jede Woche war politisch anders, erinnerte Heinz Eggert. In der Geschichte spreche man oft von großen Persönlichkeiten, die Zivilcourage zeigten: Gandhi, Martin Luther King .... In Zittau, Wittichenau und anderen Städten der Lausitz aber waren es „Durchschnittsmenschen“, die die Geschichte bewegten: „Ohne sie und ohne die Steinchen, die sie losgetreten haben, wäre diese Wende nicht denkbar gewesen.“ Diese Erfahrung sollte man in einer Demokratie nicht vergessen.

Eggert schlug den Bogen von den Schwierigkeiten der folgenden Monate, dem sogenannten „dritten Weg“ für beide Staaten, über die marode Finanzlage der DDR bis hin zu Irrtümern und Vorurteilen auf beiden deutschen Seiten: auf der einen Seite die Ostdeutschen mit „schlichtem Gemüt“, die angeblich viel jammern und nicht arbeiten konnten; auf der anderen die Westdeutschen; egoistisch, ellenbogen-orientiert und „oberflächliche Schaumschläger“. Es sei schwierig, dass sich beide Seiten durch aktuelle politische und wirtschaftliche Debatten in ihren Ansichten immer wieder bestätigt fühlten, so Eggert: „Wenn man glaubt, alles zu wissen, und sich damit sein Weltbild einrichtet, sozusagen in den warmen Wassern der Vorurteile schwimmt, müssen Missverständnisse auftreten.“

Eggert machte deutlich, wie schwer es den Ostdeutschen gefallen ist, in den Zeiten der Unsicherheit den grundlegenden Wandel der Lebensverhältnisse zu bewältigen, sich dem Neuen zu öffnen, ohne es kritiklos zu übernehmen. Viele Koordinationsmuster seien weggefallen: Löhne, Ämter, Mieten, Straßennamen ...

Und, so Eggert: Die Lebensleistung der Menschen sei nicht entwertet worden, weil der Staat bankrott gegangen ist. Diese Lebensleistungen sind unter Bedingungen erbracht worden, die zu dieser Zeit im Westen gar nicht mehr vorstellbar waren. Liebe, Freundschaft, Nachbarschaft und Freude in der DDR habe es aber nicht wegen Honecker gegeben, sondern trotz Honecker. „Wer global davon spricht, dass es in der DDR wärmer zugegangen sei, dem muss man in aller Deutlichkeit sagen, dass es in einem Stall, der nie aufgemacht wird, immer wärmer ist.“

Sonntagsgespräch geplant

In der anschließenden Diskussion wurde angemahnt, die Demokratie-Erziehung in der Schule und im privaten Bereich nicht aus dem Blick zu verlieren. Pfarrer Peter Paul Gregor sagte, er sei unglücklich über die Diskussion der Verallgemeinerung. „Man muss sich die Geschichte des anderen anhören.“ Das taten dann auch im Anschluss Jugendliche aus den Kirchgemeinden Wittichenau und Hoyerswerda, die die zahlreich anwesenden Zeitzeugen zu den Tagen im Herbst 89 befragten.

Für Heinz Eggert ist die friedliche Revolution ein Ereignis, auf das die Deutschen stolz sein dürften. Dadurch sei Gesamtdeutschland demokratischer, für die Welt durchschaubarer und berechenbarer geworden. „Diese Demokratie ist unser eigentlicher Gewinn und ihre Erhaltung unsere gesamtdeutsche Aufgabe.“

Die Ausstellung zur friedlichen Revolution des Jahres 1989 in Ostdeutschland ist im Friedrich-Forell-Zentrum Wittichenau (Kolpingplatz 8) in den nächsten Monaten immer sonntags von 15 bis 17 Uhr zugänglich.

Am 27. Oktober findet ein offenes Sonntagsgespräch an gleicher Stelle statt, moderiert vom Historiker Dr. Christoph Wowtscherk aus Dörgenhausen. Menschen, die mitdiskutieren möchten, sind herzlich willkommen.

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